„Weg der Wanderhuren“ zeigt Roma-Leid in Nordstadt und Bulgarien

Nach der Schließung des Dortmunder Straßenstrichs soll sich die Prostitution in Privathäuser der Nordstadt verlagert haben - so erzählt es der Dokumentarfilm „Der Weg der Wanderhuren“, der in der ARD lief. Archibild: Knut Vahlensieck
Nach der Schließung des Dortmunder Straßenstrichs soll sich die Prostitution in Privathäuser der Nordstadt verlagert haben - so erzählt es der Dokumentarfilm „Der Weg der Wanderhuren“, der in der ARD lief. Archibild: Knut Vahlensieck
Foto: Knut Vahlensieck
Was wir bereits wissen
Mordanschlag, Prostitution, Ekelhäuser in Dortmunds Nordstadt: Der ARD-Dokumentarfilm „Der Weg der Wanderhuren“ zeigte anhand des Schicksals einer bulgarischen Familie, wie gravierend die Probleme der Roma generell und speziell in Dortmund sind. Hier wurde die Hure Puppy aus dem Fenster geworfen.

Dortmund.. Eine Familienzusammenführung der besonders tragischen Art. Die junge Prostituierte Puppy, eine ausgewanderte Roma aus der bulgarischen Armensiedlung Stolipinovo (Vorort von Plovdiv), wird nach der Schließung des Dortmunder Straßenstrichs im Mai am 17. August 2011 von einem Freier aus einem Fenster in der Nordstadt geworfen. Sie überlebt, mit ihren schweren Verletzungen kann sie aber nicht mehr als Hure arbeiten und somit kein Geld für ihre mittellose Familie verdienen. Das ist die Kerngeschichte des Dokumentarfilms „Der Weg der Wanderhuren“, der Donnerstag kurz nach Mitternacht in der ARD lief.

Doch die Autoren Edeltraud Remmel und Esat Mogul greifen mit ihrer sehr sachlichen Darstellung viele Themen und Probleme der Dortmunder Nordstadt auf. Ohne sie letztlich beantworten zu können. Sie nähern sich dem Sujet journalistisch-dokumentarisch, zeigen wenige Emotionen der Figuren in den 30 Minuten, die Bilder von verwahrlosten Menschen und Müll reichen ihnen. Neben dem Mitleid nimmt der Zuschauer am Ende eine gehörige Portion Resignation ob der traurigen Situation wahr.

Zwei große Themenblöcke gibt es. Es beginnt und endet mit dem Schicksal von Puppy in Dortmunds Nordstadt. Erste Szene: Blut auf der Straße nach dem Fenstersturz. Aufgeregt berichten Zeugen dem Kamerateam, das sich mit der Prostituierten zwecks Porträt verabredet hat und quasi zufällig nun neben dem Leid ein noch dramatischeres Geschehen abbilden kann, wie sie den später verhafteten Freier sahen. Überlebenskampf, Koma, Intensivstation. Aber zurück nach Bulgarien? Das sei die schlimmste aller Möglichkeiten.

Nach Dortmund in die Nordstadt hat es viele aus bulgarischen Ghettos vertrieben. Etliche Frauen darunter, die nicht lesen und schreiben können, leben rund um die Ravensberger Straße von der Prostitution. Auch nach dem Ende des Straßenstrichs und der Ausweitung des Sperrbezirks arbeiten sie, und damit zweifeln die Filmemacher die Aussagen der Stadt Dortmund an, weiter als Huren, nun verdeckt im Verborgenen. Was, siehe Puppy, gefährlich sein kann. Die Frauen-Beratungsstelle Kober und die Dortmunder Medien sollen genau das geahnt haben.

Womit der Kampf zwischen den Nordstadt-Bewohnern und dem gesamten Prostitutionsgewerbe weitergehe. Speziell die bulgarischen Roma seien für den Anstieg der Kriminalität rund um die „Zuckermeile“ an der Ravensberger Straße verantwortlich gewesen. Doch auch nach dem Straßenstrich-Aus hätten diese Frauen, so sagt ein Anwohner im Film, „nichts zu verlieren, also bleiben sie hier.“ Der Nordmarkt sei für viele Roma ein Zuhause geworden, sie würden auch für 10 oder gar nur 5 Euro ihre Dienste als Hure anbieten. Erst mit der Androhung von Polizei könne ein Anwohner die sexuellen Angebote abwehren, sagt er.

