Wer am Elend der Roma in Deutschland verdient
12.10.2012 | 10:18 Uhr 2012-10-12T10:18:00+0200
Duisburg/Katunitsa. Sie kommen aus Bulgarien und Rumänien nach Deutschland mit der Hoffnung auf ein besseres Leben und landen in der absoluten Armut. Täglich leben viele verschuldete Roma mit Angst vor den Übergriffen der Geldeintreiber. Bei dem Geschäft mit der Zukunft machen nur die großen Roma-Chefs Kasse.
Alina und ihr Mann Juri sitzen in einer Dachgeschosswohnung in Duisburg-Hochfeld in einem Haus in der Walzenstraße. Auf der Straße liegen zerschlagene Flaschen, im Hof abgerissene Möbelreste. Im Zimmer riecht es beißend nach Urin. Alina und Ihr Mann Juri sitzen dort, weil sie in Duisburg ihr versprochenes Glück suchen. Alina und Juri haben keine Arbeit. Wenig zu Essen. Aber Schulden. Und da draußen sind Männer, die die Schulden eintreiben.
Alina und Juri haben drei Kinder. Sie hausen alle zusammen mit Juris Brüdern und deren Familien in den vier Zimmern in der Walzenstraße. Sie haben Angst vor den Männern da draußen. Deswegen wollen Sie keine Nachnamen lesen und auch keine Fotos von sich sehen.
750 Euro Miete für ein Wohnloch
Alina und Juri sind Teil des großen Roma-Trecks, mit dem zehntausende Menschen aus Bulgarien und Rumänien nach Westeuropa ziehen, auch ins Ruhrgebiet, auf der Suche nach Zukunft, nach Glück. In ihrem Gefolge: Profiteure und Absahner.
Alina und Juri sitzen auf einem Bett. Alina hat ihre schwarzen Haare streng zurückgekämmt und trägt um den Hals eine Goldkette. Sie ist sehr schlank. Ihre schwarzen Augenbrauen sind fast zusammengewachsen. Juri trägt eine schwarze Trainingsjacke. Zwei Armlängen entfernt steht in einem braunen Eichenschrank eine rosafarbene Glaskatze. Sie müssen 750 Euro im Monat für die vier Zimmer zahlen. An den Wänden blasse Farbe, keine Tapeten, Putz bröckelt. Das ganze Haus ist an Roma vermietet. Vier Etagen. Ein halbes Dutzend Wohnungen, fast 80 Bewohner – in jedem Alter. Kaum einer hat Arbeit.
Der Vermieter hat die Pässe
Der Besitzer des Hauses in der Walzenstraße ist der türkische Geschäftsmann Arif K. Er hat die Pässe von Alina, von ihrem Mann Juri und anderen Roma in seinem Haus eingesammelt. Sie sind sein Pfand. Die Pässe will er erst zurückgeben, wenn Miete, Schulden und Zinsen bezahlt sind. Wer nicht mehr zahlen kann, fliegt raus. Einfach so. Fenster auf. Kleidung, Koffer, Eichenschrank samt Glaskatze auf die Straße.
Es gibt genügend Roma, die einziehen wollen, wenn sie dürften, sagt der Vermieter bei einer Konfrontation mit dem Reporter. Wo sollen sie auch sonst hin. Auf Widerworte reagiert Vermieter K. zornig. Er droht mit Schlägen. „Ich hab nur Ärger mit denen. Die sollen zahlen“, sagt er. Er besitzt noch mehrere Roma-Häuser im Duisburger Stadtteil Hochfeld.
Woher die Roma das Geld nehmen, ist dem Vermieter egal. Alina hat ein Formular vorliegen. Das hat er ihr gegeben. Es ist ein Kindergeldantrag für Alinas drei Kinder an das Duisburger Jugendamt. Auch andere Roma im Haus sollen für ihre Kinder die Anträge ausfüllen. Als Empfänger hat Arif K. sein Konto eingetragen. Viele füllen den Antrag aus.
Die Stadt Duisburg wurde über den Vorgang informiert. Gesagt hat sie dazu bisher nichts.
Nur wer tief in die Lebenswelt der Roma eintaucht, kann verstehen, warum sich Menschen wie Alina und Juri Vermietern wie Arif K. ausliefern. Es geht fast immer um Geld, Schulden und Hoffnungen.
-
Seite 1: Wer am Elend der Roma in Deutschland verdient -
Seite 2: Roma-Bosse lassen Schulden eintreiben -
Seite 3: Roma leben am Rand der Gesellschaft
|
|
1 | 2 | 3 |
