Angeblicher schwedischer Serienkiller Thomas Quick erfand 30 Morde

Thomas Quick (auch: Sture Bergwall) gestand 30 Morde. Er beging keinen einzigen.
Thomas Quick (auch: Sture Bergwall) gestand 30 Morde. Er beging keinen einzigen.
Foto: Yvonne Asell
Thomas Quick gestand 30 Morde. Dafür saß er seit 18 Jahren in Haft. Begangen hat er keinen einzigen. Das ist jetzt amtlich. Ob er aus der Psychiatrie freikommt, steht dahin. Fest steht indes, dass Schweden in einem Justiz-Skandal erster Güte steckt.

Stockholm.. Schweden erschüttert derzeit ein Rechtsskandal ohnegleichen. Thomas Quick, angeblich der übelste Serien-Mörder des skandinavischen Landes, kommt frei. 30 Morde will der seit früher Jugend drogensüchtige Mann begangen haben. Dafür saß er seit 18 Jahren ein. Tatsächlich tötete Quick keinen einzigen Menschen.

„Dass ein Mensch für so viele Morde verurteilt wird und keinen davon begangen hat, ist einmalig in der schwedischen Rechtsgeschichte und ein grobes Scheitern unseres Rechtswesens“, räumte selbst Reichsstaatsanwalt Anders Perklev in Stockholm am Mittwoch ein.

Verurteilt für acht Morde

30 Morde zwischen 1964 und 1990 hat Thomas Quick, der sich inzwischen Sture Bergwall nennt, in den 90er-Jahren bereitwillig gestanden. Prompt wurde er auch verurteilt. Zumindest für acht der Morde. Andere waren bereits verjährt oder nicht mehr überprüfbar.

Dann, 2008, wendete sich der Serienmörder überraschend an die Öffentlichkeit. Er habe in seinem Leben keinen einzigen Menschen umgebracht, behauptete der heute 63-jährige, der seit seiner Verhaftung in der geschlossenen Psychiatrie lebt. „Ich will, dass die Menschen darüber Bescheid wissen, dass wir in Schweden nicht in einer rechtssicheren Gesellschaft leben, sondern, dass die Gerichte von Polizisten, Psychologen, Psychiatern und Staatsanwälten manipuliert werden”, sagte Quick, als wir ihn auf dem Handy in der Psychiatrie erreichen.

Tatsächlich bauen die rechtskräftigen Verurteilungen in allen acht Morden fast ausschließlich auf Quicks Aussagen auf. Spezielles Täterwissen wurde nicht nachgewiesen. Technisches Beweismaterial gab es nicht. Die Geständnisse genügten. Gestanden aber hat Quick anscheinend nur, um Aufmerksamkeit zu erhalten. „Ich fühlte mich toll, durfte viel Zeit mit gebildeten Menschen verbringen, die mir zuhörten. Ich war etwas Besonderes“, erzählt Quick.

Staatsanwaltschaft bestätigt Teile von Quicks Aussagen

Polizei und Staatsanwalt sollen entlastende Elemente bewusst ignoriert haben. Ein Kriminalinspektor habe das Tonband bei Verhören auf Pause gestellt, behauptet Quick. „Ich rauchte damals. Wir gingen auf den Balkon, er legte seine Hand auf meine Schulter und sagte mir, was ich betonen und was weglassen sollte, wenn wir wieder rein gehen würden, immer und immer wieder”, so Quick heute.

Auch die Staatsanwaltschaft bestätigte am Mittwoch zumindest Teile von Quicks Aussagen. Die Ermittler, ebenso wie Quicks Ärzte und Psychologen werden nun beschuldigt, selbst das Rampenlicht zu sehr genossen zu haben. Letztere spekulierten wohl auf Veröffentlichungen über ihre Gespräche mit dem Serienmörder, die Polizisten und Richter auf Karrieresprünge. Selbst Quicks Anwalt, der heute zwei Schwedinnen vertritt, die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Wikileaks-Gründer Julian Assange erheben, wird schwerwiegendes Versagen vorgeworfen.

Nach acht Monaten Valium-Entzug widerrief Quick seine Geständnisse

„Beim ersten Geständnis bekam ich so viel Aufmerksamkeit, es war wie ein Rausch, ich machte weiter und wurde dafür mit Drogen belohnt”, sagt Quick. Ein externer Psychologe, der schon damals Zweifel an der Schuld Quicks anmeldete und einen Tablettenentzug forderte, wurde aus der Ermittlungsgruppe ausgeschlossen.

Nach acht Monaten Valium-Entzug, wachte Quick auf: „Ich bin unschuldig”, sagte er, und zahlreiche Revisionsverfahren kamen ins Rollen. „Ich bin froh über diesen letzten, endgültigen Freispruch. Nun will ich endlich hier raus! Es ist nun schließlich offiziell, dass ich kein Mörder bin.“ sagt er.

Quick befürchtet, dass er trotz Freispruch weiter in der Psychiatrie von Säter bei Stockholm bleiben muss. Das Klinikpersonal hält Quick weiter für gefährlich. Genau das soll eine unabhängige Gruppe aus Psychologen und Psychiatern untersuchen.

Quick: „Der nächste Schritt in meine Freiheit wird der Prozess gegen die Anstalt Säter sein.“

 
 

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