Tempolimit für Züge eine Panikreaktion auf Kosten der Pendler

Frank Stenglein meint: „Das Bedürfnis nach Hundert-Prozent-Sicherheit ist zum Fetisch geworden, für den kein Opfer zu groß scheint.“
Frank Stenglein meint: „Das Bedürfnis nach Hundert-Prozent-Sicherheit ist zum Fetisch geworden, für den kein Opfer zu groß scheint.“
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Haben die Behörden und die Deutsche Bahn am Essener Hauptbahnhof angemessen reagiert, als sie wegen der Hohlräume unter den Gleisen ein Tempolimit für Züge beschlossen? Nein, kommentiert für unser Pro & Contra Frank Stenglein. Er erkennt eine Panikreaktion auf Kosten tausender Pendler.

Millionen Züge sind in den letzten rund 150 Jahren über die alten Stollen am Hauptbahnhof gefahren, ohne dass jemals etwas passiert ist. Nun sind diese Stollen gefunden worden, und natürlich: Da man sie nun kennt, muss man sie so schnell wie möglich verfüllen.

Doch rechtfertigt das eine Panikreaktion, als wäre höchste Gefahr im Verzuge? Musste man wirklich zigtausenden Bahn-Nutzern Geduldsproben abverlangen, mussten wirklich ICE’s umgeleitet werden?

Oder wäre das, was 150 Jahre gut ging, vielleicht auch noch ein paar Tage länger gut gegangen? Ich halte das für äußerst wahrscheinlich. Was wir in diesen Tagen in Essen erleben, ist erneut ein Beleg für die Überängstlichkeit in fast allen Lebensbereichen; für die Unfähigkeit mit noch so kleinen Risiken zu leben. Es ist der selbe Geist, der die Veranstalter von Martinszügen in die Resignation treibt, weil so viele Sicherheitsvorkehrungen zu beachten sind. Oder der die Stadt zwingt, den Löwenanteil der Mittel für die Schulgebäude-Sanierung in übertriebenen Brandschutz zu stecken, während die Schülertoiletten verrotten.

In diesem Land ist etwas ins Rutschen geraten. Das Bedürfnis nach Hundert-Prozent-Sicherheit ist zum Fetisch geworden, für den kein Opfer zu groß scheint. Eine Fehlentwicklung, die uns noch teuer zu stehen kommen wird.

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