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Der Richter ist kein Henker

Der Hamburger Richter Bernd Steinmetz lernt im Hamburger Piratenprozess die ferne, fremde Welt der Seeräuber von Somalia kennen. Es ist sein bisher kompliziertestes Verfahren.

Hamburg. 

Gehört El Danan zum Bereich von Hobio? Wer ist wer, wenn Vater und Sohn eines Clans mit demselben Spitznamen gerufen werden? Bernd Steinmetz ist der Piratenrichter von Hamburg. Er befasst sich gerade mit solchen Details. Seit November führt der 51-Jährige sein vielleicht kompliziertestes Verfahren.

Zehn Somalier sitzen im Saal, die am Ostermontag 2010 vor ihrer Küste den deutschen Frachter „MV Taipan“ kaperten, von Seesoldaten der niederländischen Fregatte „Tromp“ an der Entführung des Schiffes gehindert und schließlich festgenommen wurden. Sie sind des Angriffs auf den Seeverkehr und des erpresserischen Menschenraubes angeklagt. Ihnen drohen bis zu 15 Jahren Haft.

Sie sind arme Teufel: Wie der 16-jährige Abdiwali M., der in der Haft vielleicht erstmals im Leben richtig zu essen bekommt und der einen Traum hat – den, nach dem Urteil in diesem Deutschland zu bleiben, hier zu lernen und zu arbeiten. Sie sind, andererseits, brutale Kampfmaschinen: Die Anklage ließ vor dem Richtertisch die Waffen auffahren, mit denen die Somalier die Taipan-Besatzung bedroht hatten. Fünf Maschinenpistolen AK 47, zwei Raketenwerfer, auch ein Kricketschläger war dabei. Kapitän Eggers und die Taipan-Leute kamen noch gut davon. Bei anderer Entführungen gab es Schläge und Scheinhinrichtungen.

„Wo sind Sie geboren?“ „Unter dem Baum.“ „Wann war ihr Geburtstag?“ „In der Regenzeit.“ Der Vorsitzende der Dritten Strafkammer des Landgerichts muss nicht nur Tatumstände würdigen, die 6000 Kilometer entfernt herrschen. Er hat es auch mit Angeklagten zu tun, die aus einer anderen Welt ohne Standesamt und Gesetz kommen. Er muss damit fertig werden, dass seine verängstigten Gegenüber ihn, den Mann mit dem schwarzen Umhang, zunächst für den Henker gehalten haben, der das Schwert holt und kurzen Prozess macht.

Dabei ist der Prozess im Saal 337 gegen die zehn jungen Somalier alles andere als kurz. Es wird inzwischen bis Dezember terminiert. Er ist auch nicht folgenlos. Nachdem Steinmetz einen Seesoldaten ihrer Majestät einvernommen und der einen der Angeklagten als Informanten über die Lage in Somalia enttarnt hat, sollen Unbekannte den Halbbruder des Somali zu Hause hinterrücks ermordet haben. Ein Racheakt für den Verrat vor der fernen Hamburger Richterbank. Jetzt wird auch gegen den Marinemann wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Es droht ein Prozess im Prozess.

Somalia ist anders als Deutschland, hat Richter Steinmetz in diesen 35 Verhandlungstagen gelernt. Angeklagter M., seit 1992 Kriegswaise, hat berichtet, wie man seinen kleinen Sohn entführt hat, den er mit dem Anteil vom „Taipan“-Lösegeld freikaufen wollte. Und jetzt? Sitze er in U-Haft auf einer Elbinsel, habe nicht mal das Geld, zu Hause anzurufen.

Piraten sind überrascht

Die mutmaßlichen Piraten sagen aus oder lassen aussagen. Sie dürfen, wohl auch zur eigenen Überraschung, damit ein Recht nutzen, das weder Folterknechte kennt noch Henker, dafür aber die Unschuldsvermutung. Dass die bis zum Urteil erhalten bleibt, dafür sorgen 20 steuerbezahlte Pflichtverteidiger. Dolmetscher übersetzen alles vom Deutschen ins Englische ins Somalische und retour. Verständlichkeit ist in Saal 337 manchmal Mangelware. Schwerfälligkeit ist der Alltag.

In diesen Tagen ist der Vorsitzende auf Motivsuche. Er will wissen, welche Rolle die Piraterie spielt in so einem gesetz- und herrschaftslosen Land. Der vom Gericht beorderte Sachverständige erläutert: Bei weitem nicht alle zwölf Millionen Somalier wären Piraten, nur zwischen 1500 und 5000.

Es sei, lässt er durchblicken, Geld, das locke, und nicht die Wut auf westliche Raubfischer oder illegale Müllentsorger, die sich der Gewässer vor Somalia als Ressource bedienen. 120 Dollar Jahreseinkommen des durchschnittlichen Somaliers stünden den bis zu 55 000 Dollar gegenüber, die ein Pirat für eine einfache erfolgreiche Kaperung erhalte. „Piraterie in Somalia ist hochrentabel“. Risiko? Schlechtes Wetter weit mehr als westliche Fregatten, sagt der Gutachter in schwer verständlichem Englisch. Zuletzt sind alleine zwölf Piratenteams nicht zurückgekehrt. Steinmetz ist wieder ein Stückchen weitergekommen.