Anke Engelke: "Schule überfordert Eltern und Gesellschaft"

Schauspielerin, Synchronsprecherin, Moderatorin, Komikerin – Anke Engelke hat viele Gesichter.
Schauspielerin, Synchronsprecherin, Moderatorin, Komikerin – Anke Engelke hat viele Gesichter.
Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services
Im Film „Frau Müller muss weg“ mimt Anke Engelke eine karriereorientierte Übermutter. Ob es Parallelen zu ihr gibt, verrät sie im Interview.

Köln.. Ein wenig müde wirkt sie, als sie auf dem rot gepolsterten Stuhl im Hotelzimmer Platz nimmt. Klar, Anke Engelke (49) steckt mitten in der Promotion für ihren neuen Film „Frau Müller muss weg“. In dem spielt Engelke die karriereorientierte Übermutter Jessica, die die Lehrerin ihrer Tochter los werden will. Es ist Premierentag.

Die Journalisten stehen Schlange für ein Interview. Ist das nicht stressig? Nö. Die Komikerin, Moderatorin, Schauspieler, kurz, das Multi-Talent nimmt sich Zeit, beantwortet Fragen – zur neuen Filmrolle, zum Thema Erziehung und warum die Bezeichnung Karrierefrau so gar nicht auf sie zutrifft.

Wie haben Sie denn Ihre Schulzeit im Gedächtnis?

Anke Engelke: Extrem unaufgeregt. Ich kann mich nicht an große Konflikte erinnern, entweder habe ich sie verdrängt oder sie fanden wirklich nicht statt. Ich war keine überdurchschnittlich gute Schülerin. Ich war so im Mittelfeld. Aber es gab diesen Stress nicht, den dieser Film erzählt, es gab diesen Druck nicht. Aber, ich denke, es ist auch eine Frage der Zeit. Ich bin Jahrgang ‘65 – eine Generation, die erst mal machen durfte. Da gab es eine Selbstverständlichkeit, eine Selbstverständlichkeit in mehreren Facette: Entweder gab es familiär irgendwelche Wege die vorgezeichnet waren oder auch: „wir gucken mal, was du gerne möchtest“ oder „versuch doch mal dies und das“.

Vier oder sechs Jahre Grundschule, weg mit Haupt- und Gesamtschulen, G8 oder doch lieber G9? Kinder werden in einem bildungspolitischen Hin und Her groß. Haben es Schüler von heute schwere?

Engelke: Ich mutmaße mal, dass die Kinder von heute erst mal nicht durcheinanderkommen. Die stellen das System Schule erst einmal nicht infrage, die werden ja da rein gepflanzt. Und dann wird’s gruselig, weil die Panik ansteckend ist. Eltern und Gesellschaft sind überfordert mit dem System Schule.

Sie selbst sind dreisprachig aufgewachsen, lebten bis zu ihrem 5. Lebensjahr in Kanada. Überpapa Wolf (Justus von Dohányi) nennt Kinder, die drei Sprachen sprechen können im Film Aasgeier ...

Engelke: Ich glaube, in dem Film geht es um Kinder, die Fremdsprachen lernen müssen, weil die Eltern glauben, dass sie dann später im Leben mehr Chancen haben. Das ist aber bei Kindern, die hier mehrsprachig aufwachsen, genauso wenig der Fall wie bei Kindern, die in ein neues Land kommen. Bei mir wollte niemand, dass ich eine Sprache lerne, die ich nicht kenne. Wolf meint Eltern, die sagen, du musst Chinesisch lernen. Kinder, die zum Beispiel eine türkische Herkunft haben, aber deutsch aufwachsen sind nicht getrieben vom Ehrgeiz irgendwelcher Eltern, die frustriert darüber sind, dass sie nur Deutsch und ein bisschen Englisch können. Das sagt mehr über die Eltern aus, als über die Kinder. Das ist so meine Erfahrung, dass Eltern versuchen, sich durch die Kinder zu verwirklichen, das kenne ich nicht von früher.

Das sind wahrscheinlich auch die Eltern, die ihr Kind unbedingt aufs Gymnasium schicken wollen. Dann heißt es Gymnasium oder ...

Engelke: … oder Gefängnis. Na ja, das sind eben immer Wünsche oder nicht ausgelebte Träume der Eltern, und diese projizieren sie auf ihre Kinder. Das ist so mein Eindruck. Wie im Film – Grundsätzlich sind es hier Eltern oder Menschen, die mit ihren eigenen Problemen zum Elternabend kommen und nicht mit den Problemen der Kinder.


