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Glückwunsch! Marianne Koch wird 80

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Foto: unbekannt
Sie kann auf eine Schauspieler-Karriere zurückblicken, die sie nach Hollywood führte. Sie studierte mit 40 Jahren noch einmal Medizin. Sie war eine Fernseh-Frau und ist immer noch als Medizinjournalistin tätig. Am Freitag, 19. August, wird Marianne Koch 80. Jutta Bublies sprach mit ihr.

Essen/Tutzing. 

. Als junge deutsche Schauspielerin schaffte sie es bis nach Hollywood. Mit 40 kehrte sie dem Film den Rücken und nahm ihr abgebrochenes Medizinstudium wieder auf. Mit 55 Jahren hat sie sich als Ärztin in München selbstständig gemacht. Sie war ein Fernsehgesicht („3 nach 9“, „Medizin-Magazin“), auch eine der prominenten Ratefüchse bei Robert Lembke („Was bin ich?“). Sie hat erfolgreiche Medizin-Ratgeber geschrieben. Und wer ihr begegnet, meint, eine umtriebige 50-Jährige vor sich zu haben. Jutta Bublies sprach mit Dr. Marianne Koch, die heute 80 wird und in ihrem Leben immer wieder neue Dinge wagte.

Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem 80. Geburtstag! Wie bleibt man so fit?

Ich habe mich immer viel bewegt. Mein Haus hat drei Treppen, die laufe ich täglich mindestens 50 Mal rauf und runter. Ich gehe möglichst jeden Tag mit meinen beiden Hunden eine Dreiviertelstunde spazieren. Und gelegentlich mache ich Gleichgewichtsübungen mit einem Physiotherapeuten. Das ist alles. Aber natürlich ernähre ich mich auch vernünftig.

Was steht auf Ihrem Speiseplan?

Vollkornprodukte, Naturjoghurt, Käse, Fisch, nicht zu viel Fleisch, vor allem aber Obst und Gemüse – alles frisch zubereitet. Und grundsätzlich keine Fertignahrung! Ich denke, meine Vorliebe für Gemüse stammt aus meiner Kindheit. In der Nachkriegszeit haben wir davon gelebt, was meine Mutter im Garten angebaut hat. Schlimm, dass der Geschmackssinn der Kinder heute von all diesen viel zu süßen und fetten Industrieprodukten geprägt wird – mit entsprechenden Folgen für ihr Körpergewicht und damit für ihre Gesundheit.

Sie sind auch eine begeisterte Köchin!

Ja. Vor allem kann ich unglaublich schnell kochen. Das musste ich auch, wenn ich immer erst gegen 21 Uhr aus meiner Praxis zu meiner hungrigen Familie nach Hause kam.

Sie sind eine Frau mit drei Berufen – Schauspielerin, Ärztin und Medizinjournalistin. Was hat Sie am meisten erfüllt?

Ganz klar die Medizin! Die Filmkarriere habe ich immer als ein Intermezzo empfunden. Ich sah mich nicht als brillante Schauspielerin, die ich auch nicht war, und erlebte den ganzen Trubel inklusive Hollywoods Glitzerwelt mit ziemlicher Gelassenheit. Ich war eben von Anfang an überzeugt, dass ich früher oder später wieder in meinen eigentlichen Wunschberuf zurückkehren würde.

Was hat Sie dann am Filmen gereizt?

Zum einen ist Filmen eine sehr kreative Tätigkeit. Dann müssen Sie sich vorstellen, ich kam aus dem grauen Nachkriegsdeutschland und spielte sehr schnell in internationalen Produktionen, mit Aufnahmen in Italien, Spanien, Bangkok und Hongkong. Solche Reisen waren damals nicht so selbstverständlich wie heute und ich habe die Arbeit in fremden Ländern sehr genossen. Aber eigentlich ist die Filmzeit für mich irgendwie ganz weit weg – auch emotional.

Sie standen mit Stars wie Clint Eastwood („Für eine Handvoll Dollar“, 1965), Curd Jürgens („Des Teufels General, 1955) und Gregory Peck („Das unsichtbare Netz“, 1954) vor der Kamera. Wer sagte Ihnen als Mensch am meisten zu?

Für Gregory Peck habe ich schon vorher geschwärmt. Clint Eastwood erinnere ich als ganz untypischen Schauspieler: Leise, bescheiden und bereits damals fest entschlossen, über kurz oder lang selbst Regie zu führen. Aber ich habe auch sehr gerne mit den tollen deutschen Schauspielern, weiblich und männlich, zusammengearbeitet.

Gehen Sie gerne ins Kino und was halten Sie vom heutigen Fernsehprogramm?

