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China liefert die meisten Erdbeeren

09.10.2012 | 19:09 Uhr
China liefert die meisten Erdbeeren
Frisch vom Feld kommen nur deutsche Erdbeeren. Doch die Ernte reicht nicht aus, um den Heißhunger nach den süßen Früchtchen zu stillen. Darum kommen chinesische Tiefkühl-Erdbeeren auf den Tisch.Foto: David Hecker/dapd

Essen.  Deutsche Produzenten können den Bedarf an Erdbeeren ganzjährig nicht decken. Deshalb kamen im vergangenen Jahr 31.167 Tonnen aus China. Doch auch bei minus 18 Grad Celsius überlebt der Norovirus die lange Reise.

Der Nachweis von Noroviren in tiefgekühlten Erdbeeren aus China, an denen 11.200 Schüler in Ostdeutschland erkrankt waren, wirft neue Fragen der Lebensmittelsicherheit auf. Denn nach Polen ist China der wichtigste Lieferant tiefgekühlter Erdbeeren für den deutschen Markt. Die Erdbeeren, die die Lebensmittelindustrie zu Marmelade oder Joghurt verarbeitet, stammen sogar zu 80 Prozent aus dem Reich der Mitte. Die Entwicklungshilfe­organisation Südwind schätzt, dass insgesamt 37 Prozent der weltweiten Obst- und Gemüseproduktion ­mittlerweile aus China kommen.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) erklärte gestern in einem Interview, vieles deute darauf hin, dass „die Kontamination der Erdbeeren bereits im Ursprungsland stattgefunden hat“. China hatte sich zuvor vor voreiliger Kritik an seiner umstrittenen Lebensmittelsicherheit verwahrt.

Kommentar
Globalisiert ohne Jahreszeiten - von Frank Messing

Der bislang größte Skandal mit Noroviren wird nicht der letzte sein, wenn wir weiterhin im Herbst Erdbeeren essen wollen, die im 11.500 Kilometer entfernten chinesischen Qingdao tiefgefroren aufs Schiff verladen und nach Deutschland gebracht wurden.

Warum ist Deutschland auf Erdbeeren aus China angewiesen?

Nach Angaben der Rheinischen Landwirtschaftskammer können deutsche Erzeuger den heimischen Erdbeer-Bedarf nur während der Saison von Mai bis September decken. Während des übrigen Jahres sind Importe nötig. Wegen hoher Lohnkosten, die bei der Ernte per Hand anfallen, landet keine deutsche Erdbeere im Froster. „Der Tiefkühlmarkt ist ein Weltmarkt. Die Produktion in Deutschland wäre unwirtschaftlich“, sagt Peter Muß von der Landwirtschaftskammer.

Mittlerweile importiert Deutschland aus China die meisten Erdbeeren. Allein 2011 waren das 31.167 Tonnen Erdbeeren, im Wert von 33 Millionen Euro. Experten schätzen den Preis ab 600 Euro pro Tonne. Deutsche Erdbeeren kosten das Dreifache. Trotz der langen Transportwege und der 4500 Euro Zollgebühren pro Container sind chinesische Erdbeeren günstiger.

Wie kommen die Tiefkühl-Erdbeeren aus China zu uns?

Die Erdbeere wird auf dem Feld geerntet, zur Fabrik gefahren und dort gewaschen, schockgefrostet und verpackt. In der Fabrik startet die Kühlkette: Egal wo der 10-Kilo-Karton mit tiefgekühlten Erdbeeren nun zum Stehen kommt, um ihn herum müssen es stets minus 18 Grad Celsius sein.

Auf Paletten gestapelt gelangen die Kartons per Lkw-Fahrt im Kühl-Container vom Lager zum Container-Schiff. Gute drei bis vier Tage später geht es dann nicht aufs Deck, sondern in besondere Bereiche, in denen die Versorgung mit elektrischer Energie gesichert ist. Von China in den Hamburger Hafen dauert die Überfahrt etwa 25 bis 30 Tage.

Im Hafen ausgeladen, wird der Erdbeer-Container direkt wieder ans Stromnetz angeschlossen, damit die Kühlung weiterläuft. Nach etwa drei Tagen ist die Ware durch den Zoll und kann per Lkw zum (Zwischen-)Lager gebracht werden

Welche Probleme entstehen bei derart langen Kühlketten?

