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Schockbild verbindet Napalm-Mädchen und Fotograf bis heute

06.06.2012 | 18:15 Uhr
Schockbild verbindet Napalm-Mädchen und Fotograf bis heute
Der 8. Juni 1972. Von Napalm getroffen, rennt Kim Phuc aus ihrem brennenden Dorf in Vietnam und „Nick“ Ut drückt auf den Auslöser seiner Kamera. Foto: Nick Ut/AP

Washington.   Vor 40 Jahren entstand eines der bedeutensten Fotos der jüngeren Geschichte. Das Bild aus Vietnam steht für die Verrohungen des Krieges. Es steht aber auch für eine beispiellose Freundschaft. Kim Phuc nennt ihren Retter „Onkel Nick“.

„Ist das echt?“ – Als Richard Nixon das Foto zum ersten Mal sah, glaubte er an eine Montage kommunistischer Propaganda-Kräfte. Ein kleines Mädchen, 1000 Grad heißes Napalm-Gelee auf der Haut, die pure Angst im Gesicht, läuft nackt und schreiend mit abgespreizten Armen und schmerzverzerrtem Gesicht nach einem Bombenangriff in Südvietnam über die Nationalstraße 1; hinter sich die Rauchwolkentürme der todbringenden Bomben „Made in USA“.

Einfluss auf Ende des Krieges

Der damalige amerikanische Präsident musste sich eines Besseren belehren lassen. Auch wenn südvietnamesische Piloten die tödliche Fracht über dem Dorf Trang Bang abgeworfen hatten – Kim Phucs Martyrium war echt. Die Neunjährige war dem jungen Fotografen der Nachrichten-Agentur Associated Press (AP), Huynh Cong „Nick“ Ut, am 8. Juni 1972 rund 25 Kilometer vor Saigon geradewegs vor die Linse gelaufen. Ut drückte auf den Auslöser.

Ein nacktes, schwer verletztes Mädchen? Veröffentlichung in den USA undenkbar. Es war der deutsche, kürzlich gestorbene AP-Fotograf Horst Faas, der früh das Ikonenhafte des Bildes erkannte, und in der Zentrale in New York auf die Veröffentlichung pochte. Mit Erfolg. Über die Titelseiten der Weltpresse erzeugte die Schwarz-Weiß-Aufnahme eine Kraft, ohne die Amerika nach Ansicht von Experten 1973 mit Nordvietnam in Paris nicht den Krieg beendet hätte.

Das Bild, mit den wichtigsten Preisen gekrönt, steht bis heute im kollektiven Gedächtnis ganzer Generationen für die Verrohungen des Krieges, dem die Schwächsten zuerst zum Opfer fallen. Es steht auch für eine beispiellose Freundschaft. Kim Phuc nennt ihren Retter „Onkel Nick“. Der noch immer für AP in Los Angeles stationierte Fotograf spricht auch 40 Jahre danach von seiner „Tochter“.

Kim Phuc mit ihrem Retter und Fotografen „Onkel Nick“.

Dass Kim Phuc, deren Haut zu 30 Prozent verbrannt war, nach 14 Monaten Klinikaufenthalt, 17 Operationen und schmerzhaften Therapien wieder ins Leben zurückkehren konnte, hat sie Ut zu verdanken. Nachdem er seine Kamera bedient hatte, brachte er das Mädchen ins Krankenhaus, zückte seinen Presseausweis und bestand auf Akut-Behandlung. „Ich hätte nicht ertragen, wenn sie gestorben wäre,“ sagte der 61-Jährige bei einem Wiedersehen am vergangenen Wochenende in Kalifornien.

Ut ließ den Kontakt nie abreißen, reiste mehrfach an den Ort seiner historischen Aufnahme. Seine Patenschaft begleitete die Odyssee einer jungen Frau, der ein einziger Augenblick das Leben auf den Kopf stellen sollte. 1982 durfte Kim Phuc, die in Vietnam vom damaligen kommunistischen Regime zu Propaganda-Zwecken ausgebeutet wurde, zur Nachbehandlung nach Deutschland ausreisen. Der „Stern“-Fotograf Perry Kretz hatte einen Operationstermin in Bonn vermittelt. Erst danach konnte Kim Phuc wieder Nacken und Schultern bewegen. Die Angst vor ärmellosen Blusen blieb –  der linke Arm ist von tiefen Narben zerfurcht.

Später studierte sie in Kuba Medizin. Hier lernte Kim ihren Landsmann Toan kennen und lieben. 1992 heiratete das Paar, verbrachte die Flitterwochen in Moskau. Einen Zwischenstopp in Neufundland auf dem Rückflug nutzten die Eheleute zum Absprung ins kanadische Asyl. Noch heute ist Toronto ihre Heimat. Kim Phuc, die Asthma und Diabetes davongetragen hat, wollte dem Bild, das ihr wie eine zweite Identität auf die Biografie gestempelt schien, entkommen. „Mein Herz war wie schwarzer Kaffee“, sagte sie einmal. In kurzen Abständen kamen Thomas und Stephen, ihre Söhne, zur Welt. Das Foto blieb. Kim Phuc musste lernen, damit zu leben. Nick Ut half dabei, still und leise.

Ein „kraftvolles Geschenk“

Heute ist sie Botschafterin des guten Willens bei der Unesco, der Kultur-Organisation der Vereinten Nationen. Sie hat ein Buch geschrieben über ihr Leben. Sie leitet eine Stiftung für Kinder (www.kimfoundation.com), die durch den Krieg traumatisiert wurden. „Napalm ist sehr mächtig. Liebe und Vergebung sind noch mächtiger“, sagt Kim Phuc in einem bewegenden Essay für den Radio-Sender NPR, „ich kann das Foto heute als kraftvolles Geschenk akzeptieren, ich kann mich damit für den Frieden einsetzen.“ Kim Phuc. Ihr Nachname bedeutet Glück.

Dirk Hautkapp

Kommentare
10.06.2012
02:59
Ein wunderbarer Artikel!
von SoerenHL | #6

Unverständlich, dass da schonwieder Reflexe der anscheinend Berufsempörten losgehen. Das ist eine plakative Überschrift, die schlichtweg jedem was...
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2012-06-06 18:15
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