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Beschneidung

Beschneidung sollte Jungen an Masturbation hindern

10.07.2012 | 16:39 Uhr
Beschneidung sollte Jungen an Masturbation hindern
Ein moslemischer Junge wird von Ärzten beschnitten. In Deutschland reißt die Debatte um die religiöse Beschneidung seit dem Urteil des Kölner Landgerichts nicht ab. Foto: ap

Essen.   Die Frage, ob Jungs beschnitten werden sollen oder dürfen, entzweit Religiöse und Psychologen. Für die einen ist es eine jahrtausendealte Tradition. Für die anderen "eine mindere Form des Kindsopfers". In den USA diente die Beschneidung im 19. Jahrhundert einen simpleren, pragmatischeren Zweck.

Juden und Muslime in Deutschland sehen sich nach dem Kölner Urteil eines ihrer wichtigsten religiösen Rituale beraubt. Die Richter hatten die Beschneidung kleiner Jungen als Körperverletzung gewertet. Seither tobt eine große Debatte um ein kleines Stückchen Haut. Muslime und Juden protestierten, „das Urteil kann so nicht stehen bleiben“, sagt die Bamberger Rabbinerin Antje Yael Deusel und fordert eine juristische Neubewertung. Die Beschneidung von Jungen am achten Tag nach der Geburt sei eines der „wenigen absoluten und unveräußerlichen Gebote im Judentum“.

Unterstützung für diese Haltung kommt von Vertretern der evangelischen und katholischen Kirche. Sogar das israelische Parlament befasste sich mit dem Urteil des Landgerichts und zeigte sich beunruhigt. Die richterliche Entscheidung werde „Konsequenzen für alle Juden in Europa haben“, sagte ein Abgeordneter der Knesset.

Kinderärzte begrüßen das Urteil

Rückendeckung erhalten die Richter indes von medizinischer Seite. Die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie begrüßt das Urteil, es unterstreiche das Recht des kleinen Kindes auf körperliche Unversehrtheit.

Nach Ansicht des Düsseldorfer Arztes und Psychoanalytikers Matthias Franz kann eine Beschneidung von Jungen schwere seelische Schäden verursachen. Franz spricht von einer „sexuellen Gewalterfahrung“, die ein Leben lang nachwirken könne. „Ein Blick in die Gesichter vieler Jungen während der Prozedur zeigt den Aufruhr und den Schrecken, der im Gefühlsleben einiger dieser Jungen wohl auf Dauer konserviert wird“, schreibt Franz in dem Buchbeitrag „Männliche Genitalbeschneidung und Kindesopfer“.

In der Rolle des Opfers

Die Jungen, die sich im Alter von fünf bis sieben Jahren erstmals ihrer Geschlechtszugehörigkeit bewusst würden, erlebten in dieser sensiblen Lebensphase die Beschneidung als Drohung mit der „sehr realen Möglichkeit einer Kastration“. Das Ritual versteht Franz als archaischen Ausdruck patriarchalischer Kulturen, das dem Kind seine Rolle in der Gemeinschaft und in der Hierarchie schmerzhaft und unabänderlich klarmache. Der Junge „übernimmt die Rolle eines passiven Opfers – mit möglichen seelischen Langzeitfolgen“, so Franz weiter.

Die Beschneidung im Säuglingsalter, wie sie im Judentum seit Jahrtausenden praktiziert wird, sieht Franz als „zivilisatorisch ritualisierte Minderform des Kindesopfers“. Für die Betroffenen stelle dies ein Trauma dar, das zu dauerhaften körperlichen, sexuellen und psychischen Komplikationen führen könne. Eine Beschneidung kleiner Jungen lehnt der Mediziner daher ab, frühestens mit 16 Jahren könne ein solcher Eingriff erwogen werden, sofern der Jugendliche sich explizit einverstanden erklärt.

Auch für Wolfgang Schmidtbauer, Psychoanalytiker in München, ist die Entfernung der Vorhaut kein harmloser medizinischer Eingriff. Die Operation an Neugeborenen benötige rund 20 Minuten und sei extrem schmerzhaft. Ethisch besonders bedenklich werde der Akt dadurch, „dass es sich um einen medizinisch unnötigen Eingriff an einem nicht zustimmungsfähigen Patienten handelt“, schreibt Schmidbauer in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung.

Mittel gegen Masturbation

Schmidbauer verweist auch auf die sexualfeindlichen Motive, die in den USA zur beinahe flächendeckenden Beschneidung von Neugeborenen führten, egal welchen Glaubens. In den 1960-er Jahren wurden fast 90 Prozent aller Jungen routinemäßig beschnitten. In den vergangenen Jahrzehnten nahm diese Zahl in einigen Bundesstaaten ab, in ländlichen Gebieten blieb sie bei rund 80 Prozent.

Die Beschneidung hat in den USA weniger religiöse Gründe, sondern steht in der Tradition des einstigen Mutterlandes Großbritannien. Dort wurde im 19. Jahrhundert die Beschneidung als probates Mittel angesehen, die verpönte Masturbation zu verhindern. Sie ist damit ein Symbol für die Sexualfeindlichkeit der prüden viktorianischen Epoche.

