Das aktuelle Wetter NRW 12°C
Benzinpreis

Warum Tanken eigentlich nicht teurer geworden ist

07.12.2012 | 18:14 Uhr
Warum Tanken eigentlich nicht teurer geworden ist
Der Benzinpreis ist auf hohem Niveau.Foto: dapd

Essen.  Bei Autofahrern mag es sich an der Tankstelle anders anfühlen. Aber für die Benzinrechnung müssen Arbeitnehmer heute nicht länger arbeiten als früher. Lohnzuwachs und Verbrauchsminderung gleichen die Preissteigerung aus – noch.

Der Benzinpreis eilt von einem Rekordhoch zum nächsten . Bei aller Empörung darüber wird aber nicht weniger gefahren, sondern im Gegenteil: mehr. Ein Grund für die relative Gelassenheit der deutschen Autofahrer: Dank der gestiegenen Kaufkraft bei gleichzeitig gesunkenem Verbrauch der Pkw hat sich der Arbeitsaufwand für die Tankrechnung in den letzten Jahrzehnten gar nicht erhöht. Je nach Betrachtungsweise sind Benzin und Diesel sogar leichter erschwinglich als früher.

Im historischen Vergleich ist Kraftstoff heutzutage geradezu ein Schnäppchen. 1960 musste ein Normalverdiener (gemessen am Nettoverdienst) noch 14 Minuten schaffen, um einen Liter Normalbenzin für umgerechnet 31 Cent tanken zu können. 2011 konnte der Arbeitnehmer nach nur sechs Minuten zum Abzapfen fahren. Das hat das Institut der deutschen Wirtschaft errechnet.

Benzinpreise
2012 wird wohl das teuerste Tankjahr

Autofahrer mussten noch nie so viel Geld für Benzin und Diesel ausgeben wie in diesem Jahr. Prognosen des Automobilclubs ADAC zufolge wird 2012 mit...

Dieser Vergleich der sogenannten Lohnminuten bis zum Erarbeiten eines Liters aus der Zapfsäule wird entsprechend gerne von der Mineralölindustrie herangezogen, um zu beweisen: Ist doch alles nicht so schlimm. Dabei wird unterschlagen, dass die meisten Dinge des täglichen Bedarfs in Lohnminuten gerechnet um ein Mehrfaches erschwinglicher geworden sind als eben Benzin.

Autos und Benzin kosten viermal so viel wie 1974

Dem entgegengehalten werden muss, dass – im Gegensatz zu Grundnahrungsmitteln etwa – der Verbrauch beim Benzin sehr stark zurückgegangen ist. Lag der durchschnittliche Bedarf eines Neuwagens mit Benzinmotor 1980 nach Normverbrauch noch bei über zehn Litern auf 100 Kilometer, so sind es jetzt unter 6,5 Liter – ein Minus von einem Drittel.

Im Vergleich mit den Neuwagenpreisen ist Benzin auch nicht teurer geworden. Der Golf hat sich von 1974 (4000 Euro) bis heute (17 000 Euro) im Preis gut vervierfacht, genauso wie der Liter Benzin von 42 Cent auf das bisherige Spitzenniveau von 2012 in Höhe von 1,70 Euro für Super bleifrei.

Alles nicht so schlimm also? Anders sieht die Entwicklung jedoch aus, wenn zum Vergleich nur die letzten zwei Jahrzehnte herangezogen werden. Der Benzinpreis stieg in diesem Zeitraum um fast 150 Prozent, die Nettolöhne dagegen nur um knapp 50 Prozent. Dementsprechend musste 2011 ein Durchschnittsverdiener gegenüber 1991 sechs statt vier Minuten arbeiten, um mit seinem Nettoverdienst einen Liter Benzin bezahlen zu können.

Info
Fahrten mit Bus und Bahn attraktiver

Wer nach den Auswirkungen steigender Spritpreise auf den öffentlichen Personennahverkehr sucht, sollte nicht in erster Linie die Umsteigequote...