Müll und Verwahrlosung in „Ekelhäusern“

Auch die sogenannten Ekelhäuser thematisieren die Dokumentarfilmer. In eines dieser 40 Gebäude in der Nordstadt dürfen sie bei einer Razzia mit dem Ordnungsamt, zeigen Müll und Matratzen, die für 150 Euro im Monat an Roma vermietet werden.

Die Mutter bricht nach dem (von den Filmemachern so titulierten) Mordanschlag auf ihre Tochter Puppy zusammen. „Es ist ein Elend“, übersetzt die Erzählerin eine ihrer Aussagen. Sie kommt mal irgendwo unter, lebt dann wieder auf der Straße, bettelt, fischt sich ihre Kleider aus Containern. Zwei ihrer sieben Kinder hat Dortmunds Jugendamt bei Pflegefamilien untergebracht. Wann sie ihre Kinder sehen darf, hat man ihr aufgeschrieben. Sie kann aber weder lesen noch schreiben.

Im bulgarischen Ghetto Stolpinovo

Das zweite große Handlungsfeld der Dokumentation ist der Plovdiver Vorort Stolipinovo, der mit Puppys Vater erkundet wird. Der konnte aus Geldnot zunächst nicht mit nach Dortmund. Blieb in dem immer mehr verrottenden Ghetto mit vielen Analphabeten, wo es monatlich 35 Euro Sozialhilfe (für Kinder gibt’s 9 Euro extra) gibt. Hier würden 60.000 Roma von Bulgariens wirtschaftlichem Aufschwung ausgegrenzt. Zuletzt gab es obendrein noch Brandanschläge von Rechtsradikalen, berichten die Dokumentarfilmer.

In diesem Armenviertel: der „Dortmunder Block“. Hier leben Leute, deren Familienmitglieder in der Nordstadt leb(t)en und Geld schicken konnten. Oft verdient durch – man ahnt es – Prostitution. Auch nach dem Straßenstrich-Aus bringen weiter Kleinbusse Bulgaren in die Westfalenmetropole.

Arbeiterstrich und Übernachtung im Auto

Auch eine schwangere Freundin von Puppy will in Dortmund jenes Geld verdienen, das sie nach Bulgarien an ihre Familie schicken würde. Der Vater ihres Kindes ist unbekannt, dafür hat sie einen bulgarischen Tagelöhner als Beschützer. Der erhält am sogenannten Arbeiterstrich in der Nordstadt selten lukrative Jobs. Beide schlafen mangels Unterkunft mal im Auto, woraufhin die Polizei ihren Pass kassiert, nachdem ihr geborenes Kind zu Pflegeeltern muss.

Puppys Vater, der auch noch gehbehindert ist, kommt schließlich doch nach Dortmund, weil er in Stolipinovo die Miete nicht mehr zahlen kann und von dem Mordanschlag auf seine Tochter hörte. Auf dem Westenhellweg bettelt er um Almosen, um etwas für seine Familie zu verdienen. Er schläft mit seiner Frau im Freien, sieht in einem Internetcafé am Nordmarkt seine zum Krüppel gewordene Tochter wieder, die nach zweieinhalb Monaten und vielen Operationen nach dem Fenstersturz kurz das Krankenhaus verlassen darf. Hoffnung der Familie: Schmerzensgeld vom Freier per Gerichtsurteil.

Ein Teufelskreis, so scheint es: Diesen Roma ist Arbeit in Deutschland verboten, außer selbständige Tätigkeiten wie eben Prostitution. Doch Dortmund ist ja Sperrbezirk. „Die ständigen Kontrollen zeigen die Ohnmacht der Kommunen, die EU hat das Problem ausgeblendet“, kommentiert die Sprecherin. Die Roma – ein Volk ohne Lobby, überall werde es weggejagt. Und deren Ghetto Stolpinovo rücke durch viele Kleinbus-Fahrten immer näher an die deutsche Wohlstandsgesellschaft heran.