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Sorge vor Regeln: Foodsharing-Kühlschrank in Essen schließt

Sorge vor Regeln: Foodsharing-Kühlschrank in Essen schließt

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Foto: Heiko Kempken / FUNKE Foto Servi
In Berlin hat die Stadt Mindestanforderungen an „Fair-Teiler“ durchgesetzt. Vorsorglich hat nun in Essen ein erster Kühlschrank dicht gemacht.

Essen/Berlin. 

Die Idee ist denkbar einfach: Wer Lebensmittel übrig hat, stellt sie in einen öffentlichen Kühlschrank, an dem sich jeder bedienen kann. Über 300 sogenannte „Fair-Teiler“ gibt es in Deutschland mittlerweile. Auch im Ruhrgebiet steht in jeder größeren Stadt mindestens einer. Die Betreiber wollen mit dieser Art des „Foodsharings“ einen Beitrag gegen die massive Verschwendung von Lebensmitteln leisten.

Sorgen vor strengen Hygienevorschriften

Doch in Essen hat nun ein erster „Fair-Teiler“ dicht gemacht. Die Betreiber der Druckertankstelle, einem Ladenlokal im Stadtteil Rüttenscheid, fürchten in Zukunft strenge, kaum einhaltbare Hygienevorschriften und hohe Bußgelder.

Hintergrund ist eine Ankündigung in Berlin: Denn die Lebensmittelüberwachung der Hauptstadt haben sich auf Mindestanforderungen für Foodsharing-Kühlschränke geeinigt, um Nutzer vor Gesundheitsrisiken zu schützen. Die Stadt will in jedem Einzelfall prüfen, ob es sich bei den Anbietern der Kühlschränke um Lebensmittelunternehmer handelt.

Laut einer EU-Verordnung gilt als Lebensmittelunternehmer, wer Lebensmittel produziert, verarbeitet oder vertreibt – dabei ist es egal, ob Gewinne erzielt werden oder die Tätigkeiten gemeinnützig sind.“Fair-Teiler“, die von der Behörde als Unternehmen eingestuft werden, bekommen Auflagen:

  • so müssen die Kühlschränke in einem Betriebsraum stehen – unter ständiger Aufsicht einer „verantwortlichen Person“, die auch dafür zuständig ist, die Spenden anzunehmen und zu überprüfen
  • zudem soll Buch über Spender und Spenden geführt werden, damit sie zurückverfolgt werden können.
  • die Stadt will durch die Anforderungen vermeiden, dass in den Kühlschränken unhygienische Zustände herrschen, leicht verderbliche oder falsch bezeichnete Lebensmittel in den Umlauf kommen.

Keine einheitlichen Regeln

„Die Vorschriften sind für die meisten Leute, die einen Fairteiler betreiben, aus zeitlichen Gründen absolut nicht realisierbar“, sagt Nicholas Schildmann, stellvertretender Geschäftsführer der Druckertankstelle in Essen. Seit über einem Jahr steht in dem Ladenlokal ein Kühlschrank, der während der Öffnungszeiten öffentlich zugänglich ist. Dort konnten Lebensmittel kostenlos abgegeben und mitgenommen werden.

Damit ist nun vorerst Schluss – obwohl die verschärften Regeln nur in Berlin gelten. Zu groß ist bei den Betreibern die Sorge, dass es auch in Essen bald strenge Kontrollen geben könnte.

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Bisher steht jedoch nur fest, dass nichts feststeht: Denn eine bundesweite Regelung gibt es nicht. In Nordrhein-Westfalen legen Kreise und Kommunen die Vorschriften für die „Fair-Teiler“ eigenverantwortlich fest. Wie lange das noch so bleibt, ist offen. Das Thema ist in den Behörden jedenfalls auf den Schreibtischen gelandet. „Es wird darüber diskutiert und es ist notwendig, dass es eine einheitliche Regelung gibt“, sagt Peter Schütz, Sprecher des Landesamtes für Verbraucherschutz.

Verteiler werden in Essen und Duisburg nicht kontrolliert

Duisburg stuft das Essenteilen etwa als Weitergabe unter Privatleuten ein und kontrolliert die Kühlschränke überhaupt nicht, auch in Essen werden die Verteiler nicht überwacht.

So würden es in der Regel alle Städte machen, sagt Frank Bowinkelmann, der Vorsitzende des Vereins Foodsharing. Nur Berlin eben nicht mehr. Bowinkelmann kann die verschärften Regeln dort nicht nachvollziehen. „Es gibt über 300 Verteiler in Deutschland und es gab noch nie eine Beschwerde“, sagt er. Der Verein hat eine Petition im Internet gestartet, um die Regelungen doch noch zu kippen. Mehr als 15 000 Internetnutzer unterstützen die Aktion.

Sollte sich an den Vorschriften nichts mehr ändern, erwartet Bowinkelmann, dass die Zahl der Essensteiler deutlich zurückgehen wird. „Dann werden wieder mehr Lebensmittel verschwendet.“ Und das nicht nur in Berlin, glaubt Bowinkelmann. „Die Veränderungen in der Hauptstadt haben natürlich eine für uns ganz schlechte Signalwirkung.“

Frischer Fisch und Alkohol ist tabu

Im Ruhrgebiet gibt es in fast jeder größeren Stadt einen „Fair-Teiler“. „Hygiene ist für uns absolut wichtig“, sagt Marina Rudman, die Sprecherin von Foodsharing in Essen. Für jeden Verteiler gibt es Putzpläne und intern aufgestellte Regeln. Demnach dürfen schnell verderbliche Lebensmittel wie Hackfleisch oder zubereitete Speisen gar nicht in die Kühlschränke gelegt werden. Auch Alkohol ist tabu. Eine ständige Aufsicht, wie in Berlin gefordert, könnten die freiwilligen Lebensmittelretter aber kaum leisten.

Nach dem Aus für den Foodsharing-Kühlschrank in der Druckertankstelle bleibt in Essen noch der öffentlich zugängliche Verteiler in der Uni. Weitere Kühlschränke sind jedoch fest in Planung. „Wir wollen dabei aktiv auf das Veterinäramt zugehen und uns Ratschläge holen“, betont Rudman. Gegen einheitliche Regeln hätte die Lebensmittelretterin nichts. „Aber es müssen realistische Regeln sein, die auch befolgt werden können.“