Berlin war der Brennpunkt des Kalten Kriegs

Berlin. Der Kalte Krieg hielt jahrelang die Welt in Atem, forderte viele Opfer und teilte die Welt in zwei Hälften. Deutschland war Hauptschauplatz dieses Kräftemessens, Berlin war sein Brennpunkt. Sichtbares Zeichen ist - an einigen Stellen bis heute - die Berliner Mauer.

Diese Stadt erinnert überall an den Schauer, die Dramatik und die Tragik des Kalten Krieges. Da ist das Postenhäuschen am Checkpoint Charlie mit der Mahnung schwarz auf weiß: „Sie verlassen den amerikanischen Sektor“. Da sind auch fünf verfallende Kuppeln der Radaranlage auf dem Teufelsberg, der nachgebaute Spionagetunnel im Alliierten-Museum an der Clayallee und vor allem die Mauerreste, seit zwei Jahrzehnten Attraktion für Millionen aus aller Welt.

28 Jahre, zwei Monate und sieben Tage teilte das Bauwerk Berlin und trennte seine Westsektoren vom Umland. 107 Kilometer aus Stein. Weitere 38 Kilometer mit Stacheldraht und Minen. Hunderte Menschen starben am Eisernen Vorhang durch Kugeln und Splitter. Sie wollten nichts als die Freiheit.

50 Jahre nach dem Mauerbau

Sie waren sicher nicht die einzigen Opfer der großen Konfrontation, die die Welt von 1948 bis 1989 spaltete und in ihrem Dasein bedrohte. Weit mehr kamen durch Kommandoaktionen um. Bei dramatischen U-Boot-Zwischenfällen in den Tiefen der Ozeane, über deren Verlauf die einst hohen Befehlshaber beider Seiten als Pensionäre 1990 lebenslanges Stillschweigen vereinbarten. Oder in brutalen Stellvertreter-Kriegen im Nahen Osten, Südostasien, Afrika oder Lateinamerika. Die Supermächte nutzten sie, um nicht im direkten nuklearen Schlagabtausch das Ende der Menschheit zu provozieren. In Vietnam, wo Amerika den Kampf mit aller Härte führte, zahlten das zwei Millionen Menschen mit dem Leben.

Aber Deutschland blieb der Hauptschauplatz des brandgefährlichen Kräftemessens, Berlin sein Brennpunkt. In der Nacht zum 13. August 1961 wurden Stadt und Land scheinbar endgültig auseinandergerissen. Wenn jetzt, 50 Jahre später, die Gedenkreden gehalten werden, läuft bei den Nachkriegs-Geborenen im Kopf ein erregender Film ab. Spannungen und Angst jener Jahre haben ihr Erwachsenwerden begleitet, ihre politische Sozialisation bestimmt: Die regelmäßig getesteten ABC-Sirenen, die mit ihrem Geheul im Ernstfall den Atomangriff binnen drei Minuten angekündigt hätten. Die Alarm-Übungen in der Schule, wenn die Klasse im Gänsemarsch zu verlassen war. Mutters Hamsterkäufe von Zucker und Mehl, und dass sie Weckobst ins Kellerregal packte „für alle Fälle“. Im Abendgebet flehte sie: „Lieber Gott, bewahre uns den Frieden“.

“Sie riegeln sich ein“

Der kalte Krieg war keine eingebildete Gefahr, der Mauerbau nicht sein tragischer Höhepunkt. Tatsächlich, so sehen es heute fast alle Historiker, signalisierten die Ereignisse des 13. August 1961 den Verantwortlichen in Washington, Bonn und Moskau in einer der gefährlichsten Phasen der Geschichte auch eine Art Entwarnung: Mischt euch nicht in unsere Welthälfte ein. Wir tun das dann nicht bei euch!

