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Gottschalk-Entdecker Udo Reiter tot aufgefunden

Er entdeckte Gottschalk und Jauch. Trotz seiner Querschnittlähmung gelang Udo Reiter eine bemerkenswerte Karriere. Er war Hörfunkchef des Bayerischen Rundfunk. Dann, im vereinten Deutschland, baute er den MDR als Gründungsintendant auf. Jetzt wurde der 70-Jährige tot aufgefunden.

Leipzig. 

Vergangene Woche hat er noch in Maybrit Illners Talkshow gesessen und sich ebenso vehement wie emotional für aktive Sterbehilfe ausgesprochen. Am Freitag ist Udo Reiter (70), ehemaliger Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks, leblos auf der Terrasse seines Hauses bei Leipzig aufgefunden worden. Ganz in der Nähe soll eine Pistole gelegen haben. Die Polizei geht nach ersten Ermittlungen von Selbstmord aus, will aber auch Fremdverschulden nicht ausschließen.

Reiter hat sich schon früh mit Tod und Selbstmord beschäftigt. Gerade 23 Jahre alt ist er, da verunglückt er am Nikolausabend 1966 bei Blitzeis mit seinem VW-Käfer, bricht sich das Kreuz, ist vom fünften Brustwirbel abwärts querschnittgelähmt. Im Rollstuhl will er sein Leben nicht fristen. Er sammelt Valium, merkt, dass es damit nicht funktioniert und besorgt sich Waffenschein und Revolver. Aber abdrücken kann er nicht. „Ich war viel zu vital, um freiwillig auf das Leben zu verzichten.“

Erfolgreicher Rundfunk-Mann

Viele Jahre bleibt die Lust am Leben ungebrochen. Reiter geht Hochseefischen und Tiefseetauchen und besucht als Journalist auch mal den Dalai Lama in schwer zugänglichem Gelände. Denn trotz seines Handicaps hat er Karriere in der Medienbranche gemacht. Der als CSU-nah geltende Lindauer beginnt in der Wissenschaftsredaktion des Bayerischen Rundfunks, steigt dort schnell auf, wird 1986 Hörfunkdirektor und entdeckt quasi nebenbei Thomas Gottschalk, der damals Verkehrsnachrichten vorliest, und Günther Jauch. 1991 bekommt er das Angebot, Intendant des neu aufzubauenden Mitteldeutschen Rundfunks zu werden. Bedenkzeit: zehn Minuten. Reiter braucht nicht mal eine, um zuzusagen.

Mit vielen Boulevard- und Volksmusik-Sendungen entsetzt er die Kritiker, macht den MDR aber zum meistgesehenen Dritten Programm. Und mit Methoden, die manche „kreativ“ nennen, füllt er die Kassen des Senders durch risikoreiche Wertgeschäfte. Im Jahr 2000 geht die Sache schief, es kommt zu Verlusten in Millionenhöhe. Überhaupt häufen sich die schlechten Nachrichten im neuen Jahrtausend. Einige MDR-Moderatoren werden als Stasi-Mitarbeiter enttarnt, MDR-Sportchef Wilfried Mohren wird wegen Schleichwerbung fristlos gekündigt, Unterhaltungschef Udo Foht nach Vorwürfen des Amtsmissbrauchs, der Bestechlichkeit und des Betrug entlassen. 2011 geht auch Reiter. Freiwillig, unbelastet, aber ein wenig zu spät, wie er selber einräumt.

Recht auf Sterbehilfe gefordert

Im selben Jahr stirbt auch seine erste Frau Ursula. So qualvoll ist ihr Tod, dass Reiter seitdem oft über sein Recht spricht, selbstbestimmt sterben zu können. „Ich habe trotz Rollstuhl ein schönes und selbstbestimmtes Leben geführt. Ich möchte nicht als Pflegefall enden, der von anderen gewaschen, frisiert und abgeputzt wird“, schrieb er Anfang des Jahres in einem Gastbeitrag für die „Süddeutsche Zeitung“. „Und ich möchte ganz allein entscheiden, wann es so weit ist und ich nicht mehr will.“