Unterrichtsausfall – verkürzte Lehrerausbildung bringt Schulen in Nöte

Unterrichtsausfall: 2100 Lehramtsanwärter in NRW machen im kommenden Januar ihre Abschlussprüfung - und bringen viele Schulen in NRW damit in Personalschwierigkeiten.
Unterrichtsausfall: 2100 Lehramtsanwärter in NRW machen im kommenden Januar ihre Abschlussprüfung - und bringen viele Schulen in NRW damit in Personalschwierigkeiten.
Foto: Archiv/Udo Prechtl
Was wir bereits wissen
Mehr Schulpraktika bereits im Studium und dafür ein halbes Jahr weniger Lehrpraxis an der Schule: Nach diesem Prinzip hat die NRW-Landesregierung die Lehrer-Ausbildung reformiert. Bald werden die ersten Lehramtsanwärter ihre Prüfung machen. Die Folge: Sie verlassen die Schule mitten im Schuljahr.

Oberhausen.. Harald Willert nennt es „einen Glücksfall“. Neun Referendare hat der Schulleiter des Oberhausener Sophie-Scholl-Gymnasiums seit Mai dieses Jahres in seinem Kollegium. In insgesamt 18 Monaten sollen die neun Lehramtsanwärter ‚fit’ werden für den Schulalltag, auch, indem sie ein Jahr lang eigenständig Klassen unterrichten. Die neun Referendare sind im Stundenplan an Willerts Schule eine wichtige Stütze, weil sie „bedarfsdeckenden Unterricht“ leisten müssen, der auch zur Ausbildung gehört. Und obwohl die Ausbildungszeit im vergangenen Jahr vom Land NRW um sechs Monate verkürzt wurde, spricht Schulleiter Willert von Glück: Weil er seine neun Referendare das komplette aktuelle Schuljahr einsetzen kann.

Bei den gut 2100 Referendaren, die im kommenden Januar ihre Abschlussprüfung in NRW machen, ist das anders: Sie werden aus dem Schulbetrieb gerissen, noch bevor das aktuelle Schulhalbjahr beendet ist. Und die Verkürzung der Lehrerausbildung mit neuen Einstellungs-Terminen sorgt dafür, dass dies künftig immer wieder passiert. Die betroffenen Schulen können sich deshalb schon jetzt auf Personalengpässe einstellen. Die Folge: Unterrichtsausfall.

Gewerkschaft beklagt "Konstruktionsfehler" in der Lehrerausbildung

Für Dorothea Schäfer, Landesvorsitzende der Gewerkschaft GEW, ist dies das Ergebnis eines „Konstruktionsfehlers“ der neuen Lehrer-Ausbildung. Damit müssen künftig alle Schulformen im Land klar kommen. Die Gymnasien betrifft es 2013 im Übrigen besonders stark, weil dann zwei Abijahrgänge (G8/G9) gleichzeitig ihre Abschlussprüfung machen; insgesamt laut NRW-Schülerprognose zusammen mehr als 127.000 Schüler.

Vieles soll nun besser werden in der Lehrerausbildung. Bis dato war immer kritisiert worden, dass Nachwuchslehrer viel zu spät Praxis-Erfahrungen an den Schulen sammeln. Bei der Umstellung auf Bachelor- und Master-Abschluss wurden deshalb vermehrt Praxis-Elemente ins Lehramts-Studium eingebaut; schon vor dem Studium wird jetzt zum Beispiel ein mehrwöchiges „Eignungs-Praktikum“ angeraten.

Allerdings: Davon profitieren werden die Schulen in NRW frühestens ab dem Jahr 2015. Die Lehramtsanwärter, die im kommenden Januar und auch 2014 ihre Prüfung machen werden, haben fast alle noch nach der alten Ausbildungsverordnung studiert. Für Harald Willert hört damit der „Glücksfall“in punkto Referendare auf.

Schon nach 20 Tagen an der Schule verantwortlich für Unterricht

„Ihre Kenntnisse sind sehr unterschiedlich“, sagt der Oberhausener Schulleiter Willert zum Leistungsstand seiner Referendare. Entsprechend schwer haben es die Referendare zum Teil, sich in den Schulbetrieb einzufinden. „Die Lehramtsanwärter wurden nach der alten Ausbildungsverordnung ausgebildet, werden aber in die neue hinein gezwängt“, bemängelt Willert.

