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Ein gefräßiger Chinese wütet am Rhein

Ein gefräßiger Chinese wütet am Rhein

Gerhard Renker muss ganz genau hinschauen. Er sucht auf dem Schulhof der Christophorusschule in Bonn nach winzigen Bohrspänen am Holz des gefällten Baumes, nach kleinen, kreisrunden Löchern und nach Spuren von Ahornsaft auf dem Boden.

Bonn (dapd-nrw). Gerhard Renker muss ganz genau hinschauen. Er sucht auf dem Schulhof der Christophorusschule in Bonn nach winzigen Bohrspänen am Holz des gefällten Baumes, nach kleinen, kreisrunden Löchern und nach Spuren von Ahornsaft auf dem Boden. Der Mann von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen jagt einen ausgesprochen gefährlichen Schädling: den Asiatischen Laubholzbockkäfer. Dieses gerade einmal fingergroße Insekt frisst sich mit Vorliebe in Ahornbäume und höhlt so Äste und Stämme aus. Jetzt droht der sechsbeinige Käfer aus China den alten und wertvollen Baumbestand in der Bonner Innenstadt zu befallen, deshalb entschließen sich die Männer für eine radikale Lösung: Sie ziehen eine Sicherheitszone von 200 Metern und fällen alle 300 Ahornbäume rund um den letzten Käferfundort.

Der Asiatische Laubholzbockkäfer ist schwarz mit weißen Flecken, gerade einmal so groß wie ein kleiner Finger, die feinen Fühler des Tieres sind noch einmal so lang. Vor sieben Jahren tauchte er das erste Mal in NRW auf, im Oktober 2005 entdeckten Experten des Pflanzenschutzdienstes insgesamt 30 befallene Bäume im Gewerbegebiet in Bornheim nahe Bonn. Der Fundort lag vor dem Werkstor der Firma Agaba, einem Steinimporteur mit Fertigungsstätten in China. „Es ist erwiesen, dass der Käfer mit Verpackungsholz aus China importiert wird“, sagt Renker. Und dass es sehr wahrscheinlich sei, dass die Tiere in Holzpaletten oder anderer Verpackung nach Nordrhein-Westfalen gekommen seien. Die betroffene Firma möchte sich zu dem Thema nicht äußern.

Der Käfer fliegt nur rund 200 Meter weit

Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass der gefräßige Käfer offenbar ziemlich faul ist und meist an dem Baum bleibt, wo er nach zwei Jahren Larvenzeit schlüpft. Wenn er fliegt, dann nicht weiter als rund 200 Meter. „Der Radius der Sicherheitszone orientiert sich an der Biologie des Tieres, so erwischen wir auch die Käfer, die sich auf Nachbarbäume verirrt haben“, sagt Renker. Der Pflanzenschutzexperte, bekleidet mit einem grünen Arbeitsoverall, gelbem Helm und Ohrenschützern, beugt sich über einen Ast. Mit der Axt schlägt er Stücke der Borke ab. Er kneift die blauen Augen zusammen, fährt mit der Schneide das Holz auf und ab, bohrt sie in eines der verdächtigen, daumennagelgroßen Löcher. Dann lässt er die Axt sinken: Entwarnung. „Es sind nur Ameisen.“

Um jeden befallenen Baum wird eine Quarantänezone mit einem Radius von zwei Kilometern gezogen. Dieses Gebiet ist inzwischen so groß wie 3.000 zusammenhängende Fußballfelder. Jeder Baum innerhalb der Quarantänezone wird fünf- bis zehnmal pro Jahr eingehend von zwei Fachleuten untersucht. Nur in der Sicherheitszone wird gefällt. „Das ist schon ein massiver Eingriff, den wir hier machen“, sagt Renker und schaut sich das Ergebnis seines Arbeitstages an: Im Grün des Pausenhofs klaffen riesige Lücken. „Die Schule hat Glück, hier gibt es eine schöne Mischbepflanzung“, sagt Renker. Da bleibt am Ende noch Grün übrig. Der Kindergarten um die Ecke hatte weniger Glück: Dort standen nur Ahornbäume im Garten.

Die Zahl der Schädlinge ist unbekannt

Bisweilen glauben die Männer, sie jagen ein Phantom. Denn nur ganz selten können Gerhard Renker und seine Kollegen einen Asiatischen Laubholzbockkäfer sehen, meistens sind die Tiere bereits entwischt. Übrig bleiben dann nur die kreisrunden Löcher und winzige Späne am Stamm. Und niemand weiß, wie viele der Käfer ihr Unwesen im Rheinland treiben. Also geht die Arbeit weiter. Alfons Steidl ist Baumfäller, er greift in die Äste eines 20 Meter hohen Ahornbaums, setzt seine Füße am Stamm und an den Astgabelungen ab und zurrt das Seil auf halber Höhe des Baumes fest. Ein paar Sekunden später hat er wieder Boden unter den Füßen und die Motorsäge in der Hand, er setzt an, macht eine Kerbe in den Stamm, setzt erneut an, es kracht und knackt und der Baum fällt.

Der Ahorn liegt am Boden, Alfons Steidl und seine Männer teilen den Stamm mit der Motorsäge, trennen Äste ab. Sie schleppen die meterlangen Äste zum Häcksler, übrig bleiben drei Kubikmeter Holzspäne. Diese werden anschließend verbrannt, der Käfer und seine Larven sollen keine Chance zum Überleben haben. Ob das den Baumbestand in der Bonner Innenstadt retten wird, ist ungewiss.

dapd

2012-09-20 08:16:51.0