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Interview

Der Zeitforscher lebt ohne Uhr

25.03.2011 | 17:41 Uhr
Der Zeitforscher lebt ohne Uhr
Ja, wir hängen an der Zeit: Harold Lloyd in „Safety Last!“ von 1923. Foto: Getty Images

Essen.Diese Nacht drehen wir mal wieder am Zeiger. Nur diese Nacht? Kaum etwas dirigiert unser Leben so wie der Takt der Sekunden und Minuten. Lars von der Gönna sprach über die Stunden, die uns schlagen, mit dem Zeitforscher Karlheinz Geißler.

Auch Sie als Zeitforscher werden heute Nacht die Uhren umstellen...

Karlheinz Geißler: Ich habe gar keine Uhren, von daher muss ich auch nichts umstellen. Ich lebe seit 25 Jahren ohne Uhr, weil ich die Zeit und nicht die Uhr lebe.

Sie waren Professor - wie ging das denn mit pünktlich endenden Vorlesungen?

Geißler:Wenn die Studenten ihre Hefte zuklappten, wusste ich, dass die Stunde zu Ende war.

Der Mensch hat die Zeit nicht erfunden, aber er hat sie eingeteilt...

Prof. Karlheinz Geißler. Foto: Fremdbild

Geißler:Er tut auf jeden Fall so, als wenn er sie erfunden hat - und zwar in dem Moment, wo er die Zeit an der Uhr abliest, die, nicht die Zeit, hat er nämlich erfunden.

Um die Zeit zu beherrschen?

Geißler: Die Verlagerung der Zeit in die Uhr ist eine Art Gottesprogramm. Der Mensch versucht Gott zu spielen, indem er über die Zeit bestimmt.

Ist ihm das gelungen?

Geißler: Das ist ihm so gelungen, wie es ihm gelungen ist, die Atomkraftwerke in den Griff zu kriegen...

Warum verplanen wir oft mehr Zeit als wir haben?

Geißler: Wir werden ja dafür mit Güterwohlstand belohnt. Weil wir die Zeit in die Hand genommen haben, können wir damit auch wirtschaften, ökonomisieren - oder wenigstens so tun. Wir wiegen Zeit mit Geld auf. In Arbeitsstunden oder Zins. Zins ist ja nichts anderes als reine Zeit, die gemessen und bezahlt wird.

Ist Zeit Wohlstand?

Geißler: Mit der Art, wie wir mit Zeit umgehen, haben wir uns einen materiellen Wohlstand erwirtschaftet, weil wir Zeit in Geld verrechnen. Aber beides, Zeit und Geld sind natürlich auch Illusionen – kurzum: unser Wohlstand ist genauso illusionär wie die Grundlage dieses Wohlstandes.

Der Satz „Ich habe keine Zeit“ ist doch Unsinn, oder?

Geißler: Das ist nicht nur Unsinn, das ist eine Lüge. Wer keine Zeit hat, ist tot oder lügt. Wir Menschen sind die Zeit, wir haben sie nicht

Es gibt Firmen, die zwingen Mitarbeiter, das Handy mit in die Kantine zu nehmen...

Geißler: Dahinter steht ein Umgang mit Zeit, den wir erst seit ungefähr 40, 50 Jahren praktizieren, seit dem Einzug der neuen Technologien in unser Leben. Wir versuchen das, was wir früher mit Schnelligkeit zu erreichen versucht haben, jetzt durch Verdichtung.

Reden wir also von einer Beschleunigung durch Gleichzeitigkeit in unserer Gesellschaft?

Geißler: Genau. Und dadurch fallen zum Beispiel Anfang und Ende weg. Es werden immer weniger und immer kürzere Pausen gemacht. Pausen sind ja Zwischenräume, die es erst ermöglichen, dass man einen Anfang macht und einen Schluss. Heute machen wir keinen Anfang und keinen Schluss mehr, wir schalten ein und schalten aus, machen alles nonstop und stehen permanent auf „standby“.