So hatten Referendare bis dato insgesamt eine sechs Monate lange Einarbeitungszeit. Jetzt ist sie reduziert auf drei Monate, was bei Willerts Lehramtsanwärter, die zum 1. Mai an der Schule angefangen haben, auf etwas mehr als 20 Schultage hinauslief, an denen sie tatsächlich in der Schule waren und von erfahrenen Lehrkräften aufs Unterrichten vorbereitet werden.

„Man wird krass ins kalte Wasser geworfen“, beschreibt Marcel Groth die Situation. Der 28-Jährige startet diesen November in sein Referendariat. Was er jetzt schon weiß: Bereits nach eineinhalb Monaten an der Schule wird er erstmals von einer Ausbildungs-Kommission im Unterricht begutachtet werden. „Weil das noch vor Weihnachten erfolgen soll“, erklärt Groth, der Lehrer für Geschichte und praktische Philosophie werden will. Groth kritisiert zudem, dass die Zeit zwischen Uni-Abschluss und Start ins Referendariat bei ihm vier Monate gedauert hat; eigentlich soll der Übergang ohne große Lücke verlaufen. Aber Examens-Zeiten an den Hochschulen und die Einstellungs-Termine der Schulen seien nicht aufeinander abgestimmt.

Neue Aufnahme-Termine bringen Personalplanung an den Schulen durcheinander

Dass er künftig verstärkt mit Unterrichtsausfall zu kämpfen haben wird, ergibt sich aus Sicht von Harald Willert zwangsläufig mit der verkürzten Lehrerausbildung: „Die neun Referendare entsprechen bei uns etwa dreieinhalb Lehrerstellen“. Und auch Willert muss sich auf einer Lücke bei der Personalplanung einstellen. „Früher konnten wir besser mit den Referendaren planen, weil sie zwei komplette Schuljahre bei uns waren.“ Jetzt ist der Hauptaufnahme-Termin der 1. Mai und je nach Ausbildungsort der 1. November. Das heißt aber, dass Schulen künftig aufs Schuljahr berechnet drei Monate lang auf neue Lehramtsanwärter warten müssen.

Wann Lehramtsanwärter an die Schulen kommen ist regional unterschiedlich und hängt davon ab, welchem der landesweit 33 „Zentren für die schulpraktische Lehrerausbildung“ sie zu zugeteilt sind. So wird an den Schulen in Oberhausen, Düsseldorf und Krefeld zum Beispiel künftig stets zum 1. Mai eingestellt. Schulen in Duisburg, Solingen und Neuss wiederum haben den Einstellungstermin zum 1. November.

Schul-Ministerium räumt negative Folgen an den Schulen ein

Im NRW-Schulministerium gesteht man ein: „In der einzelnen Schule können durch den nicht durchgängigen Einsatz der Lehramtsanwärter Schwankungen in der Unterrichtserteilung entstehen.“ Um das zu verhindern, müssten die Schulen eben organisatorisch „gegensteuern“, sagt ein Ministeriums-Sprecher. Und: „Den Schulleitungen stehen zum Ausgleich vorübergehender Schwankungen ihres Stundendeputats die Instrumente der flexiblen Stundentafeln und des flexiblen Einsatzes der Lehrkräfte zur Verfügung“. Der Sprecher räumt allerdings ein, dass davon nicht alle Schulen profitieren können: „Einen zusätzlichen ‚Vertretungspool’ gibt es für die Grundschulen, nicht für die Gymnasien“.

Wieder ein Punkt, der Harald Willert in Oberhausen nicht mehr von „Glück“ reden lässt: Im August 2013 „hab’ ich ein Problem“ – weil dann seine neun Referendare die Schule verlassen. Um die Zeit bis zum nächsten Einstellungstermin zu überbrücken aber kann Willert, wie er sagt, keinen zusätzlichen Lehrer einstellen: „Das geht nur bei Elternzeit oder Schwangerschaft“. Fehlende Lehramtsanwärter gelten da nicht.