Hartz IV: Jobcenter schiebt Rentner (84) auf Campingplatz ab – „Das ist menschenunwürdig!“

Johann Schulz (84) lässt das Jobcenter auf einen Campingplatz hausen.
Johann Schulz (84) lässt das Jobcenter auf einen Campingplatz hausen.
Foto: Screenshot (ZDF)

Westerburg. Johann Schulz, 84 Jahre alt, lebt auf einem Campingplatz im Westerwald. Dort wohnt der Rentner zur Miete. Auch im Winter. Dann ist das Leben dort besonders hart.

Eine funktionierende Toilette hat der 84-Jährige nicht. Die Wasserleitungen frieren ein, deswegen muss Schulz jedes Mal zum Waschhaus gehen, wenn er Wasser braucht. Das wird zunehmend zum Problem, denn das Gehen fällt dem 84-Jährigen immer schwerer, und der Weg ist weit.

Über sein schockierendes Schicksal und das von Hartz-IV-Empfängern, die ebenfalls auf dem Campingplatz wohnen, berichtet das ZDF-Magazin Frontal 21.

Hartz-IV-Empfänger: Jobcenter schickt sie auf den Campingplatz

Freiwillig hat Johann Schulz sich für das Leben auf dem Campingplatz nicht entschieden. Früher war er Schlosser, muss jetzt von Rente und Grundsicherung leben. Das sind gerade einmal 632 Euro. Eine richtige Mietwohnung kann sich Schulz nicht mehr leisten.

Der Campingwagen kostet 250 Euro plus Strom im Monat. 30 weitere Dauercamper leben dort. Ein Drittel davon beziehe Hartz IV oder Grundsicherung, heißt es in dem Beitrag bei Frontal 21.

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Campingplatz als letzte Möglichkeit

„Ich bin der Letzte, der die Leute dann hier an der Backe hat. Um sie entweder auf den richtigen Weg zu bringen oder sie loszuwerden“, erzählt Michael Graf, Betreiber des Campingplatzes „Zum Katzenstein“.

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In der nächstliegenden Stadt Westerburg sei bezahlbarer Wohnraum knapp. Das Jobcenter gebe den Erwerbslosen daher den Tipp, sich nach einem Wagen auf dem Campingplatz von Michael Graf umzusehen. Von überall dort, wo Mieten teuer sind, kämen die Menschen auf den Campingplatz, berichtet der Betreiber. Sogar aus dem Rhein-Main-Gebiet kämen die Wohnungssuchenden zu ihm.

Helfen, wenn das Amt keine leistet

Angehörige hat Schulz nicht. Deswegen will sich Jessica Hill aus dem Arbeitskreis „Menschenwürdige Grundsicherung“ für ihn einsetzen. Sie findet: „Das ist menschenunwürdig, Menschen dort abzustellen und zu vergessen. Das darf es einfach nicht geben in unserem Land“.

Plötzlich ist es dann doch möglich, dass der 84-Jährige eine Wohnung bekommt. Dafür sorgt eine Betreuerin vom Amt. Die neue Bleibe ist eine Bruchbude – definitiv nicht altersgerecht.

Unfassbare Zustände in der Wohnung

Geheizt wird dort mit Holz, das Schlafzimmer soll sich Schulz mit dem Vermieter teilen. Es gibt kein warmes Wasser. Die Toilette liegt ein Stockwerk tiefer, die steile Treppe ist für den Rentner kaum zu bewältigen.

Die Betreuerin hätte ihm deswegen einen Eimer mit Deckel hingestellt.

Die Mitcamper sind hilfsbereit, aber sprachlos

Nach drei Wochen wollte Johann Schulz nur noch raus aus der Horror-Wohnung. Die Zustände seien unzumutbar. Jessica Hill will helfen und klappert das Sozialamt, das Gesundheitsamt, die Betreuungsbehörde und das Amtsgericht ab. Keiner habe sich verantwortlich gefühlt: „Die haben definitiv versagt. Die sind dafür zuständig, wenn etwas schief läuft, Sorge zu tragen“, klagt sie an.

Deswegen lebt Schulz erneut auf dem Campingplatz. Dort kann er sich immerhin auf die Hilfe der Mitcamper verlassen. Auch die sind sprachlos, wie mit dem Mann umgegangen wird.

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Die Verbandsgemeindeverwaltung von Westerburg gibt eine schwache Erklärung für die Lebenssituation von Johann Schulz ab: Sie gehe davon aus, dass der Mann sich selbstbestimmt für das Leben auf dem Campingplatz entschieden hätte.

Zuschauer sind schockiert über die Verhältnisse

Viele Zuschauer sind betroffen. „Ich bin geschockt, dass die Verbandsgemeindeverwaltung Westerburg und die Kreisverwaltung Montabaur ALG 2 Empfänger auf den Campingplatz abschiebt! Das ist menschenunwürdig!“, sagt ein Twitter-Nutzer. „Die Verantwortlichen werden für diese Verbrechen in der Hölle schmoren. Definitiv“, prophezeit ein anderer.

Der Fernsehbeitrag ist hier in der Mediathek des ZDF zu sehen. (vh)

 
 

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