Veröffentlicht inPanorama

Das Ich auf Weltreise

Berlin. 

Er nennt es „den Wagen langsam anlassen“, wenn er bei seinen Lesungen den ersten Schluck Alkohol auf der Bühne trinkt. Drei Stunden, eine Flasche Weißwein und zwei Tequilas später ist das Publikum mit Helge Timmerberg (64) von Bielefeld über Havanna und den Himalaja bis nach Kathmandu gereist. Vom Volontär bei der Lokalzeitung zu einem der einflussreichsten deutschen Reporter und Autor von 14 Büchern.

„Ich habe so wahnsinnig viel erlebt, dass es einfach nicht in ein Buch passt“, sagt er dieser Zeitung. Zu seinen wildesten Erlebnissen zählt die Überlandfahrt mit einem Laster nach Indien über die Türkei, den Iran und Pakistan, weiter, dass Schauspieler Steven Seagal ihm beim Aikido einen Daumen brach oder Hollywoodautor Hunter S. Thompson („Fear and Loathing in Las Vegas“) ihm die Freundin ausspannen wollte. Beate Uhse lud ihn in ihr Kleinstflugzeug, eine Cessna, ein und bezirzte ihn, ohne Vorerfahrung das Steuer zu übernehmen. Sein schlimmster Liebeskummer dauerte zwei Jahre und konnte nur durch den Anblick von Marrakesch geheilt werden. Helge Timmerberg ist der Typ, für den das Wort Lebenskünstler zu abgedroschen ist. Er ist Geschichtenerzähler, Weltreisender, gesunder Narzisst, dreifacher Vater – und hat endlich das Buch geschrieben, das er seinen Lesern schuldete: seine Autobiografie „Die rote Olivetti“ (Piper, 236 Seiten).

Und die geht gleich gut nach vorne los, wie Kultsänger Udo Lindenberg es ausdrücken würde. In einer Wohnung im Londoner Stadtteil Notting Hill, an deren Küchentisch der 18-jährige Timmerberg unter LSD-Einfluss das Universum auf eine Streichholzschachtel zeichnet. In der Nacht, in der drei Häuser weiter Jimi Hendrix starb. Fortan, gestützt durch die These eines ebenso drogenerfahrenen Philosophieprofessors, wird sich der Autor einbilden, die Seele Jimi Hendrix’ sei in seinen Körper eingefahren. Erst im Himalaja kommt der nüchterne Sinneswandel, der den Hippie mit Gitarre zurück ins Bürgertum ruft. Eine innere oder doch göttliche Stimme sagt Helge Timmerberg, er solle nach Hause, nach Bielefeld gehen und Journalist werden. Das macht er dann auch.

Er wird Volontär bei der „Neuen Westfälischen Zeitung“, später arbeitet er in den Achtzigern für Magazine wie „Stern“, „Playboy“ und „Tempo“. „Tempo“, schreibt er, „wurde schnell für den deutschen Journalismus, was Tarantino für Hollywood gewesen ist. Neue Erzählweise, neue Moral, neue Generation.“ Es waren die goldenen Zeiten des Journalismus. Der Ich-Reportage. In seinen besten Jahren als Reporter schrieb er hauptsächlich Leute-Geschichten für die „Bunte“ in München und verdiente damit 20 000 D-Mark im Monat. Seinen Schreibtisch verlegte Helge Timmerberg aus Gründen der Dekadenz und dank der Erfindung des Faxgerätes irgendwann in das teuerste Gästehaus Kubas, das „Hotel Riviera“ in Havanna. „Einen Tag Arbeit, sechs Tage frei, ich machte es umgekehrt wie Gott“, sagt Timmerberg.

Die Vertreibung aus dem Paradies folgte für Timmerberg erst mit dem Rausschmiss des damaligen „Bunte“-Chefredakteurs und heutigen „Bild“-Kolumnisten Franz Josef Wagner, bei der Gelegenheit wurde er gleich mit entlassen. Die Rückkehr aus dem sonnigen Havanna ins verregnete Hamburg führte den Weltreisenden an den Rand einer Depression. Kurieren konnten ihn nur das Schreiben und das Reisen – von da an werden es nur noch vereinzelt Reportagen und dafür Bücher.

Bücher geben ihm noch mehr Freiheiten als seine Reportagen. „Der Journalismus in Deutschland ist für meinen Geschmack viel zu politisch korrekt geworden.“

Sein nächstes Ziel ist Russland, nur seine Leber macht ihm Sorgen

Nach seiner Lesetour will er im Mai über Wien bis nach Wladiwostok in Sibirien fahren. „Ich war noch nie in Russland. Jetzt habe ich eine russische Freundin, und sie wird mein Ohr und meine Zunge sein“, erzählt der Autor. Er sei sehr gespannt. Nur um seine Leber habe er ein bisschen Sorge. „Wolga oder Wodka. Welcher Fluss ist größer?“

Timmerbergs Texte sind für ihren Humor in der Tiefe bekannt. „Je näher man den Göttern kommt, desto schallender wird das Lachen“, findet er. Auf die Frage, ob er eine Geschichte in den Stapeln seiner Artikel aus 40 Jahren vermisst, sagt er: „Nein.“