Letzte Schicht am Niederrhein - Bergwerk in Kamp-Lintfort stellt Betrieb ein

Die RAG stellt sich auf "ein schwieriges Jahr 2013" ein.
Die RAG stellt sich auf "ein schwieriges Jahr 2013" ein.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Die Bergbautradition am Niederrhein endet nach über 150 Jahren mit Schließung des Bergwerks in Kamp-Lintfort. Bundesweit müssen 3100 Bergleute zwischen 2012 und 2018 ihre Arbeitsplätze wechseln.

Kamp-Lintfort.. Nach dem Saarland nimmt mit dem Niederrhein eine weitere Bergbauregion in Deutschland Abschied von ihrer letzten Zeche. Wenige Tage vor Weihnachten, am 21. Dezember, stellt das Bergwerk West in Kamp-Lintfort seinen Betrieb ein. Danach gibt es bundesweit nur noch drei Steinkohlenbergwerke – die Zechen Auguste Victoria in Marl, Prosper-Haniel in Bottrop und die die Zeche Ibbenbüren im Münsterland. Bereits seit Mitte des Jahres ist der Bergbau an der Saar Geschichte.

Für den Niederrhein ist die Stilllegung der letzten verbliebenen Zeche der Region ein tiefer Einschnitt. Seit gut einhundert Jahren hat allein dieses Bergwerk die Stadt Kamp-Lintfort geprägt.

Zuletzt gab die Zeche rund 1560 Beschäftigten Arbeit, zu Jahresbeginn waren es noch mehr als 2300 Mitarbeiter. Das Bergwerksgelände ragt direkt bis an die Innenstadt heran. Zur letzten Schicht des Bergwerks West werden unter anderem NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und Gewerkschaftschef Michael Vassiliadis (IG BCE) in Kamp-Lintfort erwartet.

Ende 2018 laufen Subventionen für deutsche Zechen aus

Die Ministerpräsidentin zeigt sich optimistisch. „Wir in NRW sind mit dem Strukturwandel vertraut“, sagt sie. „Wir haben gelernt, damit umzugehen, die Chancen, die sich hieraus ergeben, zu ergreifen und mit Tatkraft und Mut neue Wege zu gehen.“

Ein parteiübergreifender Kompromiss sieht vor, dass Ende 2018 die staatlichen Subventionen für die deutschen Zechen beendet werden. Der Herner Zechenbetreiber RAG soll den Kohleausstieg ohne betriebsbedingte Kündigungen in die Tat umsetzen. Das Vorhaben sei „kein Selbstläufer“, betont RAG-Chef Bernd Tönjes. Es sei geplant, dass 3100 Bergleute in den Jahren 2012 bis 2018 ihre Arbeitsplätze wechseln müssen. 2800 Mitarbeitern steht das noch bevor. Die RAG stelle sich auf „ein schwieriges Jahr 2013“ ein, sagt Tönjes.

Auch aus Sicht von IG BCE-Chef Michael Vassiliadis haben die Mitarbeiter einen Kraftakt zu meistern. „Die Bergleute verdienen Respekt“, sagt er. „Sie sind vertragstreu, zuverlässig und erfüllen ihre Verpflichtungen. In dieser schwierigen Situation ist das nicht selbstverständlich.“

Nur noch 400 Bergleute wohnen direkt in Kamp-Lintfort

Auch die Stadt Kamp-Lintfort dürfte die Folgen des Kohleausstiegs zu spüren bekommen. „Die genauen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind nur sehr schwierig zu beziffern“, sagt Andreas Iland vom Amt für Wirtschaftsförderung. „Von den rund 2000 Beschäftigten des Bergwerks West wohnen nur etwa 400 Bergleute in Kamp-Lintfort“, sagt Iland. „Der überwiegende Teil der Bergleute pendelt bereits heute von seinem Wohnort zur Zeche, was auch an den einige Jahre zurückliegenden Stilllegungen in Neukirchen-Vluyn, Duisburg oder Dinslaken liegt.“ Optimistisch stimme ihn, dass viele Bergleute, die heute auf dem Bergwerk West arbeiten, Jobs in Bottrop, Marl oder Ibbenbüren bekommen. Einige Beschäftigte wechseln in den Vorruhestand.

Info Kamp-Lintfort schmiedet seit geraumer Zeit Pläne für die Zeit nach der Zeche. Die Kommune hofft, dass sich Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe auf dem heutigen Zechengelände ansiedeln. Positiv könnte sich die Nähe zur Hochschule Rhein-Waal auswirken. „Mit der Hochschule Rhein-Waal gibt es einen neuen Motor für Innovation und Qualifizierung. Bei der Entwicklung der frei werdenden Flächen kann an die Potenziale der Region angeknüpft werden, beispielsweise im Bereich Logistik, Automotive oder Mikro- und Nanotechnologie“, sagt Ministerpräsidentin Kraft.

Werksgleise könnten mit Regionalbahn verbunden werden

Auch der Bau von Wohnungen ist geplant. Für den heutigen Kohlenlagerplatz des Bergwerks, wo ab dem Jahr 2014 Logistikbetriebe angesiedelt werden sollen, gebe es das Ziel, rund 1000 neue Arbeitsplätze zu schaffen. Auch für die Schienen der Zeche existieren schon Pläne. „Die Chancen stehen gut, dass auf den Werksgleisen der RAG ab 2015 eine Regionalbahn Duisburg, Moers und Kamp-Lintfort verbinden wird und somit für den erstmaligen Anschluss an das Schienenverkehrsnetz sorgt“, sagt Iland.