Wer täglich zur Arbeit hin und zurück insgesamt 30 Kilometer mit einem durchschnittlich sparsamen, benzinbetriebenen Auto fährt, arbeitet die ersten 20 Minuten des Tages nur dafür, die Spritrechnung für den Weg zum Job zu begleichen – dank des gesunkenen Verbrauchs genauso lange wie vor 20 Jahren.

Drei Bs bestimmen die Höhe der gefühlten Inflation

Häufig gekaufte Produkte wie die „drei Bs“ Brot, Butter, Benzin bestimmen die Höhe der durch den Verbraucher gefühlten Inflation. Nach Berechnungen der Bank Unicredit lag sie im Frühjahr in Deutschland bei 3,7 Prozent, während der vom Statistischen Bundesamt offizielle Inflationswert nur 2,1 Prozent betrug. Der Deutschland-Chefvolkswirt der Bank, Andreas Rees, hat mit der Diskrepanz begründet, warum die Verbraucher sich beim Konsum stärker zurückhalten als es die gute wirtschaftliche Lage erwarten ließe.

Für die gefühlte Teuerung hatte der 2011 verstorbene Schweizer Mathematiker und Ökonom Hans Wolfgang Brachinger den Index der wahrgenommenen Inflation, IWI, entwickelt. Nach seinen Untersuchungen werden vom Verbraucher Preissteigerungen höher bewertet als Preissenkungen.

Die Benzinpreis-Diskussion kann als Beleg dieser These dienen. Senkungen werden von der Öffentlichkeit höchstens am Rande zur Kenntnis genommen. Die nächste Aufwärtsrunde Richtung neues Rekordhoch, vielleicht schon in der Weihnachtszeit, wird wieder hohe Wellen schlagen.

Gerd Heidecke

Kommentare
11.12.2012
14:08
Warum Tanken eigentlich nicht teurer geworden ist
von Holz-Auge | #35


Ist doch klar:
Ich tanke immer nur für 10,- €

Funktionen
Aus dem Ressort
Sparkasse Duisburg halbiert bis 2022 ihr Filialnetz
Banken-Schließung
2022 soll es noch sieben „Flaggschiffe“ in den Bezirken und 13 Geschäftsstellen der Sparkasse geben. 30 Millionen Euro für Neubauten und Online.
Planspiele für Karstadt, Kaufhof und die Konzernzentralen
Warenhäuser
Karstadt-Eigentümer Benko will Kaufhof übernehmen. Auch ein kanadischer Konzern zeigt Interesse. Die Folgen einer Übernahme könnten erheblich sein.
Siemens-Mitarbeiter in Mülheim wollen um ihre Jobs kämpfen
Wirtschaft
IG Metall und Betriebsrat stimmen Belegschaft auf ein zähes Ringen um die gefährdeten Arbeitsplätze ein. Dutzende Holzkreuze als Mahnmal aufgestellt.
S-Bahnen im Ruhrgebiet sollen ab 2019 häufiger fahren
S-Bahn
Die S 1 soll ab 2019 zwischen Dortmund und Essen alle 15 Minuten fahren, teilt der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr mit. Andere Linien seien im Gespräch.
Nach Absturz - Lufthansa-Chef fordert spontane Pilotenchecks
Germanwings
Unangemeldete Kontrollen unter Piloten könnten die Sicherheit von Passagierflügen erhöhen. Das findet Lufthansa-Chef Carsten Spohr.
article
7371505
Warum Tanken eigentlich nicht teurer geworden ist
Warum Tanken eigentlich nicht teurer geworden ist
$description$
http://www.derwesten.de/wirtschaft/tanken-ist-nicht-teurer-geworden-id7371505.html
2012-12-07 18:14
Benzinpreis,Fahrtkosten,Arbeitszeit,Inflation,Verbrauch,Auto
Wirtschaft