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Das Netz der Neonazis in Dortmund

01.09.2011 | 19:07 Uhr
Das Netz der Neonazis in Dortmund

Dortmund. Dortmund sei keine Hochburg der Rechtsradikalen, behauptet Oberbürgermeister Sierau. Tatsächlich ist die Szene fest verankert. Die Neonazis markieren und verteidigen ihr Revier im Stadtteil Dorstfeld. Und sie pflegen einschlägige internationale Kontakte.

Für den Dortmund Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) ist die Sache klar. Seine Stadt sei „keine Hochburg“ der Nazis. Die regelmäßigen Demos, die Übergriffe und Aktionen der Neo-Faschisten, all das gehe von Leuten aus, „die herangekarrt werden und die mit Dortmund nichts zu tun haben.“ In der Stadt selbst: nur ein „kleines Häuflein“ Nazis, „verunsichert“, ob der ständig enger werdenden Räume. So einfach ist das in den Augen des Dortmunder Oberbürgermeisters.

Doch draußen, auf der Straße, sieht die Realität ein wenig anders aus. Hinter den regelmäßigen Demos in der Stadt stecken keine auswärtigen Nazis, die nur zufällig nach Dortmund kommen, weil die Gemeinde so bequem an der Autobahn liegt. Die Nazis können sich in Dortmund auf ein Netzwerk stützen, in dem Gewalttäter den Ton angeben. Erst vor wenigen Tagen beschossen Unbekannte das Bio-Café „Aufbruch“ in Dortmund-Hörde. Verletzt wurde niemand. Die Polizei glaubt an Täter aus dem rechten Milieu. Der Staatsschutz ermittelt.

Ein Knotenpunkt im Nazi-Netz findet sich im Stadtteil Dorstfeld – ganz in der Nähe der Uni. Dort baut die „Skinhead Front Dortmund Dorstfeld“ ihre Herrschaft um den Steinauweg aus. Bewohner von Dorstfeld berichten von regelmäßigen Straßenfesten der Nazis, von Sieg-Heil-Rufen in der Nacht. Von Einschüchterungen und Bedrohungen. Die Bewohner haben Angst, genannt zu werden. Sie haben Angst davor, nachts Besuch zu kriegen.

Überall sind die Spuren der Skinhead-Front zu sehe

Überall sind hier die Spuren der Skinhead-Front zu sehen. Ihre Sticker tauchen überall auf. Diese Klebe-Bilder an Laternenpfählen, die das Revier der Rechten markieren sollen. Marschierende Springerstiefel mit dem Slogan: „Dorstfeld bleibt deutsch“.

Doch dabei bleibt es nicht. Mit schwarzen Klamotten marschieren die Nazis durch das Viertel. Beanspruchen den Raum. Und immer wieder fällt die Skinhead-Front mit Gewalt auf. Im Februar 2009 griffen ihre Mitglieder Menschen in der Raststätte „Rabensteiner Wald“ an. Die Skinhead-Front war beteiligt am einzigartigen Überfall auf die 1.-Mai-Demonstration des DGB in Dortmund. Und ihre Leute waren auch im Winter dabei, als ein Nazi-Messerstecher bei einem Überfall auf die Dortmunder Kneipe „Hirsch-Q“ wahllos Menschen verletzte. Jetzt kurz vor der Demo häufen sich die Attacken. Fast täglich gibt es Angriffe der Nazis. Samstag sollen über 1000 nach Dortmund kommen.

Bei einem Blick in die Szene wird klar, dass hier keine Kinder ihre wirren Fantasien austoben. Dort sind Kriminelle versammelt, die internationale Beziehungen zu Rassisten etwa in Holland pflegen, die sich auf ein Nazi-Netz in ganz Deutschland stützen.

Ein Verbrecher ist für sie ein „politischer Gefangener“

In der Skinheadfront taucht immer wieder Sven Kahlin auf. Der Mann wurde erst vor wenigen Monaten vorzeitig aus der Haft entlassen. Dort hatte er gesessen, weil er den Punker „Schmuddel“ in der Dortmunder U-Bahn erstochen hat. Nach seiner Freilassung tritt Kahlin immer wieder als Redner bei Nazi-Demos auf und lässt sich auf der Straße in Dorstfeld als ehemaliger politischer Gefangener feiern.

Ein anderes Idol der Skinhead-Front ist Michael Krick. Dieser aus Arnsberg stammende Nazi ist auffällig tätowiert, auf seinem Kehlkopf prangt ein schwarzes Kreuz im schwarzen Quadrat. Er hat lange in Dortmund gewohnt, bevor er nach Holland umzog.

Krick war einer der Freunde des Dortmunder Polizistenmörders Michael Berger, der drei Beamte in Dortmund und Waltrop erschoss, bevor er sich selbst richtete. In Kricks Dortmunder Wohnung wurden anschließend Flyer beschlagnahmt mit dem Text: „Berger war ein Freund von uns! 3:1 für Deutschland.“

Drohungen an die Adresse der Polizei

GEGENDEMO
Appell des Ministers

Mit mindestens 1000 rechtsextremen und bis zu 4000 linksautonomen Demonstranten rechnet die Polizei. Aber auch viele moderate Nazi-Gegner hatten Proteste angekündigt. So hatte der DGB zum Protest aufgerufen. Innenminister Ralf Jäger (SPD) hat Verständnis für Unmut in der Bevölkerung geäußert. „Das muss aber auch in einer aufgeheizten Stimmung friedlich bleiben und darf nicht dazu führen, dass die Polizei bei ihrer schwierigen Aufgabe behindert wird.“

Auch nach seinem Umzug nach Holland ist Krick weiter in der rechten Szene aktiv. Nach Recherchen des Autoren Bruno Samisdat ist Krick mit den Mitgliedern der Nazigruppe „Blood & Honour Netherlands“ verbunden und gilt als führendes Mitglied des niederländischen „Combat 18“-Ablegers „Racial Volunteer Force“. Die Skinhead-Front hält zu ihrem Idol. Wenn Krick mal wieder in Haft sitzt, fordert sie „Freiheit für den politischen Gefangenen.“ Zuletzt als Krick einsaß, weil er in Papendrecht einen Afrikaner auf der Straße niedergeschlagen hatte. Ermittler rechnen damit, dass am Samstag aus Holland wieder etliche Nazis nach Dortmund kommen.

Damit nicht genug. Die Skinhead-Front pflegt Kontakte zu den Nazis im Osten Deutschlands, um Erfahrungen im Kampf gegen die Demokratie auszutauschen. Der Versammlungsleiter der Dortmunder Demo am Samstag ist der bundesweit bekannte Neonazi Christian Worch aus Mecklenburg-Vorpommern. Das Netz der Nazis reicht weit.

Vor der Dortmunder Polizei haben die Nazis keine Angst. Im Gegenteil. In einem Flugblatt drohten die Nazis den Beamten schon vor einiger Zeit: „Nach jahrelanger Arbeit waren wir in Dortmund eigentlich soweit, dass eine friedliche Koexistenz zwischen Bullen und unseren Aktivisten möglich war.“ Leider sei jetzt wieder „verstärkter Druck“ zu spüren. Und weiter: „Sollten die Bullen sich weiterhin unkooperativ zeigen, werden wir uns gezwungen sehen, auch unsere Agitation in diesem Themengebiet zu erhöhen!“ Die Beamten in Recklinghausen wüssten, wie das ist, mehrere Wochenenden Überstunden zu schieben. „Es kommt ganz darauf an, welchen Kurs die Bullen in Dortmund fahren wollen.“

David Schraven

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2011-09-01 19:07
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