Krieg auf der Konsole: Wie weit darf ein Spiel gehen?

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Essen. Activisions dröhnendes Baller-Spektakel "Call of Duty 4: Modern Warfare" stellt kaum verhüllt den Irak-Krieg nach - und wirft dabei moralische Fragen auf, denen sich auch die abgebrühtesten Spieler nicht mehr entziehen können.

In der Gamer-Szene macht momentan ein Internet-Video die Runde. Ein junger Videospiel-Fan listet dort haarklein alle Fehler, alle schlecht recherchierten Falschdarstellungen und plumpen Lügen auf, die sich in diversen Berichten von TV-Magazinen wie Frontal 21, Hart aber fair und Konsorten zum ewigen Reizthema „Killerspiele“ finden. Demnächst werden sich alleine auf der Internet-Plattform Youtube rund eine halbe Million Besucher das in Eigenregie produzierte Filmchen angesehen haben. Über „Call of Duty 4: Modern Warfare“ wurde in den reißerischen Schreckensmeldungen deutscher Medienwächter nicht (falsch) berichtet – noch nicht. Doch angesichts der unbezweifelbaren Brisanz der Kriegs-Simulation scheint das nur eine Frage der Zeit.

Geschichtsklitterung in Form eines Videospiels

"Call of Duty 4", die neue Episode der weltweit überaus erfolgreichen Ego-Shooter-Reihe, die auch im Paket mit der Xbox-Spielekonsole vermarktet wird, wirft elementare Fragen nach Moral und Ethik auf. Und es beweist darüber hinaus, dass ehemals so abstrakte Videospiele endgültig in der Realität angekommen sind. Wenn virtuelles Töten und Morden kaum noch von echten Nachrichtenbildern zu unterscheiden sind, verschwimmt die Grenze zwischen grausamer Wirklichkeit und harmlosem Zeitvertreib. "Ist doch nur ein Spiel" - dieses viel zu bequeme Totschlagargument der Spielergemeinde greift nicht mehr.

Das Perfide, das Verwerfliche an "Call of Duty 4" ist dabei, dass es nicht mit offenen Karten spielt. Vom viel beschworenen Realismus wollen die Entwickler von Infinity Ward plötzlich nichts mehr wissen, wenn man sie auf die überdeutlichen Parallelen zwischen ihrem Spiel und dem politischen Weltgeschehen anspricht: Nein, den Irak wollten sie natürlich nicht darstellen, bekommt man da zu hören. Schließlich sei die öffentliche Reaktion auf die amerikanische Kriegstreiberei weltweit eher negativ, und das sei nun mal schlecht für das Image. Also ballert sich der Spieler halt durch irgendeine östliche Wüstenstadt, kämpft irgendeinen Krieg gegen irgendwelche Terroristen - und fragt sich unweigerlich, für wie dumm er hier verkauft werden soll. Denn natürlich spielen einige Levels im Irak. Natürlich ist jede gewonnene virtuelle Straßenschlacht, jeder nieder gemähte Rebell nichts anderes als propagandistische Geschichtsklitterung in Form eines Videospiels, in dem die Freie Welt letztendlich doch über den Terror aus der Wüste triumphiert. Halleluja.

Töten, ohne getötet zu werden

Doch das Entlarven von "Call of Duty 4" als auf Hochglanz polierte, brachial-machohafte Superhelden-Fantasie lenkt womöglich vom weitaus gewichtigeren Kritikpunkt ab. Denn der eigentliche Grund für die berechtigte Empörung, für die immer lauter werdende Frage nach dem "Darf man das noch?" und "Muss das sein?" ist nicht die klar definierte Rollenverteilung zwischen Gut (Amerika) und Böse (die meisten anderen, vor allem Russland und der Nahe Osten). Was "Call of Duty 4" wirklich ausmacht, ist eine Menschenverachtung, die es in der Form in einem massenmarkt-kompatiblen Videospiel bislang kaum gegeben hat.

Noch im ersten Spieldrittel findet sich der Zocker als Kanonier an Bord eines waffenstarrenden Helikopters wieder. Unter sich erkennt er, nur schemenhaft und in einer geradezu schockierend authentischen Nachtsicht-Aufnahme, umherlaufende - nein, Soldaten kann man nicht sagen, denn aus der virtuellen Ferne könnte es sich bei den hellen Flecken am Boden ebenso gut um harmlose Zivilisten handeln. Was dann folgt, kommt wenig überraschend: Per Funk erhält der Spieler genaue Anweisungen, welche der panisch flüchtenden Gestalten er aus der sicheren Distanz heraus ausschalten soll. Ob er dazu das knatternde Maschinengewehr wählt oder das Gebiet lieber weitflächig bombardiert, spielt dabei keine Rolle - Hauptsache, am Ende sind alle tot.

Keine Zeit für Moral

Das Kernelement eines jeden Ego-Shooters ist der verzweifelte Kampf des Einzelnen gegen eine Übermacht. Jeder Gegner, den der Spieler trifft, stellt eine tödliche Bedrohung dar. Feinde haben ein Gesicht, haben Verhaltensweisen, sind schwer bewaffnet, manchmal sogar - eine entsprechend entwickelte Künstliche Intelligenz voraus gesetzt - nahezu unberechenbar. Das macht den ungebrochenen Reiz der First-Person-Schießereien aus, die Duell-Situation, der Kampf zweier gleichberechtigter Opponenten, das Kräftemessen. Im Helikopter-Level fehlt jeder derartige Reiz. Hier blickt der Spieler als gottgleiche Allmacht auf winzig kleine Krabbeltiere hinab, die er ebenso mühe- wie gedankenlos auslöscht. Das fordert nicht, das langweilt. Genau das ist das Schlimme an "Call of Duty 4": Das dutzendfache, beiläufige Töten langweilt. Und in diesem Fall liegt es nicht ausschließlich am emotional abgestumpften Killer-Spieler.

