Zu wenig Praxis - Was taugt der Uni-Abschluss Bachelor?

Mit einem Hochschulabschluss sind die Berufsaussichten gut. Unter Akademikern liegt die Arbeitslosenquote nur bei etwa 2,5 Prozent.
Mit einem Hochschulabschluss sind die Berufsaussichten gut. Unter Akademikern liegt die Arbeitslosenquote nur bei etwa 2,5 Prozent.
Foto: Jakob Studnar
Was wir bereits wissen
Wirtschaft beklagt den Trend zu Akademisierung. Viele Hochschul-Absolventen seien schlecht ausgebildet. Ministerin sieht auch Firmen in der Pflicht.

Essen.. Offenbar hat die Wirtschaft da etwas missverstanden, meinen Studenten-Vertreter. Der Präsident des Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Eric Schweitzer, hatte vorgeschlagen, den Zustrom junger Menschen an die Hochschulen zu bremsen. Den Unternehmen gingen die Fachkräfte aus, während die Unis aus allen Nähten platzten. Zugangshürden müssten errichtet, die Zahl der Studienplätze verringert werden, so Schweitzers Idee. Die Unis müssten dafür sorgen, dass die Bewerber besser für den Arbeitsmarkt gerüstet sind.

Betriebe mit Nachwuchsproblemen

Der DIHK „hat nix gelernt“, meint dazu der Dachverband der Studentenschaften FZS. Umgekehrt werde ein Schuh daraus, sagt Daniel Gaittet vom FZS-Vorstand: „Ein Studium ist keine Berufsausbildung, sondern immer auch eine Vorbereitung auf wissenschaftliche Tätigkeit.“ Ähnlich sieht es der Bildungsexperte Frank Ziegele, Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE): „Die Idee, die Studienplätze zu verknappen, ist der falsche Ansatz. Wir dürfen nicht den Fehler machen, duale Ausbildung und Hochschulstudium gegeneinander auszuspielen“, sagt Ziegele. Besser wäre es, beide Ausbildungswege besser miteinander zu verzahnen.

In NRW herrscht ein Nachwuchsproblem im Bereich der Berufsausbildung

Hochschule Tatsächlich sehen Teile der Wirtschaft ihre Felle schwimmen. Rund die Hälfte eines Jahrgangs strebt mittlerweile an die Hochschule. Mehr als 450.000 Bachelor-Studenten sind zurzeit an NRW-Hochschulen eingeschrieben. Wegen der guten Berufsaussichten vor allem in den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern beginnen auch jene Nachwuchskräfte ein Studium, die noch vor einigen Jahren eine Ausbildung gemacht hätten. Dies verschärft das Nachwuchsproblem im Bereich der Berufsausbildung. NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) rät Betrieben daher, mehr für ihre Attraktivität zu tun: „Wenn ich die Nachfrage steigern will, muss vielleicht auch beim Angebot nachgebessert werden. Wir brauchen beides, Meister und Master.“

Aber nicht alle teilen die Kritik des DIHK an der universitären Ausbildung. Man könne Bachelor-Absolventen nicht pauschal unterstellen, schlecht ausgebildet zu sein, sagte der NRW-Geschäftsführer des Bundesverbandes der Mittelständischen Wirtschaft, Herbert Schulte. Gerade im kaufmännischen Bereich sei die Qualität der Ausbildung hoch.

Praxis für Unternehmen wichtig

Aber viele Mittelständler sehen das Alter der Bachelor-Absolventen als Problem. Mit 22 oder 23 seien die Wenigsten reif für Führungspositionen. Bei der nötigen Weiterqualifizierung sehen sich die kleineren Firmen im Nachteil. Schulte: „Die besten Bachelor-Absolventen werden von großen Unternehmen eingefangen. Sie bekommen ein betriebsinternes Coaching und werden fit gemacht für den Beruf. Der kleine Mittelstand hat hier ein Problem, weil er oft nicht die Mittel hat, um Absolventen nachträglich zu trainieren.“

Unternehmen sollten ihre Trainee-Angebote ausdehnen

Kay Hoffmann, Sprecher des großen Pumpenherstellers Wilo in Dortmund, vermeidet ebenfalls die Pauschalkritik am Bachelor. Praxisbezug in der Ausbildung sei aber grundsätzlich wichtig. Wilo setze bei der Ausbildung daher auf den „dualen Weg“. Das heißt, viele der Nachwuchskräfte studieren berufsbegleitend.

Heraldo Hettich, Koordinator des Landes-Asten-Treffs, gibt den Chefs einen Tipp: „Die Trainee-Angebote der Unternehmen sollten ausgedehnt werden. So können sie Studenten als vielfältig einsetzbare Nachwuchskraft ausbilden.“

Das sagen die Studenten zum Thema Bachelor:

„Wenn man sich nicht selber um Praxiserfahrungen kümmert, ist man aufgeschmissen auf dem freien Arbeitsmarkt. Aber dafür braucht man Geld und Zeit. Und beides hat man nicht. Denn am besten soll man in der Regelstudienzeit den Abschluss schaffen, und außerdem sind die meisten Praktika unentgeltlich. Wie soll das funktionieren? Statt praktische Dinge zu lernen, muss ich Module in Religion belegen. Der Bachelor ist ein Kampf.“

Vivien Welker (28), Bachelor Archäologische Wissenschaften, Ruhr-Universität Bochum

„Das Problem ist, dass in der Industrie nur die Bachelor-Absolventen eingestellt werden, die neben dem Studium zusätzlich noch eine Ausbildung vorweisen können. Die anderen finden häufig gar keinen Job. Viele von uns wünschen sich das Diplom-System zurück. Hier gab es mehr Freiheiten für die Studierenden. Besonders die Bachelor-Arbeit wird häufig als vergeudete Zeit betrachtet, eine Vertiefung wie im Diplom ist zeitlich nicht vereinbar.“

Maximilian Podszun (25), Fachschaft Biologie, Ruhr-Universität Bochum

„Der Stoff des Studiums ist häufig sehr abstrakt und weit entfernt von der Praxis. Damit kann man zunächst in der Industrie nicht viel anfangen. Trotzdem taugt der Bachelor für den Beruf. Besonders Kompetenzen wie Eigenverantwortung und Eigenständigkeit spielen gerade in der Industrie eine immense Rolle. Es ist auch wichtig, sich Dinge wie Programmieren neben dem Studium selber anzueignen.“

Michael Schumacher (22), Vorsitzender Fachschaftsrat Elektro- und Informationstechnik, Universität Duisburg-Essen