Richard David Precht verteidigt Pflichtjahr für Rentner

Richard David Precht über Rentner: "Die sollten gleich nach der Pensionierung drei Tage in der Woche halbtags in die Schulen gehen, und Kevin oder Ahmed bei den Hausaufgaben helfen"
Richard David Precht über Rentner: "Die sollten gleich nach der Pensionierung drei Tage in der Woche halbtags in die Schulen gehen, und Kevin oder Ahmed bei den Hausaufgaben helfen"
Was wir bereits wissen
 „Precht fordert Zwangsarbeit für Rentner“ – nicht nur in Blogs und Foren tobt eine heftige Debatte, seit Deutschlands smartester Philosoph Richard David Precht („Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“) in einem Interview mit dem „Stern“ gleich zwei soziale Pflichtjahre für Männer wie für Frauen gefordert hat – eines für Schulabgänger, eines für Rentner.  Jens Dirksen fragte Precht nach den Gründen seiner kühnen Forderung.

Essen.. Wie soll denn so ein soziales Pflichtjahr aussehen?

Richard David Precht: Es geht um Rentner und Pensionäre, die heute häufig jünger als 65 sind. Die sollten gleich nach der Pensionierung drei Tage in der Woche halbtags in die Schulen gehen, und Kevin oder Ahmed bei den Hausaufgaben helfen, Kindern aus Familien, die sich um Bildung nicht kümmern. Das macht vielleicht 15 Stunden in der Woche.


Und die, die gar nicht mehr können?


Precht: Werden befreit, den Wehrdienst musste ja auch nicht jeder ableisten.


Und warum auch die Schulabgänger?


Precht: Es war ein Riesenfehler, die Wehrpflicht abzuschaffen, man hätte sie in einen Sozialdienst umwandeln sollen. Und es war schon immer eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass Frauen davon befreit waren. Darüber hinaus könnte man auch in Ausbildungsverträge hineinschreiben, dass man zwei Tage in der Woche zwei Stunden zur Hausaufgabenhilfe in die Schule muss, es ist natürlich viel cooler, wenn ein Elfjähriger was von einem 20-Jährigen beigebracht bekommt, der dieselbe Musik hört.

Damit machen Sie aber die Hausaufgabenhilfe als Geschäftsmodell kaputt, das ist doch inzwischen eine ganze Branche mit Millionenumsätzen.


Precht: Nein, diese Nachhilfe ist ja für Kinder der Mittelschicht, die von allein auf die Idee kommt, dass das nötig ist und das dann auch bezahlen kann. Da würde so ein Pflichtjahr auch etwas gegen soziale Ungleichheit bewirken. Sie trägt zur viel diskutierten Chancengleichheit bei, die es ja de facto in Deutschland nicht gibt.


Jedenfalls haben Sie sich mit ihrer Forderung nicht nur Freunde gemacht, oder?


Precht: Oh, ich werde wüst attackiert dafür! „Precht ist für Zwangsarbeit“ heißt es da manchmal. Das ist schon eine schlimme Beleidigung für Leute die wirklich Zwangsarbeit leisten mussten, die in Sibirien in den Lagern schuften oder im Dritten Reich in Stollen Bomben bauen mussten und dafür Kartoffelschalen zu essen bekamen.


Naja, aber es gibt auch Rentner, die haben hart gearbeitet. Und manche bekommen auch nur 400 Euro Rente.


Precht: Ja, das ist ein Skandal unseres Rentensystems! Dagegen sollte man mit Recht aufbegehren. Aber mit dem Pflichtjahr hat das nichts zu tun. Ich bin für beides: für ein gerechteres Rentensystem ebenso wie für die Einbindung der Rentner und Pensionäre in gemeinnützige Tätigkeiten. Das eine gegen das andere auszuspielen ist Unsinn.


Haben Sie denn selbst „gedient“?


Precht: Ja, im Zivildienst, ich war Gemeindehelfer in Solingen. Und ich werde auch nicht warten, bis ich 65 bin, um mich weiterhin sozial zu engagieren. Das ist meine Pflicht als Staatsbürger eines demokratischen Staates. Ich finde das selbstverständlich.


Bei Ihrer Idee steckt aber ein Zwang dahinter. Warum? Es ginge ja auch freiwillig.


Precht: Wenn es freiwillig ginge - umso besser. Es gibt Rentner und Pensionäre, die sich engagieren, und das finde ich sehr vorbildlich. Nur leider reichen sie nicht aus. Es sind noch immer zu wenige. Diejenigen hingegen, die sich über den Zwang empören, sind genau diejenigen, die es freiwillig nie tun würden.

Was ist denn der Sinn einer Freiwilligkeit, die von denjenigen verteidigt wird, die sie gar nicht in Anspruch nehmen? Es gibt auch viele Menschen, die sagen: „Prinzipiell würde ich so etwas ja machen“. Die brauchen nur noch einen kleinen Schubs. Es geht darum, die Schwellenangst vor dem sozialen Engagement zu nehmen.


Warum glauben Sie denn, dass so ein soziales Jahr nötig ist?


Precht: Hinter dem Ganzen steht ein Generationenproblem. Die Jüngeren wissen, dass ihre Rente nicht sicher ist. Das
liegt daran, dass die Staatskassen durch die Sozial-Etats immer leerer werden. 10 bis 15 Prozent der Jugendlichen verlassen heute die Schule komplett ohne jeden Abschluss.

Wissen Sie wie hoch das unseren Sozialetat belastet? Jetzt stellen Sie sich mal vor, das wären durch die bessere Hausaufgabenbetreuung der ärmeren Kinder nur noch 2 Prozent, das wäre eine unglaubliche Entlastung für die Sozialkassen! Es würde dazu führen, dass unsere Kinder auch in den Genuss einer angemessenen Rente kämen. Und es geht auch ein wenig um die Sicherheit der Rentner: Diejenigen, die heute U-Bahnen und S-Bahnen unsicher machen, sind ja vor allem Jugendliche ohne Schulabschluss und Ausbildung.


Bekämen die Rentner denn eine Aufwandsentschädigung für das soziale Jahr?


Precht: Für Fahrtkosten oder irgendwelche Spesen sicherlich. Aber die Leute bekommen ja eine Rente, der Unterschied ist ja nur, ob man sich mit der Rente zur Ruhe setzt und meint man hätte nun 20 oder 30 Jahre keine Pflichten mehr oder sich ein Jahr lang halbtags gemeinnützig einsetzt. Das beugt ja auch der Vereinsamung von Rentnern vor! Ein erfülltes Leben ist immer ein Sozialleben.

So ein Pflichtjahr wäre die Chance, Kontakt zu knüpfen und Einblicke in eine Wirklichkeit zu bekommen, der man sich nicht von allein zuwenden würde. Es könnte sogar sein, dass man in einem solchen Dienst eine Anerkennung bekäme, wie man sie ein ganzes Arbeitsleben lang nicht verspürt hat.


Glauben Sie, dass Ihr Vorstoß mehr auslöst als heftige Debatten?


Precht: Ich bin zuversichtlich, dass das soziale Pflichtjahr kommt und dass es unsere Rentner alles in allem nicht unglücklicher macht, sondern erfüllter. Schopenhauer hat einmal gesagt, jedes Problem durchlaufe drei Stadien: erst wird es verlacht, dann wird es bekämpft und irgendwann gilt es als selbstverständlich.