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Literarisches Denkmal für den Bankräuber der Herzen

21.02.2013 | 16:37 Uhr
Literarisches Denkmal für den Bankräuber der Herzen
Der Assistent des Staatsanwalts, Louis Andreozzi, hält einen Revolver in Richtung Willie Sutton.Foto: NY Daily News / getty

Essen.  US-Autor J.R. Moehringer setzt einer nationalen Räuberlegende ein literarisches Denkmal: Sein Roman „Knapp am Herz vorbei“ ist eine mitreißende fiktive Biografie über Willie Sutton, den Mann, der hunderte Banken überfiel, zwei Millionen Euro erbeutet hat und es nie nötig hatte, zu schießen.

Wer im Internet nach Bildern von Willie Sutton sucht, findet ein schräges Souvenir: eine Tasse des „Eastern State Prison“ mit seinem Fahndungsfoto. Von diesem Gefängnis aus gelang es dem Bankräuber 1945 mit einigen Mithäftlingen, durch einen über 30 Meter langen Tunnel zu flüchten – allerdings nur, um am selben Tag wieder festgenommen zu werden. Eine von vielen legendären Episoden eines Räuberlebens, das den US-Schriftsteller J.R. Moehringer nun zu einer grandiosen fiktionalen Biographie inspiriert hat.

Willie Sutton, geboren 1901 in Brooklyns Irish Town, gestorben 1980 in Florida, überfiel geschätzte hundert Banken und erbeutete zwei Millionen US-Dollar – ohne, dass je ein Schuss fiel. J.R. Moehringer wuchs auf mit der Legende dieses urbanen Robin Hood. In „Charlies Bar“ auf Long Island hörte der kleine J.R. die Heldensagen – und Leser, die hier aufmerken, haben Recht: Der Schriftsteller Moehringer wurde mit einem Roman über diesen magischen Tresen bekannt; „Tender Bar“ war der Überraschungserfolg des Jahres 2007.

Fiktion und Realität werden clever vermischt

Nun beweist der Autor, dass er nicht nur die eigene Biografie in Literatur verwandeln kann. Im neuen Werk setzt er dort ein, wo die Fakten verwischen. 1969 wird Sutton entlassen, er gibt nur ein einziges Interview, fährt einen Tag lang mit einem Reporter und einem Fotografen zu Schauplätzen seines Lebens. Diesen Tag zeichnet Moehringer nach, webt Erinnerungen Suttons ein: an seine von Armut geprägte Jugend, an seine große Liebe Bess, Tochter eines reichen jüdischen Schiffswerftbesitzers – unerreichbar. „Geld. Liebe. Es gibt kein Problem, das nicht durch das eine oder das andere verursacht wird“, heißt es einmal.

Willie Sutton, kurz nach seiner Entlassung 1969. Bild: NY Daily News / getty

Um mit Bess flüchten zu können, raubt Sutton den Safe ihres Vaters aus. Wird geschnappt, verurteilt, flieht. Trifft auf einen Bücherliebhaber, der ihm die Welt der Literatur eröffnet. Beginnt bei den Raubzügen mit Verkleidungsspielereien, die ihm den Spitznamen „Willie the Actor“ einbringen. Und bleibt stets der Gentleman, der einen Überfall abbricht, „wenn Frauen oder Kinder schreien“.

All das ist Männerzeugs, natürlich, und könnte furchtbar kitschig sein: der arme Einwanderersohn, dem keine Wahl blieb! Moehringer aber gelingt am Ende eine Volte, die alles, selbst Suttons Liebschaft mit Bess’, in ein anderes Licht rückt. Nebenbei erzählt er ein Stück amerikanische Politik- und Wirtschaftsgeschichte – und lässt so heutige Sorgen und Krisen auf tröstliche Weise kleiner scheinen.

J. R. Moehringer: Knapp am Herz vorbei. S. Fischer, 448 S., 19,99 €. Ebook 17,99 €.

Britta Heidemann



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