Lars Eidinger ist der Grenzgänger unter den Schauspielern

Lars Eidinger ist kein Weltstar, aber längst auch kein Geheimtipp mehr: Die Kritiker lieben ihn, und das Theaterpublikum auch.
Lars Eidinger ist kein Weltstar, aber längst auch kein Geheimtipp mehr: Die Kritiker lieben ihn, und das Theaterpublikum auch.
Foto: Tobias Hase/dpa
„Grenzgang“ heißt sein neues Projekt im Ersten. Schauspieler Lars Eidinger spielt in dem Film wieder einmal seine Paraderolle: ein Mann auf der Suche nach seiner Identität. Wir trafen den Liebling von Theaterpublikum und Filmkritik in Berlin.

Berlin.. „Findste mich eigentlich männlich?“, fragt Chris seine Freundin Gritt. Das war vor sieben Jahren, in Maren Ades Berlinale-Siegerfilm „Alle anderen“. Es ist der Satz, mit dem Lars Eidinger berühmt geworden ist. Männer mit schlingerndem Ego, die Zweifler und Zögerer, sind heute sein Markenzeichen. Eidinger spielt Typen, die keine Lust mehr haben auf Macho oder Softie – aber was dann? „Sei einfach ein Mann!“, nölt seine Freundin in der TV-Beziehungskiste „Grenzgang“ (ARD, 20.15 Uhr). Wenn das mal so einfach wäre.

Lars Eidinger ist kein Weltstar, aber längst auch kein Geheimtipp mehr: Die Kritiker lieben ihn, und das Theaterpublikum auch. In Eidingers Berliner Schauspielklasse waren Nina Hoss, Fritzi Haberlandt und Devid Striesow – ein exzellenter Jahrgang. Eidingers „Hamlet“ reist mittlerweile zu Gastspielen um die halbe Welt, Krimifans kennen den 37-Jährigen als psychopathischen Postboten im Kieler „Tatort“ oder als Transsexuellen im Münchner „Polizeiruf“.

Als erwachsener Sohn im familiären Rollendilemma war Eidinger an der Seite von Corinna Harfouch mit „Was bleibt“ im letzten Jahr wieder bei der Berlinale. Wer Mitgefühl für den modernen Mann und seine Seelenlage hat – bei Eidinger ist er richtig. „Für mich sind das Wesen, die sich in der Übergangsphase vom Wasser- zum Landlebewesen befinden und gerade anfangen, herumzukrabbeln.“ Amphibien? „Ja, genau.“ Der Mann als Molch. Eidinger muss grinsen.

Ratlos wie ein großer Junge

„ Soll ich mich neben Sie setzen?“, hat Lars Eidinger gefragt. Er ist nach der letzten Probe zum Interview ins Theatercafé der Berliner Schaubühne gekommen. Für einen Moment steht er nun da, ratlos wie ein großer Junge, der nicht weiß, was die fremde Frau von ihm erwartet. Also, wo soll er sich jetzt hinsetzen? Neben sie auf die Bank? Eigentlich keine gute Idee bei einem Interview. „Nee, oder? Das wäre zu nah. Vielleicht hier?“ Er landet gegenüber am Tisch. Okay, das hätten wir. Nähe und Distanz – auch so ein Männerthema.

„Das Elend des modernen Mannes sieht aus wie Lars Eidinger“, hat mal jemand über den gebürtigen Berliner geschrieben. Tut es das? Eidinger ist groß. Größer als die meisten Schauspieler. Weiches Gesicht, hellblaue Augen, leise Stimme. Seit er 20 ist, hat er eine Hinterkopfglatze. Die sieht man selten – auch beim Interview lässt er die blaue Wollmütze auf dem Kopf.

„War das jetzt Mann genug?“, fragt Lars Eidinger alias Thomas Weidmann seine Freundin in „Grenzgang“. Er hat gerade einen Stein in das Fenster seines Berliner Geschichtsprofessors geschmissen, weil er sich als Versager fühlt, missachtet, ungeliebt. Ein frustrierter Großstadtintellektueller, der an seiner Männlichkeit zweifelt, kurz ausflippt und dann die Flucht ergreift, in die Provinz, in die scheinbar heile Männerwelt. Es ist mal wieder eine Paraderolle für Eidinger, den bewegten Mann. Und so geht es weiter: Ende Februar zeigt das ZDF einen Spielfilm über Richard Wagners Familie, Eidinger spielt Wagners Sohn. „Den homosexuellen, unbegabten Sohn.“

"Du bist ja voll das Mädchen"

Wie kommt das? Warum landen diese Rollen immer wieder bei ihm? „Sehen Sie mich doch mal an“, sagt Eidinger. „Ich habe viele feminine Anteile. Ich habe keine tiefe Stimme, ich empfinde mich eher als androgyn. Ich bin kein typisches Mannsbild. Für mich ist ja auch Frauenversteher kein Schimpfwort. Was soll daran schlecht sein?“ Einmal hat er im Film einen jungen Vater gespielt, der am Bett seiner Tochter sitzt und weint. „Du bist ja voll das Mädchen!“, empörte sich sein Filmkind, als die Kamera aus war.

Seine eigene Tochter ist jetzt sieben Jahre alt. „Bevor wir das Kind bekommen haben, habe ich mich vor dem Vatersein gefürchtet. Ich bin doch noch gar nicht erwachsen, habe ich gedacht. Was soll ich dem Kind denn beibringen?“ Das fragen sich viele in seiner Generation. Verantwortung? Vielleicht später. „Werd’ endlich erwachsen!“ stöhnt Weidmanns Freundin in „Grenzgang“. Mann, oh Mann. Als ob das so leicht wäre.