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Hebamme kann nicht von ihrem Job leben

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Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Allzeit bereit, rund um die Uhr: Die Wattenscheiderin Heike Hennerkes arbeitet als freischaffende Hebamme und begleitet ihre Patientinnen von der Hautür bis in den Kreißsaal. Sie macht ihren Job aus Überzeugung – doch davon leben kann sie kaum.

Wattenscheid. 

Es ist nicht leicht, sich mit einer freien Hebamme wie Heike Hennerkes zu verabreden. Für sie ist es normal, allzeit bereit zu sein. Das garantiert sie ihren Patientinnen. Und die vertrauen darauf. „Im Prinzip geht es morgen um sechs. Wenn nicht eins der vier Kinder kommt, auf die ich gerade warte.“

Ist das nicht ein bisschen viel, vier Geburten fast parallel? „Aber nein. Wenn es zu wenige Babys sind, kann ich mir das Hebammendasein nicht leisten.“ 237 Euro bekommt eine Beleghebamme pro Geburt im Krankenhaus, egal, wie lange sie dauert. „Dafür hole ich die Frauen zu Hause ab, begleite sie ins Krankenhaus, bleibe bei ihnen bis zum guten Schluss. Und wenn Mutter und Kind gut versorgt sind und alles dokumentiert ist, putze ich noch schnell den Kreißsaal. Die Putzfrau ist dort nur bei Geburten bis 17 Uhr inklusive.“

Für eine Hausgeburt zahlt die Kasse der Hebamme immerhin 548 Euro. Aber Hausgeburten, das trauen sich viele deutsche Frauen nicht mehr. „Heute sind Schwangere nicht mehr guter Hoffnung, sondern böser Ahnung. Ein Kind zur Welt zu bringen, erscheint vielen unglaublich gefährlich. Ich sehe es als meinen Job an, ihnen die Angst zu nehmen, auf sie einzugehen“, erklärt Heike Hennerkes.

Aus Überzeugung

Die 46-Jährige ist gelernte Krankenschwester und Bürokauffrau. Erst nach der Geburt ihrer drei Kinder (21, 19 und 15 Jahre, die letzte als Hausgeburt) und einer Familienphase lernte sie den Hebammenberuf. „Aus Überzeugung, nicht um damit viel Geld zu verdienen. Aber davon leben können müssen wir schon. Und das geht im Moment kaum.“

Seit einem Jahr arbeitet die Wattenscheiderin als freie Hebamme mit Belegbetten im Wittener Marienhospital. Bei der Existenzgründung hatte sie Unterstützung vom Arbeitsamt. Jetzt muss sie allein zurechtkommen und das wird schwierig.

Kleine und große Unsicherheiten

„Ich arbeite sieben Tage die Woche, von morgens bis abends, bin zudem immer in Bereitschaft, auch nachts, und trotzdem ist es knapp.“ Kein Wunder, die Kosten sind hoch. Für Wege zu den Patientinnen erstattet die Kasse zwar Benzingeld, aber keine Anfahrzeit. 26 Euro pro Wochenbettbesuch gibt es, ausgehend von 30 Minuten Zeitaufwand. „Aber natürlich dauert das länger. Es gibt so viele Fragen: Zum Stillen, zur Ernährung, Nabelpflege, zum Schlafen: zu allem. Eine Stunde wird es immer. Plus Fahrtzeit,“ erklärt Hennerkes.

In der Vorsorgebetreuung ist das nicht anders. Nadine Janowitz (33) ist in der 29. Woche schwanger. Sie ist froh, eine Hebamme gefunden zu haben, die ihr all die kleinen und großen Unsicherheiten rund um die Schwangerschaft abnimmt. Die man immer anrufen darf, auch am Sonntag. Und die geduldig auch Söhnchen Julian (fast 3) die Herztöne des künftigen Geschwisterchens mithören lässt. Solche „Extras“ kriegt Heike Hennerkes zwar nicht bezahlt. Aber das ist es, was sie an ihrem Beruf so liebt. Dass das Kinderkriegen so natürlicher Bestandteil des Lebens bleibt.

Normale Geburt

Drei Ultraschalluntersuchungen beim Arzt plus bis zu 14 Vorsorgeuntersuchungen bei Arzt oder Hebamme bezahlt die Kasse als Regelversorgung. Nicht immer sei ein Ultraschall aufschlussreicher als Tastbefunde und ganzheitliche Beobachtung über die ganze Zeit der Schwangerschaft, sind Hebammen wie Heike Hennerkes überzeugt. Für sie ist die enge Betreuung über die ganze Schwangerschaft die beste Voraussetzung für eine komplikationsfreie vaginale, also normale Geburt. Und die Statistiken widersprechen nicht. Im Gegenteil.