Im Film spielen Sie Karrierefrau Jessica, auch im echten Leben sind Sie sehr erfolgreich ...

Engelke: Haha, bin ich für Sie eine Karrierefrau? Sind Karrieremenschen nicht ehrgeizige Leute mit Plan? Das trifft auf mich nicht zu. Karriere würde auch bedeuten, dass das Ziel wichtiger ist als das eigentliche Abenteuer. Dass man nur das Ziel ständig vor Augen hat: Ich möchte Deutschlands lustigste Frau sein, ich möchte fünf Oscars gewinnen, ich möchte Millionen verdienen. Aber das, trifft auf mich null zu. Ich bin begabt, aber karrierefaul.

Dennoch gibt es Anke Engelke in vielen Facetten. Seit sechs Jahren sind Sie sogar Gastprofessorin an der Kunsthochschule für Medien in Köln …

Engelke: Dadurch, dass ich im Grundstudium auf Lehramt studiert habe, hat es mich schon immer interessiert, etwas zu vermitteln. Weil ich aber mein Studium nicht abgeschlossen habe, bin ich nie diesen akademischen Weg gegangen und habe gesagt, ich will dozieren. Es war keine Karriere, die ich geplant habe. Ich habe mir nie Ziele gesetzt, ich habe immer extrem entspannt gearbeitet.

Was macht denn einen guten Lehrer aus?

Engelke: Ein guter Lehrer ist in meinen Augen jemand, der auf ein Fundament bauen kann, das Vertrauen heißt. Wenn er weiß, die Eltern geben mir diese Kinder für ein paar Stunden am Tag und einen bestimmten Zeitraum im Leben ihrer Kinder und vertrauen mir. Wenn das die Grundlage ist, und ein Lehrer auf dieses Vertrauen bauen kann und damit gut umgeht, sich der Verantwortung bewusst ist. Das gepaart mit Enthusiasmus, Zuversicht und Optimums, was die Leistung und die Zusammenarbeit mit den Kindern angeht, und den Glauben, den man in diese Kinder auch setzt – das wäre für mich ein idealer Lehrer. Jemand der auch Bock hat und das macht, was er liebt, jemand der sich für Kinder interessiert und sich sehr dafür interessiert, Wissen zu vermitteln.

Sie haben selbst drei Kinder. Steht man als Mutter diesem Lehrer, der dem eigene Kind Wissen vermitteln soll, nicht erst einmal kritisch gegenüber?

Engelke: Man muss Lehrern erst einmal Vertrauen entgegenbringen. Es ist kein guter Start, wenn man jemanden misstraut. Das möchte niemand gerne. Ich versetze mich dann in die Situation der Lehrer. Wenn die merken, da misstraut mir jemand, warum sollen die dann Lust haben zu arbeiten? Das wäre ja schrecklich. Das ist auch die Situation in dem Film. Dass diese Lehrerin spürt: „Die wollen mich absägen, das heißt, die halten nichts von mir“ – das ist schlimm.

Drei der fünf dargestellten Elternteile sind sogenannte Helikopter-Eltern, kreisen ständig um den Nachwuchs. Zu viel Aufmerksamkeit ist aber auch nicht gut. Wie halten Sie das?

Engelke: Ich finde den Begriff Helikopter-Eltern fragwürdig. Man muss vielleicht den Schritt davor betrachten, nämlich den der Zusammenarbeit mit dem Kind und die Kommunikation – dann müssen wir uns gar nicht über das Phänomen Helikopter unterhalten. Wenn die Eltern sich mit dem Kind auseinandersetzen, dann findet dieser nächste Schritt gar nicht statt. Wenn sie spüren, dass Kind braucht Hilfe, dann sollten die Eltern helfen. Wenn sie spüren dieses Kind möchte alleine raus, möchte das Abenteuer, möchte ausprobieren, dann müssen sich die Eltern darauf einstellen. Im Idealfall sind es also Partnereltern, die sind schon mal besser als Kontrolleltern. Wobei das totale Loslassen auch zu weit geht. Wenn die Kinder hier und da Grenzen erkennen, die sie idealerweise mit den Eltern zusammen erarbeitet haben, dann ist das, glaube ich, ein ganz guter Zustand. Im Idealfall sucht man sich das raus, was am besten fürs Kind ist.

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