Als der Wachhabende des Teufelsberg-Radars kurz nach Mitternacht ins Hauptquartier der amerikanischen Atombomber-Waffe in Omaha/Nebraska „Bewegung im Ostsektor“ meldete, fragte der Offizier am roten Knopf zurück: „Kommen sie rüber oder riegeln sie sich ein?“ „Sie riegeln sich ein“, war die Antwort aus Europa. Omahas Interesse erlosch abrupt, der Gegenschlag blieb aus. US-Präsident John F. Kennedy kommentierte den Mauerbau als „keine schöne Lösung, aber verdammt viel besser als ein Krieg“.

Oft genug haben wir kurz davor gestanden. Ost und West konzentrierten hier ihr Militärpotenzial: 200.000 US-Soldaten gegen 380.000 Sowjets. Rund um Berlin waren 7000 Panzer der Roten Armee stationiert und 1200 Flugzeuge, die USA bezogen die Bundesrepublik in ihren atomaren „Schutzschirm“ ein: Zehntausende von Nuklearwaffen, die, wie man heute weiß, dem Arsenal der Russen mit 17:1 überlegen waren.

Heikle Situationen in Berlin

Seit der Blockade von 1948 versuchte Moskaus Führer Nikita Chruschtschow, den Westteil der Stadt als „freie Einheit“ aus dem Westen zu lösen. 1958 verschärfte er den Druck. Es kam zu den „Berlin-Krisen“, die Mutter so beten ließen.

Mehrfach stand es aus der Sicht der heute bekannten Geschichtsschreibung Spitz auf Knopf.

Januar 1959, 80 Kilometer nördlich der Stadt. Ein V-Mann des BND berichtet, Soldaten der Sowjetarmee entlüden „große Bomben“ von der Eisenbahn. Es waren zwölf atomare Mittelstreckenraketen vom Typ SS-3. Sie hätten alle Großstädte Westeuropas in Minuten zerstören können. Die Nato überflog das Gelände im Tiefflug. Die Drohung wirkte. Nach einer Woche packte Chruschtschow die Raketen ein.

Oktober 1961, Berlin-Mitte. Nach einem Streit über den Theaterbesuch eines US-Kommandeurs im Ostteil der Stadt, der im Prinzip um die Zugänglichkeit der Sektoren ausgefochten wird, stehen sich am Checkpoint Charlie zehn amerikanische und 48 russische Panzer Rohr an Rohr gegenüber. Noch nie gab es ein solches Nervenspiel, „wir waren damals einer Katastrophe näher als man noch Jahrzehnte danach ahnte“, sagte später der frühere amerikanische Verteidigungsminister Robert McNamara. Nach 48 Stunden setzen die Sowjets ihre Tanks vier Meter zurück. Auch die Amerikaner machen das. Die Gefahr ist gebannt.

Geplanter Angriff erfolgte nicht

Herbst 1982. Die Amerikaner starten das Manöver „Able Archer“ in Deutschland. Die Welt ist wegen der Nachrüstungsdebatte nervös. Kreml-Chef Andropow missversteht den Manöverplan. Er hält ihn für die Vorbereitung eines US-Angriffskriegs und interpretiert auch noch den verstärkten Funkverkehr falsch, den es zwischen London und Washington wegen der Grenada-Invasion gibt. Andropow denkt also seinerseits über einen Präventivschlag nach. Berlin wäre eines der ersten Opfer geworden. Über Mittelsmänner erfährt das Weiße Haus davon. Man telefoniert. Die Irrtümer werden ausgeräumt.

Schließlich plante die DDR-Volksarmee seit 1985 einen Angriff auf den Westteil der Stadt. 35.000 Soldaten sollten von zwei Seiten das Stadtgebiet aufrollen. Treffpunkt Kaiserdamm. 8000 Orden für die Siegesfeier wurden schon geprägt. Man fand sie später in einem Keller des Politbüros.

Da war, 1989, alles friedlich vorbeigegangen. Und die Mauer gefallen.

 
 

EURE FAVORITEN