Nach dem Tod von Enke: Es bleiben nichts als Fragen
11.11.2009 | 10:36 Uhr 2009-11-11T10:36:00+0100
Hannover. Robert Enke stirbt an einem Bahnübergang. Der Keeper musste mit vielen Tragödien fertig werden. Tochter Lara wurde nur zwei Jahre alt. Vielleicht macht man sich viel zu wenig Vorstellungen davon, was Schicksalsschläge, was aber auch permanenter Druck in einem Menschen auslösen können.
Vielleicht macht man sich viel zu wenig Vorstellungen davon, was Schicksalsschläge, was aber auch permanenter Druck in einem Menschen auslösen können.
Robert Enke durfte viele Jahre eine Art Privileg genießen, das er zuletzt vielleicht vermisst haben mag. Er war Stammtorhüter beim Fußball-Bundesligisten Hannover 96, einer der Besten seines Fachs, beliebt und unumstritten bei den Fans, aber doch nie so sehr im Blickpunkt der Öffentlichkeit, dass es unangenehm geworden wäre. Vielleicht kann man heute nur erahnen, wie viel Robert Enke das wert gewesen sein muss.
Mit dieser Ruhe war es seit dem Rücktritt von Jens Lehmann im Tor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft vorbei: Robert Enke galt als erster Anwärter auf den Platz im deutschen Tor. Er war mit seiner Ruhe, seiner Sachlichkeit, so etwas wie ein Anti-Lehmann.
Aber Robert Enke war kein Glückspilz: Er hatte von Anfang an mit René Adler und Manuel Neuer zwei jüngere, vielleicht auch talentiertere Torhüter im Nacken. Zwei, die von der Öffentlichkeit immer wieder gefordert wurden; zwei, die durch ihre Spitzenclubs Leverkusen und Schalke mehr Schub bekamen als Enke ihn von den mittelmäßigen Hannoveranern bekommen konnte.
Auf einmal, hat sich Enke vor gar nicht so langer Zeit beklagt, werde jedes Wort von ihm auf die Goldwaage gelegt. Plötzlich wurde jede Bewegung beobachtet und selbst die privatesten und schlimmsten Momente, die sich ein Vater vorstellen kann, gehörten der Öffentlichkeit. Robert Enke musste oft mit Schicksalsschlägen fertig werden; allen voran mit dem Tod seiner kleinen Tochter Lara.
Jetzt sieht es so aus, als sei das alles zu viel geworden: Enke, 32 Jahre alt, ist gestern Abend an einem Bahnübergang im niedersächsischen Eilvese, einem Ortsteil von Neustadt am Rübenberge, gestorben. Robert Enke hat sich, das galt wenige Stunden nach der Tat als sicher, das Leben genommen. „Man rechnet mit vielem, aber nicht mit so etwas”, sagte Hannovers Präsident Martin Kind, „er war labil, er hat das überlagert.”
Wenn das so war, dann hat es jahrelang kaum jemand gemerkt. Enkes Leben erscheint jetzt, mit diesem Ende, fast als Kette von tragischen Ereignissen. Verletzungen, wie Enke sie vor allem immer wieder erlitt, seit sich ihm die Chance bot, in der Nationalelf die Nummer eins zu werden, waren da noch die harmloseren Rückschläge. Zuletzt hatte Enke wegen einer anfangs rätselhaften Erkrankung, die nach einiger Zeit als Bakterien-Infektion des Darmes erkannt wurde, vier Länderspiele verpasst. Auch für die Begegnung am Samstag in Köln gegen Chile und am kommenden Mittwoch in Gelsenkirchen gegen die Elfenbeinküste war Enke nicht nominiert worden.
Aber was ist das gegen den September 2006? Damals starb Enkes zweijährige Tochter Lara an einem angeborenen Herzfehler. Enke zeigte Stärke, zumindest wurde es von außen so interpretiert. Nur sechs Tage nach dem Tod seiner kleinen Tochter stellte er sich in Hannover wieder ins Tor, weil er keine Auszeit haben wollte. Die Krankheit seiner Tochter, hat Enke damals gesagt, habe sein Leben bestimmt, in einem Zyklus aus Intensivstation, Reanimierung, Todesangst. All' das war Enkes Alltag.
Später nahm sich Enke, den man als ruhigen Gesprächspartner erlebt hat, als einen Mann, der gründlich nachdachte, bevor er antwortete, das Recht, keine Interviews zum Tod seiner kleinen Tochter zu geben, seinen Schmerz als das zu behandeln, was er war: seine private Angelegenheit.
Und trotzdem bleiben einem nur Vermutungen, steht man fassungslos vor der Tragödie, die Robert Enkes letzter Entschluss war. Weggefährten war aufgefallen, dass Enke sich etwas verändert hatte, das schon. Dass er bei Zeitungen anrief, weil er sich falsch zitiert fühlte. Dass es ihm, der immer ausgesprochen uneitel wirkte, plötzlich wichtiger geworden war, wie er bei den Fans ankam. Aber dass sich dahinter offenbar ein seelischer Abgrund auftat, mit dem Enke nicht mehr fertig wurde – niemand scheint etwas davon geahnt zu haben.
