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Die Hafenstadt Straßburg auf dem Wasser entdecken

Die Hafenstadt Straßburg auf dem Wasser entdecken

Heutzutage lassen sich viele europäische Städte mit Bussen erkunden. Straßburg hingegen entdeckt man am besten auf dem Wasser, um alle Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Im Boot entlang am zweitgrößten Binnenhafen Frankreichs zeigt die Stadt vor allem im Sommer ihre Schönheit.

Essen. 

Jeannot Urban steht am Steuer der Suzel als sei er Kapitän eines Hochseekreuzers. Vom Führerstand aus reckt er den Kopf in die Luft, als müsse er über ein riesiges Frachtschiff blicken. Dabei ist es nur ein kleines Ausflugsboot, das er steuert. Kaum mehr als 20 Meter lang, aber mit Platz für 140 Passagiere. Es ist zehn Uhr morgens, die Sonne scheint. Die Ill mäandert jadegrün vor sich hin. Weil es zu Fuß zu weit wäre, um alle Sehenswürdigkeiten Straßburgs zu entdecken, lassen wir uns von Urban durch die Stadt schippern. „Im Sommer“, sagt der Kapitän, „im Sommer ist es bei uns am schönsten, dann ist es warm, die Leute sitzen am Ufer und viele Brücken sind mit Blumen geschmückt.“

Gemächlich treibt die Suzel auf der Ill. Der Fluss liegt da wie ein Tischtuch. Die Fachwerkgiebel am Ufer sind in ein warmes Licht getaucht, über allem thront der Turm des Straßburger Münsters – 1176 bis 1439 aus hellrotem Sandstein aus den nahen Vogesen erbaut. Urban steuert das Boot von der „Alten Schlachterei“ vorbei an der Saint-Nicolas-Brücke zur mächtigen Fassade des Alten Zollhauses. Hier wurde einst Zoll auf Tabak, Wein und Fisch erhoben, die auf dem Wasser transportiert wurden.

Wie Venedig, Amsterdam und Paris lebt Straßburg seit Jahrhunderten am und mit dem Wasser. Die Stadt hat eine lange Schifffahrtstradition. Die Straßburger Binnenschiffer waren einst berühmt für ihre Fahrkünste und die Stabilität ihrer Boote. Heute ist der Straßburger Hafen nach Paris der zweitgrößte Binnenhafen Frankreichs und nach Duisburg und Köln der drittgrößte Hafen am Rhein. Neben Tabak, Wein und Fisch werden auch Nahrungsmittel, Erdölprodukte, Kies und Erze befördert. Die Ausflugsboote auf der Ill dagegen haben eine ganz andere Fracht: Jedes Jahr transportieren sie mehr als 700.000 Touristen.

Vom Syphilis-Hospital zum Weltkulturerbe

Die Suzel treibt jetzt durch La Petite France. Seinen Namen verdankt das einst verrufene Viertel einem 1687 gebauten Hospital für Syphilis-Kranke. Damals war die Syphilis auch unter dem Namen „Franzosenkrankheit“ bekannt. Heute ist La Petite France eines der schönsten Viertel der Stadt: Die kopfsteingepflasterten Gassen sind gesäumt von Fachwerkfassaden, die kleinen Plätze umringt von Cafés. 21 mit Blumen geschmückte Brücken verbinden die von der Ill umschlossene Altstadtinsel mit den umliegenden Stadtvierteln. Die Idylle ist so perfekt, dass die Unesco die Insel 1988 zum Welterbe ernannte.

Während die Mittagshitze Schicht um Schicht von den Dächern in die Stadt steigt, steuert Urban auf die Schleuse am Benjamin-Zix-Platz zu. 360.000 Liter sind nötig, um das Boot um knapp zwei Meter anzuheben. Etwa fünf Minuten dauert es, bis das Becken vollgelaufen ist. Dann öffnen sich die Tore und die Suzel schaukelt ruhig durch das ehemalige Gerberviertel zu den Ponts Couverts, den „Gedeckten Brücken“. Überdacht sind die drei Brücken, einst Teile der Stadtbefestigung, schon lange nicht mehr, doch von hier oben bietet sich eine wunderschöne Aussicht auf die gesamte Stadt. Vorne erheben sich die Türme der Stadtmauer, im Hintergrund thront stolz der 142 Meter hohe Nordturm des Münsters, dahinter lugen die Kuppen der Vogesen raus.

Silbern leuchtendes Europäisches Parlament

Noch einmal passiert die Suzel eine Schleuse, dann steuert Urban das Boot vorbei an der St.-Pauls-Kirche in Richtung Norden. Der Fluss wird nun breiter. Immer prächtiger werden links und rechts die Villen. Nach 45 Minuten fährt das Boot ins Ill-Becken ein. In schnörkelloser Eleganz erhebt sich hier die Fassade des Europäischen Parlaments. Silbern leuchtet sie im Mittagslicht.

Der 1999 nach den Plänen eines Pariser Architektenbüros entworfene, 60 Meter hohe Rundbau ist ein Meisterstück moderner Architektur. Zwischen dem 1. und 3. Juli tritt hier das neu gewählte EU-Parlament das erste Mal zusammen, um den Präsidenten der Volksvertretung zu wählen. Zwölf Mal im Jahr tagen hier die Abgeordneten aus 28 EU-Staaten. Nach ihren Sitzungen bevölkern sie die Hotels, Restaurants und Plätze. Dann reisen sie wieder nach Brüssel, und es wird ruhig in der Stadt.

Zum Abschluss der Tour dreht die Suzel eine Runde vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte am anderen Ufer des Ill-Beckens. Dann macht Urban kehrt. Noch einmal ziehen die verglasten Fassaden der EU-Gebäude vorbei, noch einmal winken die Menschen aus den Straßencafés der Altstadt am Ufer. Dann ist die Fahrt zu Ende und der Kapitän dockt wieder am Kai vor der „Alten Schlachterei“ an. Kaum ist das Boot vertäut, verlassen die 140 Fahrgäste das Deck. Doch die Suzel bleibt nicht lange alleine, denn am Ufer warten bereits die nächsten Gäste, um durch Straßburg zu schippern wie einst seine berühmten Binnenschiffer.