Dresden: Angst, Verbitterung, dumpfe Gefühle

Hand in Hand im Gedenken an die Zerstörung Dresdens vor 70 Jahren.
Hand in Hand im Gedenken an die Zerstörung Dresdens vor 70 Jahren.
Foto: Sean Gallup/Getty
Was wir bereits wissen
Am Freitag gedachte Dresden der Zerstörung vor 70 Jahren, gestern zogen wieder Neonazis (und dreimal so viele Gegendemonstranten) durch die Stadt und heute will Pegida wieder auf die Straße gehen. Eindrücke aus einer Stadt, die nicht zur Ruhe kommt.

Dresden.. Das Wort, das man in Dresden am häufigsten hört, ist: Angst. „Da kommen viele alte Ängste hoch“, sagt Denise Mouton-Mildner, freie Hebamme im Elbtal, knappe 50 Kilometer südlich von Dresden. Vor 13 Jahren sind sie aus der Stadt hierher gezogen mit ihren drei Kindern. Ihr Mann, Uwe Mildner, berichtet von seinen Eltern: Seine Mutter versteckte sich vor den Russen unter Großmutters weitem Rock. Doch die Angst von damals durfte bis 1989 nie thematisiert werden: Die Russen waren der Befreier vom Faschismus. Was geblieben ist, tief unten in der Seele, ist Angst vor dem Fremden.

„Daran zerbrechen hier Freundschaften“

Da muss herhalten, wer gerade kommt. Oder kommen könnte. Und sei es der schwule, christliche Syrer, den Roberto Weinhold, Partyveranstalter aus Dresden, zu seinen Freunden zählt. „Das schlimmste an Pegida ist, dass man sich bekennen muss! Pegida oder No-Pegida – darüber zerbrechen hier Freundschaften“, schüttelt er den Kopf und kauft sich erstmal einen Döner.

Roberto, wenn er keine Partys organisiert, verkauft Gummibärchen in der Dresdener Neustadt in einem kleinen Shop. Pegida oder No-Pegida – das lässt der Laden nicht erkennen. „In jedem Fall würde mir die Gegenseite was auf die Fensterscheibe schmieren“, weiß er und ergänzt: „In 60 Prozent der Läden ist im vergangenen Jahr eingebrochen worden“, sagt er. „Unsere elektronische Kasse, ein Ipad, ließ sich orten. Zwei andere auch. Alle drei waren in einem Asylbewerberheim.“ Die Polizei lehnte eine Durchsuchung ab. Für ihn ist das ein Versagen der Behörden, das ihn an die Wendejahre erinnert, als die Autorität des Staates unterging und die Menschen wie damals riefen „Wir sind das Volk“.

Ein Ruf, den der Kasseler Soziologe Heinz Bude als „einsam und verloren“ empfindet. Er ist Gast in der Semperoper, eröffnet einen neuen Reigen der „Dresdener Reden“. Man hat ihn ausgewählt, weil er ein Buch geschrieben hat, das „Die Angstgesellschaft“ heißt. Und er weiß, dass die Dresdener nicht die Ausnahme sind mit ihrer Islamophobie: 2011 hat er eine Umfrage publiziert. Bei den so genannten Verbitterten – gut Gebildete, die trotz aller Anstrengung in eher prekären Lebensverhältnissen leben – antworten 30 Prozent mit „Ja“, wenn sie gefragt werden, ob man Muslimen die Ausübung ihrer Religion versagen sollte.

„Es gab nur einen Satz, den ich nicht unterschreiben würde.“

Vielleicht muss man bei den Verbitterten etliche Pegida-Anhänger suchen. „Mein Vater“, erzählt Uwe Mildner, Architekt, „hat mir die Pegida-Grundsätze geschickt. Ich habe sie gelesen. Das meiste davon steht auch im Grundgesetz, vieles andere in den Menschenrechten. Es gab nur einen Satz, den ich nicht unterschreiben würde.“


Die Eheleute sind Doppelverdiener, Hebamme und Architekt, haben ein altes Bauernhaus und drei Kinder. Der Sohn macht eine schulische Ausbildung. „Er wollte erst nicht, weil er da kein Geld verdient“, erzählt die Mutter, die sich gerade einen neuen Wagen gekauft hat. Ein elf Jahre alter Nissan. „Mehr gibt das Budget nicht her!“ Und auch die Tochter, die gerade in Australien ist, wusste: Den Flug muss sie selbst bezahlen, jetzt macht sie „work and travel“: Auf Farmen arbeiten, bis das Geld wieder für ein bisschen Urlaub down under reicht. Dresden ist ein Niedriglohnland – denn Tschechien und Polen sind nur eine Autostunde entfernt – da ist alles noch einmal günstiger. Reichtümer lassen sich da nicht verdienen. Und die Elbhochwässer haben viele Existenzgründer entmutigt. Fluthilfen gut und schön – aber alle paar Jahre neu anfangen? Das geht über die Kräfte vieler.

Der Mindestlohn bringt das Gehaltsgefüge durcheinander

. Im Dritte-Welt-Kaffee am Markt wird auf der Speisekarte erst einmal ausführlich begründet, wie die Einführung des Mindestlohns das Gefüge durcheinander bringt: Die studentischen Aushilfen würden plötzlich mehr verdienen als Stammkräfte, die ja auch Sozialbeträge zahlen müssen. Man bittet um Verständnis dafür, dass der Cappuccino 20 Cent teurer wird.

Seine Frau appelliert: „Wenn 30 000 auf die Straße gehen, muss man das doch ernst nehmen. Wenn man die tabuisiert, hilft das niemandem.“ Pegida mag sich totlaufen, die Gefühle und Einstellungen der Menschen werden nicht so leicht verschwinden. Sie selbst ist nicht hingegangen. „Einmal gab es endlich mal eine Demonstration für etwas: Für Toleranz – da sind wir hingegangen“, sagt die Mutter von drei Kindern.


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