Ich liebe alle Woody Allen-Filme und freue mich jetzt auf den neuen: „Midnight in Paris“. Überhaupt mag ich intelligente Komödien – wie die des unvergesslichen Billy Wilder. Oder heute die von Pedro Almodovàr, Roberto Benigni und Emir Kusturica. Dagegen hasse ich alle Actionfilme mit ihren ständigen Gewaltszenen. Als Schülerin bin ich übrigens sehr viel ins Kino gegangen. Es gab eines gegenüber der Schule und da saß ich manchmal schon in der Pause.

Was halten Sie vom heutigen Fernsehprogramm?

Den Fernseher schalten wir grundsätzlich erst ab den Spätnachrichten ein. Das Programm davor: oh je! Es sei denn, sie senden Fußball live. Gottlob gibt es Arte und 3sat.

Sie haben mit 55 Jahren als Internistin mit Kollegen eine Gemeinschaftspraxis eröffnet. Da denken andere an ihre Rente.

Ich habe gerne in der Klinik gearbeitet. Aber die eigene Praxis war das eigentliche Ziel, auf das ich von Anfang an hingearbeitet habe. Es war wieder einmal ein Neuanfang. Ich denke, wenn man etwas hochmotiviert beginnt, dann spielt das etwas höhere Alter keine Rolle. Ich kann solche Neuanfänge nur allen empfehlen!

Sie kritisieren immer wieder öffentlich, auch in Fernsehsendungen, unser Gesundheitssystem. Was stört Sie?

Die Ärzte arbeiten heute hierzulande unter extrem schlechten Bedingungen. Krankenkassen und Gesundheitsbehörden zwingen sie dazu, ihre Arbeitskraft und Zeit in teilweise sinnlose Dokumentationen und andere bürokratische Tätigkeiten zu stecken, statt sich um ihre Patienten so kümmern zu können, wie sie es einmal gelernt haben. Dabei bleibt hauptsächlich die Sprechende Medizin auf der Strecke. Die absolut nötige Kommunikation zwischen Patient und Arzt, die diesem erst ermöglicht, sein Gegenüber als ganzen Menschen zu sehen und sein soziales Umfeld wahrzunehmen. Mit dem Patienten ausführlich zu sprechen, ist eine Primärtugend jeden Arztes und sie ist auch die billigste Medizin. Wenn sie nicht mehr honoriert wird, ist dies ein Armutszeugnis für unser System. Kein Wunder, dass viele Ärzte nach Frankreich, in die Schweiz oder sogar nach Norwegen gehen, wo sie die Medizin praktizieren können, die sie für richtig halten.

Sie äußern sich nicht nur zur Gesundheitspolitik, sondern sind auch weiterhin als Medizin-Journalistin tätig.

Ja. Ich habe jeden Samstag in Bayern2Radio eine einstündige Live-Sendung „Gesundheitsgespräch“, in dem ich mit meinem Moderator Werner Buchberger über ein jeweils anderes medizinisches Thema spreche und Hörerfragen beantworte. Übrigens: Eine gute Methode, um auch meinen Geist fit zu halten! Dann habe ich gerade einen neuen Ratgeber, das „Herz-Buch“ (dtv, 14,90 €), geschrieben. Ich denke, ich habe ein gewisses Talent, auch komplizierte medizinische Zusammenhänge in einfachen Worten und Bildern für jedermann verständlich zu erklären. Das macht wohl den Erfolg meiner Bücher aus.

Sie waren viele Jahre lang Präsidentin der Deutschen Schmerzliga und werden jetzt deren Ehrenpräsidentin. Außerdem sind Sie seit 1995 auch Schirmherrin der Deutschen Hochdruckliga. Warum sind Ihnen diese beiden Medizinbereiche so wichtig?

Schmerzpatienten sind bei uns immer noch die Stiefkinder der Medizin. Das liegt hauptsächlich an der Tatsache, dass Schmerzdiagnostik und –therapie keine Pflichtfächer des Medizinstudiums sind. Obwohl jeder dritte Patient den Arzt wegen irgendwelcher Schmerzen aufsucht. Ich finde, das ist ein Skandal. Was den Bluthochdruck angeht, so steht fest, dass jeder zweite 60-Jährige in Deutschland einen zu hohen Blutdruck hat – dies aber oft nicht weiß. Leider nehmen auch viele derjenigen, die über ihre zu hohen Werte informiert sind, die Sache nicht so ernst, wie sie sollten – mit allen schlimmen Folgen für Herz und Kreislauf, Augen und Nieren. Da muss noch viel Aufklärung stattfinden.

Machen Sie sich über Ihr Alter Gedanken?

Ich habe gerade einen wundervollen Satz aus dem Mund der 100-jährigen Bel Kaufmann, einer Enkelin des Dichters Scholem Alejchem, gelesen, die gefragt wurde, wie sie so jung geblieben sei. Die Antwort: „Ich bin zu beschäftigt, um alt zu werden. Wenn ich mal Zeit habe, werde ich mich hinsetzen und alt werden, aber jetzt habe ich zu viel zu tun.“ Ein wenig trifft das auch auf mich zu.