Weil sein Berater Jörg Neblung gestern am späten Abend sagte, er könne „bestätigen, dass es sich um Selbstmord handelt”, bleibt man mit nichts zurück als Fragen, die letztlich alle um das Warum kreisen.
Will man wirklich versuchen, sich vorzustellen, was in Robert Enke in seinen letzten Tagen vorgegangen sein muss? In den letzten Stunden? Hat ihm womöglich jemand mitteilen müssen, dass er schlimmer erkrankt war, als es schien?
Und wie muss es um jemanden stehen, der sich vor einen Zug wirft, der sich also so tötet, dass so wenig wie möglich von ihm übrig bleibt?
Und: Warum tut jemand den letzten Schritt, der vor einem halben Jahr mit seiner Frau Teresa einen so lebensbejahenden Schritt gemacht zu haben schien: Noch im Mai haben die Enkes ein achtmonatiges Mädchen adoptiert.

15:14
Natürlich sind auch die Bahnfahrer Opfer dieser Tragödie. Glaubt ihr eigentlich wirklich das jemand der im Begriff ist sich von einen Zug überrollen zu lassen in der Verfassung ist eine rationale (vernünftige) Entscheidung zu treffen?
Zu den schwindeligen Beiträgen einiger Leute fällt mir echt nix mehr ein. Euch möchte ich nur sagen Alles in allem seid ihr auch nur ein Stein in der Mauer!
Oder eure negativen Äußerungen könnten auch schon eine Folge eurer eigenen Depression sein!?
12:40
Hier werden nach meinem Empfinden zu viele Themen miteinander gemischt. Der Tod eines Menschen wirft sicher viele Fragen auf.
Die Antwort für den Tod Robert Enkes aber vorrangig in dem übermäßigen Druck durch Vereine oder Verantwortliche zu suchen, halte ich für verfehlt. Top-Spieler verdienen Top-Gagen und setzen sich vor allem erst einmal selbst unter Druck, da sie Ihren eigenen Zielen folgen. Ich will nicht pietätlos sein, doch jeder von uns muss mit dem alltäglichen Konkurrenzkampf leben und Niederlagen einstecken.
Und im bezahlten Fußball geht es nicht ums überleben, sondern ums große Geld, darum ganz vorne zu stehen. An diesem Trend sind alle beteiligt: Vereine, die Spieler und sicher nicht zuletzt die Fans.
Meine Meinung wird so manchen Fußballfan sicher auf die Palme bringen. Die Wahrheit ist aber doch: Gewinner werden bejubelt, Verlierer werden (meist) ausgebuht.
06:49
Oliver Kahn prägte viele Jahre lang das Bild des deutschen Torwarts: kraftstrotzend, nervenstark, aggressiv. Torhüter stehen unter ganz speziellem Druck. Sie greifen nur sporadisch ins Geschehen ein, aber jede ihrer Aktionen kann über Sieg oder Niederlage entscheiden. Fehler sind nicht wieder gut zumachen. Kahn schien diese Herausforderung in Kraft umzusetzen. Nach der Karriere bekannte er, er habe unter einem schweren Burn-out-Syndrom gelitten und professionelle Hilfe in Anspruch genommen. Robert Enke schien zu beweisen, dass es nicht der Aggressivität und der schlechten Manieren eines Oliver Kahn bedurfte, um ein großer Torwart zu sein. Er war nach außen äußerst ausgeglichen – das war –wie man nun sieht- eine Fehleinschätzung. Sein Tod lenkt den Blick auf die psychischen Belastungen von Profisportlern. Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballspieler, verweist nach Enkes Tod darauf: Der Druck auf die Spieler nimmt zu. Es kommt vor, dass Spieler beim Training bedroht, rassistisch beschimpft oder von Trainer und Mitspieler gemobbt werden.
