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19 Jahre Ungewissheit nach Schwangerschaft mit Zika-Virus

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bulls-press-16948879-highres~e12b8ae8-7cf7-4d69-b1a2-de71803ff65d.jpg Foto: Barcroft Media
Eine US-Mutter steckte sich mit dem Zika-Virus an. Erst 19 Jahre nach der Geburt ihres behinderten Kindes erfährt sie die Hintergründe.

Tallahassee. 

Wenn Daryle Koltay (19) morgens vor dem Schrank steht und nicht weiß, welcher Arm in welchen Ärmel gehört, ruft er verzweifelt seine Mutter Lisa (48). Der junge Mann kann sich nicht alleine anziehen, ist auf dem geistigen Stand eines Achtjährigen. Und so begreift Daryle auch gar nicht, warum momentan so viele Kamerateams in sein Haus kommen, die ihn filmen wollen, wenn er mit seiner Mutter am Küchentisch Schmuck bastelt.

Der junge Mann aus der Stadt St. Petersburg im US-Bundesstaat Florida leidet seit seiner Geburt an Mikrozephalie. Das heißt, er hatte als Neugeborenes einen Kopfumfang von 30 Zentimetern – 4 Zentimeter kleiner als der Durchschnitt. In den Fokus geriet der seltene Geburtsdefekt im Winter 2016 durch die Zika-Epidemie in Latein- und Südamerika. Am 1. Februar 2016 rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schließlich einen „weltweiten Gesundheitsnotstand“ aus, befürchtete, dass die rund 4000 betroffenen Babys vor allem in Brasilien nur die Spitze des Eisbergs sein könnten. Am 13. April 2016 folgte dann die Gewissheit: Die US-Gesundheitsbehörde CDC teilte mit, es sei nun zweifelsfrei bewiesen, dass Zika-Viren Ungeborenen schaden und die Schädelfehlbildung Mikrozephalie auslösen können. Allein im US-Territorium in der Karibik könne es Hunderttausende Fälle geben. Auf dem amerikanischen Festland komme die asiatische Tigermücke, die das Zika-Virus überträgt, inzwischen in 30 Staaten vor. An dem Morgen des 13. Aprils stand Daryles Mutter Lisa wie angewurzelt vor dem Fernseher und verfolgte die Nachrichten.

Heute ergibt vieles einen Sinn

„Ich war schockiert. Die ganzen Jahre hat unsere Familie nach einer Antwort gesucht, warum Daryle so auf die Welt gekommen ist, und plötzlich war alles klar“, erzählt die dreifache Mutter dem US-„People“-Magazin. Ihre beiden anderen Kinder, Daryles Geschwister Barry Wilson (29) und Shawna Mortham (25), waren nach ihrer Geburt kerngesund. Durch das Forschungsergebnis ergibt für Lisa Koltay heute vieles einen Sinn. „Ich war im 3. Monat mit Daryle schwanger, als ich bei einem Spaziergang nahe unseres Hauses am St. Pete Beach von mehreren Mücken gestochen wurde“, erinnert sich die Hausfrau. „Ich habe mich danach krank gefühlt wie bei einer Grippe und einen Ausschlag an den Füßen gehabt.“ Tatsächlich kommt die Mücke, die das Zika-Virus überträgt in 30 US-Staaten vor, mittlerweile sogar auch in Europa. Nach Angaben des US-Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten soll es im September 2016 einen Impfstoff geben.

Für Daryle Koltay und seine Familie natürlich 20 Jahre zu spät. „Nach seiner Geburt habe ich viel geweint“, sagt Lisa Koltay. „Mein Mann und ich haben schnell erfahren, dass es keine Medikation gegen Mikrozephalie gibt und keine Therapie. Bis zu seinem siebten Lebensjahr habe ihr Sohn nicht gesprochen, sondern sich durch Schreien, Beißen und Treten Aufmerksamkeit verschafft. In dieser Zeit schnitt Lisa Koltay ihrem Sohn stets einen Pilzhaarschnitt. Sein kleiner Kopf sollte normal groß wirken und ihn vor dem Spott anderer Menschen schützen. Danach habe Daryle dank eines Sprachtrainers und einer Physiotherapeutin große Fortschritte gemacht. Daryle habe sehr hart gearbeitet, lobt ihn seine Mutter. So viel, dass der Schüler im vergangenen Jahr die Pinellas Park High School abschließen konnte – im deutschen Vergleich die 6. Klasse. Doch das Lernen fällt ihm zunehmend schwerer.

Daryles Vater arbeitet täglich 20 Stunden

„Wir sind wie Zwillinge“, sagt Lisa Koltay. „Wir machen alles zusammen. Doch es ist hart. Er wird immer auf seinem heutigen geistigen Stand verharren, kann keine Emotionen zeigen.“ Dass sie Zeit für ihren Sohn hat, ermöglicht ihr Ehemann Patrick (51), der eine Autowerkstatt in St. Petersburg hat. Manchmal, sagt der Kfz-Mechaniker, arbeite er mehr als 20 Stunden am Tag. An solchen Tagen fühle er sich wie das Waschtierweibchen, das sein Nest für seine Jungen auf einer Baumkrone in zwei Meter Höhe mitten auf seinem Grundstück errichtet hat.

„Jeden Tag“, erzählt Patrick Koltay, „trägt das Tier ihre Babys rauf und runter. Das bringt mich dazu, weiterzumachen.“ Sein Sohn Daryle hat inzwischen damit angefangen, Spenden für Babys mit Mikrozephalie in Südamerika zu sammeln und davon Kleidung und Windeln zu kaufen. „Ich glaube, das ist sein Weg, ein gutes Ziel im Leben“, sagt seine Mutter.