NSU-Prozess - Zschäpe redet nicht mit ihren Anwälten

Beate Zschäpe (Mitte) mit ihren Anwälten Anja Sturm und Wolfgang Heer im November 2014. Zschäpe hatte in der vergangenen Woche die Abberufung von Anja Sturm verlangt.
Beate Zschäpe (Mitte) mit ihren Anwälten Anja Sturm und Wolfgang Heer im November 2014. Zschäpe hatte in der vergangenen Woche die Abberufung von Anja Sturm verlangt.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Die Stimmung zwischen Beate Zschäpe und ihren Pflichtverteidigern ist weiter frostig. Doch eigenmächtig kann Zschäpe keinen ihrer Anwälte entlassen.

München.. Kein Gruß, nichts. Die 40-jährige Hauptangeklagte betritt am 210. Verhandlungstag den Schwurgerichtssaal am Oberlandesgericht in München. Sie kommt durch eine Seitentür aus ihrer Vorführzelle. Beate Zschäpe muss wissen, dass in diesem Moment alle Augen auf sie gerichtet sind. Ihre Anwälte, Anja Sturm, Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer, warten bereits auf ihre Mandantin.

NSU-Prozess Doch die seit zwei Jahren gebildete juristische Zweckgemeinschaft würdigt sich kaum eines Blickes. Zschäpe grüßt nicht ihre Anwälte und diese reagieren kaum auf ihre Mandantin. Frostig dürfte die Stimmung auf der Anklage zu Prozessbeginn aber auch während der Verhandlung gut beschreiben. Bis zur Mittagpause wechselte die Angeklagte kein Wort mit ihren Verteidigern.

Dafür aber tritt Beate Zschäpe sofort nach Ende des Prozesstages an die Richterbank und führt ein intensives Gespräch mit Richterin Michaela Odersky. Ihre Verteidiger können nur zusehen. Über den Inhalt der Unterhaltung, die Zschäpe gestenreich führt, ist bisher nichts bekannt. Mit einem Lächeln entfernt sie sich sie nach wenigen Minuten von der Richterbank und verlässt den Gerichtssaal wieder durch die unauffällige Tür in der Seite.

Zschäpe lässt kaum eine Regung erkennen

Bis Mittwoch hat die 40-Jährige Zeit, ihren Antrag auf Ablösung ihrer Verteidigerin Anja Sturm noch einmal ausführlich schriftlich zu begründen. Das Gericht verlängerte vor einigen Tagen diese Frist. Danach muss der Staatsschutzsenat entscheiden, ob diesmal die Begründung für den Antrag auf Auswechslung eines Mitglieds ihres Verteidigungsteams ausreichend ist. Ein erster Versuch Zschäpes im Vorjahr, ihre Verteidiger los zu werden, war gescheitert. Die juristischen Hürden dafür sind bei Pflichtverteidigern hoch.

200. Verhandlungstag Wie angespannt das Verhältnis zwischen der Hauptangeklagten und ihren Anwälten zu sein scheint, lassen immer wieder kleine Episoden während der Verhandlung erkennen. So legte Wolfgang Heer nach einer Pause einige Gummibärchen auf seinem Platz so neben Beate Zschäpe, dass auch sie hätte zugreifen können. Doch sie blieb standhaft. An vielen Verhandlungstagen zuvor war es selbstverständlich, dass die Angeklagte sich an den kleinen Süßigkeiten bedient, die Heer auslegt.

Während der Verhandlung am Dienstag blickte Beate Zschäpe entweder auf ihren Laptop oder aber stur geradeaus. Sie wirkt angespannt, lässt aber kaum Regungen erkennen. Dabei beschreibt der Zeuge Rocco E. am Vormittag gerade Uwe Mundlos als „extrem national“. Dieser soll „sehr arisch“ gewesen sein und sich als „ein Herrenmensch“ aufgeführt haben. Von Mundlos sollen auch Äußerungen stammen wie: „Juden seien Abschaum, die nichts auf dieser Welt zu suchen“ hätten. Dass Zschäpe die Begleiterin von Mundlos war, als dieser seine Hasstiraden geäußert haben soll, daran kann sich der Zeuge nicht mehr erinnern.

