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Die „Rentner-Gang“ muss für mehrere Jahre ins Gefängnis

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Traunstein. 

Das Landgericht Traunstein hat die fünf Mitglieder der sogenannten „Rentner-Gang“ zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Die Senioren hatten einen Anlageberater, der ihre Ersparnisse verzockt haben soll, entführt und in einem Kellerverlies eingesperrt.

Die Angeklagten gaben sich vor Gericht als verzweifelte Rentner, deren Ersparnisse von einem Finanzhai verzockt wurden. Da hätten sie zur Selbsthilfe gegriffen und den Anlageberater „für ein paar Tage Urlaub“ an den Chiemsee entführt. Aber vier der fünf Täter sind reiche Senioren – Millionäre, die aus Geldgier auch vor Geiselnahme und gefährlicher Körperverletzung nicht zurückschreckten. Weil sie ihr Opfer blutig geschlagen, mit dem Tode bedroht und tagelang in einem Kellerverlies gefangen gehalten hatten, müssen sie jetzt selbst bis zu sechs Jahre ins Gefängnis.

Der 74-jährige Hauptangeklagte Roland K. erhielt wegen Geiselnahme und gefährlicher Körperverletzung sechs Jahre Haft, sein 61-jähriger Komplize Willi D. wurde wegen Freiheitsberaubung zu vier Jahren verurteilt. Die Ehefrau von Roland K. erhielt eine Bewährungsstrafe von 18 Monaten, eine weitere Komplizin wurde zu 21 Monaten verurteilt. Gegen ihren ebenfalls angeklagten Ehemann konnte wegen dessen schweren Erkrankung nicht verhandelt werden.

„Heimtückisch und hinterlistig“

Das Landgericht Traunstein las den Angeklagten im Alter von 61 bis 80 Jahren die Leviten. „Heimtückisch und hinterlistig“ hätten sie ihr Opfer verschleppt und in Lebensgefahr gebracht, sagte der Vorsitzende Richter Karl Niedermeier am Dienstag in der Urteilsbegründung. Mit dem Verbrechen hätten sie die letzte Möglichkeit gesehen, ihre Millionenansprüche durchzusetzen – aber ob überhaupt berechtigte Ansprüche bestanden, „konnte in diesem Verfahren nicht geklärt werden“, sagte der Richter und bescheinigte der Rentner-Gang einen „spektakulären Fall von Selbstjustiz“.

Der am Chiemsee lebende Bauunternehmer Roland K. und Gattin Sieglinde sowie das Arztehepaar Gerhard und Iris F. aus Schliersee hatten dem Finanzakrobaten James A. insgesamt 1,4 Millionen Dollar zur wundersamen Geldvermehrung anvertraut. Mindestens 12 Prozent Zinsen versprach und zahlte er viele Jahre lang. Doch in der Finanzkrise wurden die riskanten Anlagen plötzlich wertlos, und in den Augen der Senioren wurde der Held plötzlich zum Betrüger. Da beschloss das Quartett die Selbstjustiz: Um ihre Forderungen einzutreiben, sollte der 57-jährige James A. entführt werden.

Ein früherer Angestellter als Komplize

Roland K. war die treibende Kraft bei der Entführung. „Mit großer krimineller Energie“, wie der Richter sagte, baute er im Keller seines Hauses mit Gittern, Brettern und Styropor einen Kerker, besorgte Klebeband und Seile und präparierte den Kofferraum seines Autos mit Plastikplanen.

Dann gewann er einen früheren Angestellten des Finanzberaters, Wilhelm D., als Komplizen. Im Gegensatz zu den anderen Senioren steckte Wilhelm D. mit einer kranken Frau und vier Kindern in Geldnot. Vergeblich hatte er von seinem ehemaligen Chef noch eine noch offene Provision über angeblich 690.000 Dollar gefordert.

Mit Handkantenschlag ruhig gestellt

Am Abend des 16. Juni 2009 lauerten Roland K. und Wilhelm D. dem Finanzberater vor seiner Wohnung in Speyer auf. Er wurde gefesselt, geknebelt und mit einem Handkantenschlag ruhiggestellt. Der Richter betonte, dass James A. mit dem zugeklebtem Mund durchaus hätte ersticken können. Die beiden Entführer verfrachteten ihr Opfer in eine Kiste und transportierten ihn mit einer Sackkarre mitten durch die Fußgängerzone zum Auto.

Als James A. auf der Fahrt im Kofferraum randalierte und zu fliehen versuchte, wurde er mit Faustschlägen traktiert. Blutend wurde er in Chieming in sein Kellerverließ gesperrt. Dann knöpften sich die fünf Männer und Frauen ihr wehrloses Opfer vor.

„Ein paar Tage Urlaub in Oberbayern“

Die Angeklagten beschrieben die Entführung zwar in rosa Farben. Für James A. sei das doch nur eine Einladung „für ein paar Tage Urlaub in Oberbayern“ gewesen, sagte Roland K. Seine Frau Sieglinde habe ihm bayerische Hausmannskost gekocht. Er sei als Gast immer gut behandelt worden, beteuerte Wilhelm D. Und was die Staatsanwaltschaft als Verhöre eines „Femegericht“ beschrieb, war für die Angeklagten nur ein Gesprächskreis, wie man ihn „aus dem Kindergarten kennt“.

Aber auf jeden Fall lag eine durchgeladene Pistole Walter PPK für die Senioren griffbereit. Und James A. stand Todesängste aus.

„Ich dachte, die erschießen mich“

„Ich dachte, die fahren mich in den Wald und erschießen mich“, sagte er. „Es ist erwiesen, dass K. den A. mit dem Tode bedroht hat“, sagte der Richter. „Er befürchtete dass er von K. umgelegt würde.“ Unter dem Druck gab James A. auf und wies seine Bank in Zürich per Fax an, mehr als zwei Millionen Euro auf die Konten der fünf Entführer zu überweisen. Dass er gar keine verkäuflichen Wertpapiere mehr hatte, wussten die Entführer ja nicht.

Ein Fluchtversuch scheiterte, weil ein Nachbar ihn für einen Einbrecher hielt und packte, so dass Roland K. und Wilhelm D. ihn zurückzerren konnten. Aber da hatte der Finanzjongleur seine Peiniger bereits austrickst: In seine letzte Zahlungsanweisung hatte er einen versteckten Hilferuf geschmuggelt: „Sell 100 Call Pol.ICE“. Noch in derselben Nacht stürmte ein Sondereinsatzkommando der bayerischen Polizei das Haus von Roland K. und befreite den Entführten. Nach vier Tagen war seine Gefangenschaft zu Ende. (apn/afp)