Überhaupt passiert so viel Schlimmes, Schockierendes in "Call of Duty 4" beiläufig. Ein Massaker an schlafenden Matrosen zu Beginn des Spiels ist nur der Anfang. Später muss der Spieler mit ansehen, wie sein Vorgesetzter einen an den Stuhl gefesselten Rebellenführer erst halbtot prügelt - um ihn dann kaltblütig zu erschießen. Eine Möglichkeit, diesen Mord zu verhindern, gibt es nicht, die Szene läuft automatisch ab, schnell und unvermittelt. Die Entwickler sind nicht so dumm-dreist, diesen (wenn auch virtuellen, aber diese Begrifflichkeit verliert im Laufe des Spiels immer mehr an Bedeutung) Verstoß gegen die Menschenrechte zu verharmlosen oder gar zu glorifizieren. Stattdessen wird der Eindruck vermittelt, im Krieg seien solche Gräueltaten üblich. Wo gehobelt wird, fallen nun mal Späne - und immerhin, das wollen wir doch bitte nicht vergessen, spielen wir ja immer noch einen der Guten. Wenn die Welt gerettet werden muss, darf man halt nicht zimperlich sein.

Verstehen Sie Spaß?

Der unübertroffene Realismus, mit dem sich die "Call of Duty"-Reihe seit ihrem Bestehen brüstet, manifestiert sich im neuen Teil nicht in physikalisch korrekt umher fliegenden Blutspritzern oder zerschossenen Gliedmaßen. Für stillosen Splatter sind andere Genrevertreter zuständig. Stattdessen erhebt das Spiel einen geradezu pseudo-dokumentarischen Anspruch: So sieht der Krieg aus. Ohne Tricks und doppelten Boden. "Call of Duty 4" suggeriert, dass es echter wäre als seine Konkurrenten, näher an der Wirklichkeit, seriöser. Doch von dieser manipulativen Augenwischerei sollte und darf man sich nicht täuschen lassen: In erster Linie ist es noch immer ein akribisch durchkonstruiertes Unterhaltungsprodukt, das die Regeln des Marktes befolgt und dem Käufer schlichtweg Spaß machen soll. Und das tut es auch.

Denn das ist die andere Seite des Problems um "Call of Duty 4", die ein generelles Verdammen und Ignorieren trotz aller moralischen Bedenken so schwer, für echte Gamer nahezu unmöglich macht: Es macht einfach verdammt viel Spaß. Klammert man Ethik und Gewissen aus - prüft man also nicht das "Was passiert da?", sondern das "Wie passiert es?" - bleibt immer noch ein spielerisch einwandfreier, erstklassig produzierter Ego-Shooter, der sich in Sachen Gameplay kaum einen Schnitzer erlaubt und technisch bombastisch präsentiert wird. Das Spiel aufgrund seiner fragwürdigen Aussagen ganzheitlich abzulehnen, ist da ein einfacher Weg - ein zu einfacher. Denn das ist die Crux mit diesem hinterhältigen Stück Software: Es macht Spaß, auch wenn es das eigentlich nicht dürfte. Ganz schön clever von den Entwicklern.

Eine Frage des Gewissens

Und nun? Was zählt jetzt für uns, für die Zielgruppe, für die Gamer? Unser Gewissen, unsere Moral, "Call of Duty 4" einfach im Regal stehen zu lassen - oder doch unser Drang nach Unterhaltung, nach Adrenalin, nach einem schlichtweg guten Spiel? Jeden Käufer als psychisch verkrüppelten Rohling abzustrafen, der sich für das Spiel entscheidet, ist genauso töricht wie jene zu belächeln, die eine gewisse ethische Grenze nicht überschreiten wollen - auch wenn es "nur ein Spiel" ist. Man muss sich nur, und das ist das Wichtige, über die Gründe im Klaren sein.

Eine klare, dunkelgelbe Karte verdienen hingegen in jedem Falle die Entwickler von Infinity Ward. Denn wer derart gedankenlos mit seiner Verantwortung als Produzent eines weltweit verkauften Unterhaltungsproduktes umgeht und jede in höchstem Maße diskussionswürdige Szene mit Trommelfeuer in Bombast-Grafik überdecken will, zieht sich zu billig aus der Affäre. Jahre- und jahrzehntelang haben Programmierer darum gekämpft, dass Videospiele als eigene Kunstform anerkannt werden, mit kulturellem Wert und - zumindest vereinzelt - einer Botschaft, einem tieferen Sinn, einer Bedeutung. Jetzt ist es an der Zeit, diesem selbst auferlegten Anspruch gerecht zu werden. Doch wenn die Botschaft eines Spiels wie "Call of Duty 4: Modern Warfare" lediglich lautet: "Krieg ist schon schrecklich, aber hey, einer muss es ja machen - und irgendwie ist es ja auch ganz cool!", dann ist unser Hobby vielleicht doch nicht so erwachsen, wie wir, die Gamer, immer behauptet haben.

„Call of Duty 4: Modern Warfare“ (PS3, PC, Xbox 360)Hersteller: ActivisionEntwickler: Infinity WardErscheinungsdatum: 08. November 2007

 
 

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