Stasi wusste alles über den "Schnellen Brüter" in Kalkar

Der Schnelle Brüter in Kalkar war eine streng gesicherte Baustelle – und gleichzeitig Aufklärungsziel von DDR-Spionen.
Der Schnelle Brüter in Kalkar war eine streng gesicherte Baustelle – und gleichzeitig Aufklärungsziel von DDR-Spionen.
Foto: Archiv
Was wir bereits wissen
Die großen Atomkraftwerks-Projekte in NRW wie Kalkar waren im Kalten Krieg ein vorrangiges Ziel der DDR-Spione. Sie wussten fast alles.

Essen.. Wie werde ich Atomspion? Es ist 1974, mitten im Kalten Krieg. Kanzler Willy Brandt ist gerade über die Agenten-Affäre Guillaume gestürzt. Doch ein junger Mannheimer Kernphysiker, 43 Jahre alt, beantwortet die heiße Frage für sich sehr einfach: Er reist nach Ost-Berlin und meldet sich beim Pförtner der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße: Ob der DDR-Geheimdienst einen Job für ihn habe?

Wie plump geht der Westen vor?

Frechheit siegt. Zwar macht der forsche Gast, den die Akten der Staatssicherheit später im Klarnamen als Wolfgang Rudolf, an einigen Stellen auch als Werner Röder führen, die Stasi-Chefs misstrauisch. Sie denken: Wie plump geht der Westen hier gerade vor, um einen eigenen Mann ins Hauptquartier des Gegners schmuggeln? Sie tasten den Bewerber genau ab. Dann halten sie ihn für sauber. Sie heuern ihn an.

Wolfgang Rudolf von der Hochtemperatur Reaktorbau GmbH, ab jetzt IM „Herzog“, wird von 1975 bis 1988 mehr als 2000 Informationen liefern. In 17 Fällen stuft die Staatssicherheit seine Beute als „sehr wertvoll“ ein. „Wertvoll“ sind weitere 200 Stücke. In Ost-Berlin kann man das Glück kaum fassen: IM „Herzog“ wird zur Top-Quelle.

Denn Rudolf späht die neuen Atomanlagen in Nordrhein-Westfalen aus. Es sind Zukunftsprojekte, die wenig von dem Stoff brauchen, auf dem die DDR in rauen Mengen sitzt: Uran. In Jülich testet der Bonner Staat fortschrittliche Kern-Technologien. In Kalkar plant er den Schnellen Brüter. Nahe Dortmund entsteht seit 1971 der Hochtemperaturreaktor THTR.

Ost-Berlin kannte selbst den Mix des verbauten Betons

Rudolfs Firma errichtet im Auftrag des Energiekonzerns VEW den THTR 300 in Hamm-Schmehausen. Wie neugierig das Projekt die Stasi-Führung macht, räumt sie auf 21 Seiten ein: „Mit der Markteinführung und dem Betrieb von THTR erhält die BRD die Möglichkeit, in den Besitz von größeren Mengen an militärisch verwendbaren hoch angereichertem Uran-235 ... zu kommen“. Für Stasi-Boss Erich Mielke ist das eine alarmierende Analyse.

25 Jahre nach Ende der DDR sind solche Dokumente zugänglich. Sie geben Auskunft über den geheimen Krieg der Wissenschafts-Spione. Diese Redaktion hat im Archiv des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU) die Papiere eingesehen. Sie belegen: Ost-Berlin hatte alle Details der westlichen Reaktoren – bis zum Mix des verbauten Betons.

Auf der Spur der Milliarden-Flops

Die Stasi kannte, durch „IM Herzog“, die Transpirationskühlung beim THTR 300 und den Brennstoffkreislauf - genau so wie die Störfall-Szenarien und komplizierte Genehmigungsunterlagen. IM „Rossner“ lieferte Brandschutzpläne des Brutreaktors in Kalkar, Kollege „Castrow“ die Pläne der Rohrleitungen. IM „Schneider“ berichtete über feuchte Stellen im niederrheinischen Projekt und die Qualität der Schweißverbindungen. „Tulpe“ – die Stasi liebte fantasievolle Tarnnamen – schickte alles über die Kooperation mit den Niederlanden.

Mauerfall Die Verräter saßen in Firmen, die die HighTech-Vorhaben planten und hochzogen. Grundsätzliche Einordnungen der Technologien von Brüter und THTR kamen direkt aus der Bonner Regierungszentrale. Dort zweigte Flick-Lobbyist und CDU-Politiker Hans-Adolf Kanter alias IM „Fichtel“ das Material in Massen ab. 1995 erhielt er eine milde Strafe auf Bewährung.

„Die holen, was sie können“

„Die holen, was sie können“, stellte Heribert Hellenbroich, damals Chef der westdeutschen Spionageabwehr, 1979 fest. Tatsächlich reichte die Hauptverwaltung Aufklärung, für die Wolfgang Rudolf oder die Brüter-Informanten Katzmann und Schmidt arbeiteten, alle als brisant gewerteten Informationen an das DDR-Zentralinstitut für Kernforschung bei Dresden durch. Zentrales Ziel dort: Den Rückstand ostdeutscher Forschung durch Kopien der West-Entwicklungen aufzuholen. Es schien lohnend: „Der BRD“, lobten die Experten, „ist es gelungen, unter kapitalistischen Ländern eine Spitzenstellung zu erreichen“.

Doch bald müssen Mielkes Leute geahnt haben, dass sie dabei nicht gerade einer marktwirtschaftlichen Erfolgsspur folgten. Am 19. Februar 1982 berichtete eine „zuverlässige“ Quelle über „Finanzierungsprobleme beim Brutreaktor in Kalkar“. Zu dem Zeitpunkt zeichnete sich ab, dass der Brüter nicht zu den erwarteten 500 Millionen D-Mark gebaut werden konnte. Sieben Milliarden war die realistischere Zahl. Eine Kostenexplosion, die sich beim THTR 300 in Hamm ähnlich darstellte. Am Ende würde der Schmehausener Reaktor gerade 423 Tage Strom produzieren. Der in Kalkar lieferte kein einziges Megawatt.

Das hausgemachte Reaktor-Leck

Atomspion „Herzog“ hat vor dem fast zeitgleichen Ende der DDR und der NRW-Großprojekte ein letztes Mal punkten können: Am 3. Juni 1986 schickte er einen als „vertrauenswürdig“ eingestuften „Vergleich THTR mit KKW Tschernobyl. (Beurteilung der Strahlenbelastung)“ in die Stasi-Zentrale. Morgens hatte die Aufsicht in Düsseldorf die vorläufige Betriebs-Stilllegung angeordnet.

Was war passiert? Vier Wochen nach der Explosion des Sowjet-Reaktors mussten die THTR-Betreiber einräumen, dass am 4. Mai auch im Ruhrgebiet vermehrt Radioaktivität in die Luft gelangt war. Das Leck: Hausgemacht. Der Versuch, den Störfall der „Tschernobyl-Wolke“ anzulasten? Ein Kommunikations-GAU. Die Stasi nahm die Pleite befriedigt zur Kenntnis.