Schmerz als heilsamer Effekt

Für die puritanische Haltung steht zum Beispiel John Harvey Kellog, der Erfinder der gleichnamigen Frühstücksflocken. Er war ein erklärter Feind der Selbstbefriedigung. 1888 schrieb er: „Eine Abhilfe für Masturbation, die bei kleinen Jungen fast immer erfolgreich ist, ist die Beschneidung. Die Operation sollte ohne Betäubung vorgenommen werden.“ Der Schmerz habe einen „heilsamen Effekt“.

Christopher Onkelbach


Kommentare
16.07.2012
18:33
Beschneidung sollte Jungen an Masturbation hindern
von Der-Parteilose | #30

Alle Achtung für die Richter! Sie ließen sich wohl nicht von der Politik beeinflussen und haben sich an unser „noch gültiges Grundgesetz“ gehalten! Ich kann nur hoffen, dass unsere Richter sich an das Grundgesetz halten und sich nicht vorschreiben lassen wie ihr Urteil auszufallen hat.
Denn der Fraktionszwang darf nicht auch noch im Gerichtsaal stattfinden (gesetzeswidrig).
Der Vergleich der Juden und Islamisten, mit dem Holocaust ist ein Schlag ins Deutsche Gesicht!
Die vorhergehenden Kommentare beschreiben schon vieles! Kommen mit dem neuen Gesetz der Beschneidung auch die Gesetze zur Legalisierung der Kinderehe ab 12 Jahre, der Ehrenmord, die Steinigung, das Handabhacken, Christenmorde, Nazimorde usw. usw. denn all dieses ist vom „sogenannten Glauben“ beseelt? Glauben ist keine Realität und daher darf er eigentlich auch nicht Bestandteil eines Grundgesetzes sein sonst sind es Glaubens-Staaten!
Weiter so Deutschland, da du mit solchen Politikern nichts anderes mehr kannst!!

14.07.2012
08:35
Beschneidung sollte Jungen an Masturbation hindern
von silverstone | #29

Wer als Ausländer Deutsche Gesetze und Deutsche Sitten und Rituale und unseren Glauben nicht akzeptiert,wer nur Weihnachten und alle anderen Feiertage ,dazu benutzt um Zuhause zu bleiben,gehört abgeschoben.Ob er einen Deutschen Pass erworben hat oder nicht! Wer sich nicht an Gesetze hält gehört auch abgeschoben! Fahrt man in die Türkei und erzählt denen mal das es den katholischen oder evangelischen Glauben gibt und ihr eine Kirche erbauen wollt! Das gibt es da nicht!

Sorry aber integration hat für mich irgendwann auch eine Grenze.

Nicht mal in der 4 oder 5 Generation deutsche Sprache beherschen und dann noch Ihre Dorfsitten hier ausüben.


Ich bin sowieso der Meinung das hier mehr Dorfausländer leben als studierte oder gebildete.

13.07.2012
23:30
Beschneidung sollte Jungen an Masturbation hindern
von Diomedes | #28

Götter sind eine Erfindung der Menschen! Und sobald man dann in deren Namen irgend einem Lebewesen, sei es ein Kind, das verstümmelt wird oder ein Tier, das man beim Schächten qualvoll ausbluten lässt, ein Leid zufügt, gehört es verboten - basta!

13.07.2012
13:12
Beschneidung sollte Jungen an Masturbation hindern
von 1980yann | #27

@Hueseyin
Zweimal sehr haarsträubend!

1.
Ja, in den letzten Jahrzehnten ist ein erschreckend niedriger Anteil der Missbrauchs- und Beschneidungsfälle angezeigt und geahndet worden! Wobei hier aber auch die Feststellung und Beweisführung hier aber auch unterschiedlich schwer ist. Entdeckt der Lehrer im Schwimmunterricht oder ein Kinderarzt, dass einem Kind die Vorhaut fehlt, ist die Ursache naheliegend. Ob ein verstörtes Verhalten immer bemerkt und richtig gedeutet wird, ist eine andere Frage. Schlimmer noch: teilweise sind auch die Eltern Mitwisser.

2.
Ich wage mal zu behaupten, dass Ihre recht allgemein gehaltenen Quellen weder die formale Religionszugehörigkeit noch den tatsächlichen Glauben (also Kirchenmitglieder minus solche, die einfach nur das austreten vergessen haben) von rechtsextremistischen Tätern erfassen. Die Seite mut-gegen-rechte-gewalt.de (unterstützt vom Stern) nennt 182 Tote durch rechte Gewalt (nicht nur Fremdenfeindlichkeit).

13.07.2012
13:10
Beschneidung sollte Jungen an Masturbation hindern
von miriam.lessmann | #26

Bitte kommentieren Sie das Thema des Artikels. Beleidigungen, Herabwürdigungen oder billige Polemik haben nichts den Kommentaren zu suchen. Für solche Debatten ist unsere Kommentarfunktion nicht gedacht.

