Es passt nie! Warum auf Kleidergrößen kein Verlass ist

Kirsten Simon
Janette Müller vom Essener Modeladen Uniqat kennt das Problem. Sie weiß, dass die Kleidung je nach Marke unterschiedlich ausfällt.
Janette Müller vom Essener Modeladen Uniqat kennt das Problem. Sie weiß, dass die Kleidung je nach Marke unterschiedlich ausfällt.
Foto: Jakob Studnar/ WAZ FotoPool
Es ist ein Dilemma: Den Kunden fällt es zunehmend schwerer, sich an den Kleidergrößen zu orientieren. Zu oft fallen die Größen je nach Marke unterschiedlich aus. Experten sagen, dass dahinter Programm stecken kann. Manche Hersteller wollen ihren Kunden zum Beispiel schmeicheln.

Essen/Köln. Die Hose kneift an den Oberschenkeln, die Bluse spannt an den Schultern – Einkaufen kann so enttäuschend sein. Vor einer Woche hat die 40 noch perfekt gepasst, heute, in der Umkleidekabine einen Laden weiter, klebt sie wie eine Pelle am Körper. Zeichen für eine plötzliche Gewichtsexplosion? Nicht unbedingt. Die Wahrheit ist: Auf Kleidergrößen ist kein Verlass.

Bei Jil Sander wird die Sanduhr-Figur kaum fündig

„Die Größen sind nicht normiert. Sie fallen von Firma zu Firma anders aus“, sagt Thomas Rasch, Hauptgeschäftsführer des Modeverbands „German Fashion“. Der Verband vertritt 340 Unternehmen aus der Modebranche und sammelt viele Erfahrungen und Vergleiche mit Herstellern.

Vieles, auch die Vergabe der Größen, hänge vom Image ab, das eine Marke pflegen will. Die einen richten sich an zierliche Frauen, die anderen wollen für fülligere Kundschaft attraktiv sein. Heißt: In einer Jil-Sander-Boutique mit schmal geschnittenen Kollektionen wird die Kundin mit der Sanduhr-Figur weniger glücklich.

„Es kann passieren, dass auf der selben Seite eines Versandhauskatalogs zwei ähnliche Jogginghosen verschiedener Marken abgebildet sind. Bestellt der Kunde beide in der gleichen Größe, ist es möglich, dass die eine Hose zu groß ist, die andere zu klein“, sagt Rasch – also gehen beide Hosen retour.

Aus Sicht der Versandhändler, zu denen auch Online-Anbieter gehören, ist das ärgerlich. „Weil viele Sachen nicht passen, werden 50 bis 60 Prozent der bestellten Waren vom Käufer zurückgeschickt“, beobachtet der Mode-Experte. Versandhändlern sei deshalb besonders daran gelegen, dass normierte Größen eingeführt werden oder zumindest, dass sich Hersteller an Maßtabellen halten.

Der Versuch, in Europa eine Norm durchzusetzen

Seit Jahren schon will die Europäische Union in Europa verlässliche, genaue Einheitsgrößen durchsetzen. Eine Arbeitsgruppe brütet über Vorgaben. Offensichtlich eine schwere Geburt. „Wie bezeichnet man die Größen? Wie gelingt es, alle Länder unter einen Hut zu bekommen? Solche Fragen müssen geklärt werden“, so Rasch. Hinzu kommt, dass man den überschaubar großen Südeuropäern ebenso gerecht werden muss wie den langen Skandinaviern.

Das Größenproblem geistert auch in Janette Müllers Kopf herum. Die 36-Jährige ist Inhaberin des Modeladens „Uniqat“ in Essen. Sie weiß ganz genau, dass für manchen Kunden die Suche nach dem perfekt passenden Outfit einem Puzzle für Fortgeschrittene gleicht. „Entweder man bleibt bei einer Marke oder man probiert sich durch“, sagt Müller.

Als studierte Ökonomin und nach zehn Jahren Erfahrung im Modebusiness kennt sie die Tricks der Hersteller. Von der Schmeichelmasche bis zum Quadratisch-Praktisch-Gut-Prinzip. Schmeichelmasche heißt, dass der Fabrikat seine Größen eine oder zwei Nummern kleiner auszeichnet, also für die Kundin charmanter. Was bei einem anderen Label eine 40 wäre, wird hier als 38 oder gar als 36 gekennzeichnet.

Das Quadratisch-Praktisch-Gut-Prinzip geht so: Hosen oder Oberteile sind so bequem geschnitten, dass zwar viele Figurtypen damit zurecht kommen, aber bei nahezu keinem die Silhouette richtig gut zur Geltung kommt (Stichwort Funktionskleidung).

Noch komplizierter ist das Shoppen im Ausland

Besonders originell findet Janette Müller das alles nicht: „Mode ist etwas sehr Persönliches. Die Individualität geht verloren, wenn alle nur noch praktische Teile tragen würden, die irgendwie passen, aber nicht richtig.“ Sie setzt sich dafür ein, dass die Menschen sich beraten lassen, dass sie Zeit mitbringen, um Mode zu erleben.

„Natürlich kann ich eine fülligere Kundin in einen Kartoffelsack stecken und sie hat etwas an.“ Besser sei aber, mit der Kundin ein Konzept zu entwickeln, abgestimmt auf die Figur, um Vorzüge zu betonen. Dabei lerne man die Philosophie von Labels kennen und den Stil eines Designers – von sportlich bis avantgardistisch.

Noch komplizierter wird die Suche nach der passenden Konfektionsgröße im Ausland. Im Urlaub lässt es sich besonders entspannt einkaufen – theoretisch. Denn wer sich in Italien, Frankreich oder in den USA einkleiden möchte, sollte die Größenbezeichnungen des Landes kennen, damit er zumindest eine ungefähre Orientierung bekommt.

Um es den Kunden einfacher zu machen und vor allem, um den Export voranzutreiben, gehen allerdings immer mehr Hersteller von den Größenbezeichnungen ihres Landes weg und stellen auf die einzige internationale Formel um: XS bis XL, also von sehr schmal bis extra groß. „Aber auch hier gilt: Je nach Marke fallen die Teile anders aus“, sagt Müller.