Abgesehen von der besonderen Tragik im Fall von Robert Enke, der sein Innenleben und seine schwere Depression aus Angst zu tarnen wusste, so dass keiner etwas davon bemerkte, sollte sein Tod Anlass sein, Tabuthemen auch im Fußball journalistisch verstärkt zu thematisieren! Auch die Sportjournalisten der WAZ müssen ihre eigene journalistische Ethik reflektieren. Wie sagte es Dr. Thomas Leif vom „Netzwerk Recherche“ sehr richtig: „Der seriöse und hintergründige Sportjournalismus droht in Deutschland im Sog einer ungebremsten Kommerzialisierung und unter dem Diktat der Unterhaltung zu einer aussterbenden Disziplin zu werden. Das Signal zur Rückbesinnung auf journalistische Tugenden ist längst überfällig.“
Der Sportjournalismus steht am Scheideweg zwischen Nähe oder Distanz, Quote oder Recherche, Präsentation oder Berichterstattung, Stimmungsmache oder Analyse. Lieber Reinhard Schüssler, Peter Müller, Thorsten Schabelon, liebe Tina Halberschmidt, lieber Wolfgang Kerkhoff, Ulf Meinke ect. haben Sie Mut, um neue Wege für alte Werte (im Sportjournalismus) zu beschreiten. Bleiben Sie am Ball – auch bei Tabuthemen im Fußball! Fußballer sind keine unverwundbaren Gladiatoren im modernen Fußball-Zirkus („Maximus“), sondern – wie das Beispiel Robert Enke zeigt – hochsensible Menschen!
GLÜCK AUF!
19:03
Wie krank ist unsere Gesellschaft, dass ein Mensch mit psychischer Erkrankung sich und seine Familie so unter Druck setzt, damit bloß nichts ans Licht kommt....das kann kein Mensch auf dauer aushalten...
Und nach dem warum zu fragen ist müßig, denn niemand kann verstehen, was in einem Menschen vorgeht der an Depressionen erkrankt ist.
Mein Mitgefühl gehört in erster Linie Robert Enke´s Familie und ich finde den Schritt von Frau Enke an die Öffentlichkeit zu gehen sehr mutig.
Ich hoffe nur, dass die ein kleiner Schritt dahin ist, dass diese Gesellschaft mal wieder lernt Mitgefühl und Menschlichkeit zu leben.
Wie verzweifelt kann ein Mensch sein....
Ich wünsche Robert Enke´s Familie und auch den Lokführern viel Kraft und Unterstützung
17:29
Vorweg.. ich bin kein Fußball-Fan.
Egal wen es trifft, prominent... oder einfach nur
ein Normalo wie Du und ich... so etwas schmerzt.
Wie muß es in Ihm ausgesehen haben?
Schrecklich.
Ich möchte Seiner Familie mein tiefstes
Mitgefühl ausdrücken.
Bleiben Sie stark!
16:54
Stimmt sicherlich alles. Aber traurig und erschütternd ist es in jedem Fall.
15:50
Vielleicht sollte man mal die Einleitung ändern. Enke starb nicht an einem Bahnübergang, sondern ist mit seinem Auto auf einem für den öffentlichen Verkehr nicht zugelassenen Feldweg an die Gleise gefahren und hat es dort abgestellt - wenige Meter neben den Gleisen bei Bahnkilometer 37,0. Dort wurde er dann auch erfasst, nachdem er ein Gleis (das in Richtung Bremen) bereits überquert haben musste (was das Thema Joggen und Unfall ziemlich umwahrscheinlich macht). Der nächste Bahnübergang befindet sich tatsächlich erst rund 750 Meter weiter bei KM 36,224 - kurz davor kam nur der Zug zum Stehen, nachdem der Lokführer einen Nothalt eingeleitet hatte. Der Leichnam wurde aber bei KM 37,0 gefunden...
Mir ist unverständlich, dass immer noch viele Medien diese Meldung ohne ein bisschen Nachdenken verbreiten, obwohl der Polizeipressesprecher schon gestern Abend kurz nach dem Vorfall von einem Ort sprach, an dem man gewöhnlich nicht über die Gleise geht. Da hätte es doch klingeln müssen bei den vielen Redakteuren - denn genau zum Überqueren wäre ein Bahnübergang doch da...
Ich finde den Freitod bedauerlich. Robert Enke war ein sehr warmherziger Mensch. Dennoch muss ich sagen, dass ich kein Verständnis dafür habe, wenn Jemand (egal ob prominet oder nicht) andere Menschen in seinen Freitod hineinzieht. Den Lokführer, den Zug voller Fahrgäste oder die vielen Helfer der Ortswehr, die wieder mit einem zerfetzten Körper mehr im Hinterkopf weiterleben müssen. Mit Schlaftabletten kann man auch aus dem Leben scheiden - und zwar sehr viel humaner, als sich von einem 140km/h schnellen Zug überrollen zu lassen.
13:57
Das ist doch mal ne Aussage
13:55
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13:24
Ich habe gerade die Kommentare gelesen,und mußte mit bestürzen eins lesen.Betreff das von :jedermansseine:Bitte vergleichen Sie nie wieder den Beruf des Lokführers mit dem eines Feuerwehrmannes oder Sanitäters.Die beiden Berufsgruppen sind da um die reste des Selbstmörders einzusammeln.Der Lokführer hingegen muß dem Selbstmörder evtl.in die Augen schauen [Editiert von Moderation].Bitte nicht noch mal so ein Vergleich.Jetzt zum Thema:Ruhe in Frieden Robert Enke.EIN DORTMUNDER LOKFÜHRER MIT ERFAHRUNG.