„Je mehr Unternehmen an einer Kühlkette beteiligt sind, desto mehr Schwierigkeiten gibt es“, sagt Judith Kreyenschmidt, Leiterin der Arbeitsgruppe „Cold Chain Management“ (Kühlketten-Management) an der Landwirtschaflichen Fakultät der Uni Bonn. Tiefkühl-Lebensmittel müssen konstant bei – 18 Grad Celsius transportiert werden. Das ist gesetzlich geregelt. Dieser Kühlwert darf nur bei der Warenübergabe unterschritten werden.

Bei internationalen Transporten häufen sich diese Zeiten: dann steht die Erdbeer-Palette auf mehreren Laderampen vor einem Lkw oder die Containertüre wird bei mehreren Zwischenhändlern geöffnet und wärmere Luft taut die Ware an. Am Ende weiß ein Großeinkäufer nicht, ob seine Ware falsch gelagert wurde. Nur in Nischen – wie dem Transport von Fisch – findet ein lückenlose Aufzeichnung der Temperaturschwankungen statt.

Verhindert eine geschlossene Kühlkette die Norovirus-Verbreitung?

Nein. Der weltweit verbreitete Norovirus, der Magen-Darm-Erkrankungen verursacht, hält Temperaturschwankungen von minus 20 bis plus 60 Grad Celsius aus.

Was sagen die Kritiker?

Die Verbraucherorganisation Foodwatch fordert die Veröffentlichung der Ergebnisse von Kontrollen in Kantinen für Schulen und Kitas. NRW-Verbraucherminister Johannes Remmel appellierte gestern an die Betreiber, saisonal und regional einzukaufen.

Frank Meßing



Kommentare
10.10.2012
17:03
China liefert die meisten Erdbeeren
von guentherschmalza | #7

Wie sind denn die Kontrollen bei uns ? Siehe Gammelfleisch u.a. Also erst mal bei uns selbst ordentlich prüfen.

10.10.2012
11:12
Schon vor Jahrzehnten wurden Kontrollstreifen entwickelt,
von meigustu | #6

die nachweisen ob die Kühlkette unterbrochen wurde. Vor ein paar Jahren wurden hier in der WAZ zwei Jugendliche gefeiert, die das nochmal erfunden haben, weil ihnen die Existenz solcher Kontrollmittel nicht bekannt war.

Da fragt sich doch Kleinmichel gibt es da irgendeine böse Absichten ? Oder warum ist so etwas nicht längst Standard ?

10.10.2012
10:05
China liefert die meisten Erdbeeren
von herb630 | #5

Keine Aufregeung, ist doch sowieso bald Vergangenheit. Solbald China in die EU aufgenommen wird geht das alles nur noch über Brüssel.

10.10.2012
07:57
China...
von Kravattenmuffel | #4

„Deutsche Produzenten können den Bedarf an Erdbeeren ganzjährig nicht decken.“ Warum auch? Muss man im (beinahe) Winter „frische“ Sommerfrüchte haben? Muss man im (fast noch) Sommer schon Spekulatius haben? Nein, man muss nicht. Alles hat seine Zeit. Wenn es nicht die Gesundheit wäre, die angegriffen wurde, würde ich sagen: recht so! Es muss nicht alles sein, was „machbar“ ist.

10.10.2012
07:38
China liefert die meisten Erdbeeren
von DerRheinberger | #3

Chinaware erkennt man beim Auspacken der Ware an einem in der Regel ganz üblen Gestank, über dessen giftige Zusammensetzung man nur mutmaßen kann. Wer die ganz giftige Keule bevorzugt, kann sich die durch einen Aufenthalt in 1€-Läden in voller Konzentration abholen. Über Schäden an Arbeitern in den chinesischen Fabriken liest man hier leider nichts, aber wenn wir hier in Deutschland in Kürze auch chinesische Löhne eingeführt haben, hat sich das Thema Chinaimporte sowieso bald erledigt!

10.10.2012
01:58
China liefert die meisten Erdbeeren
von zool | #2

na klar, alles aus China ist billig und schlecht oder gefälscht. Ich frage mich nur, ob es hier keine Kotrollen der eingeführten Ware gibt. Verlässt man sich da auf die Zulieferländer ?

09.10.2012
22:35
China liefert die meisten Erdbeeren
von Mattaias | #1

Bis heute habe ich keinen Weg gefunden meiner Tochter zu erklären, warum man bei Aldi im November Adventskalender und Erdbeeren zur gleichen Zeit kaufen kann.

Die Erdbeere ist und bleibt für mich Saisonfrucht. Ich genieße sie im Frühjahr und verabschiede ich Ende Juni von ihr - sehnsüchtig auf das nächste Jahr wartend.

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