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Der neue Dortmund-Tatort bricht mit einer Erzähltradition

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1_tatort_mein_revier~012ab05a-dae1-4ed7-a78c-957fe59804ad.jpg Foto: WDR/Willi Weber
Langweilige Tätersuche – schockierender Fall: Erst der Bruch mit den üblichen Erzählgewohnheiten macht den neuen Dortmunder „Tatort“ interessant.

Dortmund. 

Es geht ihnen nicht gut, den Dortmundern. Bei Kommissar Faber wissen wir das schon länger. Er ist wütend, zynisch und bitter, seitdem seine Tochter ermordet wurde, und einsam ist er sowieso. So einsam wie viele in diesem „Tatort“. Kollegin Bönisch verliert das Sorgerecht für die beiden Söhne an ihren Mann und sitzt an Hotelbars herum, um sich abschleppen zu lassen. Daniel Kossik säuft und raucht wie ein Zechenschlot, schleppt auch ab oder lungert vor dem Haus seiner Exfreundin Nora Dalay herum, eifersüchtig auf ihren neuen Freund, einen Anwalt, den er höhnisch „Sugardaddy“ nennt.

Ein Tütchen Tabletten und eine winzige Leiche

Aber wie soll man hier auch glücklich sein? Es ist eine Welt, in der selbst Spielplätze zur Todesfalle werden. Die kleine Emma, sechs Jahre alt, buddelt im Sand. Ihre Mutter telefoniert. Sie sieht nicht, wie Emma ein Tütchen mit bunten Tabletten findet. Jemand muss es dort versteckt haben, vielleicht auf der Flucht vor der Polizei. Emma schluckt eine Tablette und stirbt an einer Überdosis Kokain. „Willkommen in der Nordstadt“, sagt Faber und beugt sich über die winzige Leiche. Blut rinnt aus der Nase. „Was war das hier?“, fragt er. „Ein Zauberwald? Oder ein verwunschenes Schloss?“

Es war, seitdem Gunther Witte 1969 das „Tatort“-Format entwickelte, immer ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Episoden in sich abgeschlossen sein müssen. Voraussetzungsloses Erzählen nennt man das. Das hat den Vorteil, auch für sporadische Zuschauer verständliche Geschichten anzubieten – und den Nachteil, dass die Charaktere statisch bleiben. In Zeiten, in denen amerikanische Serienformate narrative Bögen über die Sendedauer von Tagen und Wochen spannen, wirkt das staubig.

Der „Tatort“ muss sich verändern, und die Episoden mit dem Quartett aus Dortmund, diese hier ist die siebte, brechen am entschlossensten mit dem Prinzip, wonach ein Fall nur 90 Minuten dauert. Wir wissen viel über die Kommissare und wir treffen alte Bekannte wieder. Etwa den schmierigen Geschäftsmann Tarim Abakay, der natürlich mit Drogengeschäften überhaupt nichts zu tun haben will. Auf Videoaufnahmen haben die Ermittler ein dealendes Pärchen aus dem Senegal erkannt, die nach einer Razzia über den Spielplatz flüchteten.

Faber mutiert zu einer Art Dortmund-Schimanski

Faber besucht Abakay in seinem Stammcafé und mutiert dabei zu einer Art Dortmund-Schimanski – wie er überhaupt oft eine Spur zu laut wirkt in dieser Folge. Liegt es daran, dass ihn das tote Kind an seine Tochter erinnert? Faber will Leuten „den Arsch aufreißen“ und fegt Tabletts mit Tee durch die Gegend. Abakay lässt seelenruhig durchblicken, dass der Spielplatz nicht mehr zu seinem Revier zählt. Tags darauf wird die Dealerin tot aufgefunden, erschlagen.

War es der Vater des toten Mädchens? Oder Abakay und seine Leute? Regisseur Dror Zahavi und Autor Jürgen Werner laden routiniert zum Tätersuchspiel, das ihnen diesmal etwas langweilig gerät. Da kann Faber noch so sehr poltern, fluchen und Kollegen beleidigen: Der Kreis der Verdächtigen ist zu klein, die Motive zu leicht zu durchschauen. Dieser „Tatort“ schwächelt. Aber, das weiß in Dortmund jeder Fußballfan: Solche Phasen gehen auch vorbei.

Fazit: Die Tätersuche ist langweilig, der Fall schockierend. Interessant ist der Bruch mit den Erzählgewohnheiten.

ARD, 20.15 Uhr