Zeuge beschreibt Mundlos als witzig und intelligent

Doch genau das hatte er 2012 der Polizei während seiner Vernehmung erzählt. Rocco E. war in der Chemnitzer Skinhead-Szene zu einer Zeit aktiv, als Zschäpe mit Mundlos und Uwe Böhnhardt in der sächsischen Stadt unterkam. Doch auch davon will der Zeuge nichts gewusst haben. Dafür räumt der Dachdecker ein, dass in der rechten Szene Gewalt als legitimes Mittel zum „Lösen des Ausländer- und Judenproblems“, galt. „Es wurde offen darüber gesprochen, dann werden sie halt aus dem Land rausgeprügelt“, so der Zeuge.

Die Verteidiger von Zschäpe hatten nach der Vernehmung von Rocco E. keine Fragen an den 40-Jährigen. Diese Rolle übernahm der Anwalt des Angeklagten Ralf Wohlleben. Olaf Klemke erkundigt sich, woher genau der Zeuge Mundlos kenne. Aus den Medien, lautet die Antwort, von den Bildern. Klemke hakt immer wieder nach, will wissen, anhand welcher Merkmale er denn Mundlos erkannt habe.

Die Richtung seiner Fragen ist klar. Der Zeuge will Mundlos nur einmal vor einem Konzert der Skinhead-Szene erlebt haben. Beschreibt ihn als witzig, intelligent und eben auch extrem national. Wann und wo das Konzert gewesen sein soll? Rocco E. kann sich nicht erinnern. Dass der Mann, der ihm damals wegen seiner Reden aufgefallen war, Mundlos heißt, will der Zeuge erst nach dem Auffliegen des NSU mitbekommen haben.

Sturm weist Zschäpes Vorwürfe zurück

Klemke lässt deutlich Zweifel an der Aussage von Rocco E. erkennen. Kann ihn aber nicht wirklich verunsichern. Die Fragen, die der Verteidiger von Wohlleben stellt, hätten eigentlich die Anwälte von Beate Zschäpe stellen sollen, vielleicht sogar müssen.

Zeugenaussage Doch Hauptangeklagte hatte in der Vorwoche einen Antrag gestellt, ihre Verteidigerin, Anja Sturm, zu entbinden. In einer handschriftlichen Erklärung verweist Zschäpe darauf, dass es kein Vertrauensverhältnis mehr gebe. Sie wirft der Anwältin zudem vor, nicht vorbereitet zu Hauptverhandlungsterminen gekommen zu sein und auch Sachen ausgeplaudert zu haben, die vertraulich gewesen wären.

Anja Sturm hat diese Vorwürfe zurück gewiesen. Ihre Kollegen Stahl und Heer sind ihr zudem beigesprungen und haben sich so zwangsläufig auch gegen ihre Mandantin positioniert. Im Gerichtssaal entsteht der Eindruck, die drei Anwälte und Beate Zschäpe haben sich derzeit nichts zu sagen.

Doch das Gericht verhandelt weiter. Beate Zschäpe muss verteidigt werden. Um ihr ein faires Verfahren zu ermöglichen, hakt Rechtsanwalt Wolfgang Stahl am Nachmittag immer wieder nach, als der Vorwurf von einem Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) aufkommt, dass seine Mandantin das NSU-Bekennervideo als Verliererin einer Wette mit Uwe Böhnhardt geschnitten haben könnte. Stahl verweist darauf, dass Zschäpe statt des NSU-Videos auch Werbung aus dutzenden Folgen einer US-Ärzteserie geschnitten haben könnte. Denn es wurden auch von Zschäpe beschriftete DVD mit diesen geschnittenen Filmen sichergestellt.