ZUR PERSON
Lob der Pause

Karlheinz Geißler war Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr. Er hat sich international als Zeit-Experte profiliert. Er ist Gründer von „timesandmore“, einem Institut für Zeitberatung. Jüngste Veröffentlichung: Lob der Pause Info: www.timesandmore.com

Wir haben überraschend schnell einen Interviewtermin bei Ihnen erhalten. Sie nannten dafür den Grund: „Ich mache nicht viele Termine!“

Geißler: Das kommt mir, meinen Gefühlen und meinem Leben entgegen. Das ist aber nicht bei allen Menschen so. Viele Leute brauchen Termine, damit sie überhaupt merken, dass sie noch am Leben sind.

Kann man sein Verhältnis zur Zeit ändern?

Geißler: Das kommt darauf an, wie man belohnt wird und auf was man verzichten muss. Also wer zum Beispiel nicht an Konsumgütern hängt, hat es leichter, ein Zeitleben zu führen, das ihm von der Natur vorgegeben ist. Wir leben ja immer zwei Zeiten. Das eine ist die Uhrzeit, mit der wir unser Einkommen, unseren Wohlstand usw. erwirtschaften. Aber wir leben auch die Zeit, die uns vor der Natur mitgegeben wurde. Sonst würden wir ja zum Beispiel nicht mehr schlafen sondern nur noch Geld verdienen und ausgeben. Unsere Natur zwingt uns zu gewissen Zeiten. Und dieser Zwang, den erlebe ich als Befreiung, denn die eigene Zeitnatur zu leben, hat etwas Angenehmes und Attraktives. Da erlebe ich mich nämlich selbst, da bin ich ganz bei mir.

Es soll Menschen geben, die sich genau davor fürchten.

Geißler: Wenn man Zeit hat, zu sich selbst zu kommen und findet dann nichts. dann wird’s problematisch und damit’s nicht problematisch wird, gibt’s die Unterhaltungsindustrie.

Für was haben Sie grundsätzlich keine Zeit?

Geißler:Für Hetze.

Lars von der Gönna

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Kommentare
27.03.2011
11:50
Der Zeitforscher lebt ohne Uhr
von Trebusch | #4

Natürlich empfindet jeder die Umstellungen SZ-WZ anders . Mir hat es nie etwas ausgemacht , vielleicht 1oder 2 Tage , in den man meinte , es müßte fürher bzw. später sein .Im Sommer genieße ich die langen Tage mit 1 Stunde abends länger hell .Zum Prof folgendes .In einigen Bereichen unseres Lebens sollten wir ihn wirklich als Vorbild nehmen , z.B. am WE einfach versuchen , ohne Uhr auszukommen .Es klappt .Man hat weniger Stress , das Zusammenleben funktioniertt besser , man ist wieder für DInge ansprechbar , die einen davor nie interessierten .

26.03.2011
23:05
Der Zeitforscher lebt ohne Uhr
von stefanw2468 | #3

Der Mann ist ja richtig Klasse! Wir sollten das mal ruhig sacken lassen, was er da sagt und lebt.

Und noch was: Russland wendet sich vom stetigen SZ-WZ-Wechsel ab: Die Uhren werden dort in diesem März zum letzten Mal umgestellt. Um Mensch und Tier von unnötigem Streß zu entlasten.
Wenn das Land auch nicht in jeder Sache vorbildlich ist: hier ganz sicher.

26.03.2011
17:44
Der Zeitforscher lebt ohne Uhr
von FlyingEagle | #2

Das mit der Uhrenumstellung ist wirklich für den Popo... Hatte nie einen Sinn und wird auch nie einen haben.

26.03.2011
17:09
Der Zeitforscher lebt ohne Uhr
von rotaredom | #1

Es gibt nichts, was nicht so bekloppt ist, dass man daraus eine Marktlücke definiert und somit Kohle machen kann.

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