Miriam Lessmann
DerWesten-Community Management

1 Antwort
Beschneidung sollte Jungen an Masturbation hindern
von Emil1972 | #26-1

Frau Lessmann,

da haben Sie sicher recht, aber es ist schon schwach für eine große deutsche Zeitung, wenn bei bestimmten Themen die Kommentarfunktion abgeschaltet wird, nur weil dort kritische Kommentare abgegeben werden, die nicht der Meinung dieser Zeitung sind? Oder haben Sie sogar Anweisung von oben dies zu tun? Kritische Kommentare zu verhindern geht schon klar in eine bestimmte Richtung...und die will wohl kaum jemand hier haben.

13.07.2012
12:57
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13.07.2012
10:04
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13.07.2012
09:59
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1 Antwort
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12.07.2012
22:38
Hmm...
von Ismet | #22

Ich will zwar nicht Hüseyin unbedingt zur Seite stehen, aber eins muss ich hier doch loswerden.
Während sich Hüseyin weitestgehend unpersönlich agiert, ist fast jeder 2. Kommentar persönlich und verletzend geschrieben.
Entweder man Diskutiert auf einem Sachlichen Niveau oder man lässt es sein.
Es beschweren sich hier Leute, die an diesem Urteil kein Vor- bzw. Nachteil hat.
Also was soll das ganze? Wenn sich 2 Glaubensrichtungen mit dem Urteil sich nicht abfinden können und wollen, dann haben diese beiden die Möglichkeit die nächste Instanz bzw. De Möglichkeit in Revision zugehen.
Nun beruhigt euch wieder und Diskutiert bitte in einem sachlichem Ton.

1 Antwort
Beschneidung sollte Jungen an Masturbation hindern
von joergel | #22-1

Zum einen empfinden manche Leute nun mal das ignorieren und hinwegsetzen über bestehende Gesetze als Nachteil für alle. Auch wenn dabei religiöse Gründe die Ursache sind. Macht das Schule ist Anarchie der nächste Schritt.

Übrigens kann man nur in Revision gehen, solange ein Urteil nicht rechtkräftig ist. Das ist hier längst der Fall. Allerdings ist dieses Urteil nicht bindend für andere Gerichte. Man wird also auf die nächste Klage dieser Art warten müssen, um bis zur höchsten Instanz, nämlich dem Bundesverfassungsgericht klagen zu können. Das wird sicherlich so oder so geschehen, egal welche Partei gewinnt oder verliert.

Aber das unser Grundgesetz geändert wird, weil es den religiösen Vorstellungen mancher Bürger nicht entspricht, wäre eine Kapitulation des Staates vor Minderheiten und damit undemokratisch. Die Zweidrittelmehrheit dafür im Bundestag möchte ich sehen...

12.07.2012
20:35
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Name von Moderation entfernt | #21

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3 Antworten
Nicht persönlich werden Bitte.
von Ismet | #21-1

Oh, dann gehe ich davon aus da Sie wohl ein Theologe Sind, der das alte wie auch neue Testament kennt und nebenbei auch noch ein ausgewiesener Islamexperte sind.
Im Koran steht nicht drin das die andersgläubigen ermordet werden sollen. Ich möchte auch nicht behaupten das dieses in der Bibel steht, denn das tut es in der Tat nicht (wie im Koran auch nicht). Aber, Papst Pius II. hat im 12 Jahrhundert die Kreuzzüge aufgerufen, um die Ungläubigen auszumerzen (was hatte das mit dem alten Testament zutun?). Jerusalem war damals eine Stadt in der Christen, Juden und Muslime in Einklang nebeneinander Lebten und Ihre Religionen auslebten.
Aber anscheinend müssen hier einige doch persönlich werden um ihrer Aggression Luft zu Verschaffen.

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Name von Moderation entfernt | #21-2

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Beschneidung sollte Jungen an Masturbation hindern
von Ismet | #21-3

Auf dieses Nieveau werde ich michnnicht herabbegeben.
Ich könnte vieles Aufzählen wie weit sich die katholische Kirche weiterentwickelt hat.
Aber das hat hier nichts mit dem Thema zutun. Es geht hier um eine Tradition die die Juden sowie Muslime gepflegt haben. Ein Gericht hat es Verboten und damit hat es sich. Die, die ihre Kinder beschnitten haben wollen, werden es eben in Holland oder sonstwo mache lassen wenn es in Deutschland eben nicht geht (schlauer wäre es gewesen das dieses EU-weit gesetzlich geregelt worden wäre). So aber wird ein Tourismus starten und nichts anderes.

Die katholische Kirche verbietet das benutzen eines Kondomes in den afrikanische Ländern wo AIDS grassiert wie hier der Grippevirus.
Soviel zur Weiterentwicklung...
Ich klinke mich hier raus, es reicht mir ihre Meinungen dazu zu Lesen, was sehr interessant und Aufschlussreich ist. Teilweise kann man(n) etwas dazu Lernen, was ja auch etwas an sich hat.

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