Der Forscher und die Liebe zum Rave

Foto: Julian Stratenschulte

Dortmund. Professoren gibt es wie Salz im Streuer. Die meisten forschen um des Forschens Willen und machen einfach ihren Job. Ronald Hitzler ist anders. Der Dortmunder Professor für Soziologie ist ein Original unter Kopien. Ein Exot im besten Sinne. Er lebt seine Forschung. Und er liebt den Rave.

Ronald Hitzler ist ein Mann der Sprüche und Widersprüche. Ein kühler Beobachter und heißer Verfechter der Feldforschung. Wenn es um Techno geht, fühlt er sich nur in der Partyszene wirklich zuhause. Klar: Wenn die B 1 zur Mega-Meile wird und der Pott kocht, wird er einmal mehr alles mit den Augen verschlingen, raven bis zum Hörsturz In einem seiner Wohnzimmer, zwischen riesigen Bücherwänden und Buddha-Figuren, die sich die Bäuche reiben, erinnert sich der älteste Jugendliche Deutschlands, wie alles anfing.

Wie er, der heute 58 Jahre alt ist, diese Musik fand, und sie ihn. Feldforschung - damit ging's los. Normalerweise dauert sie zwei, höchstens drei Jahre. Eine Zeit, in der der Wissenschaftler sein Forschungsgebiet betritt wie Columbus das unentdeckte Land: Vor knapp 30 Jahren mischte sich Hitzler unter Freizeitschamanen am Bodensee, später machte er mit Heimwerkern Nägel mit Köpfen, folgte Politikern durch die Bierzelte Bayerns und musste mit ansehen, wie Bürgermeisterfrauen durch rauchgeschwängerte Räume geschwenkt wurden. Und dann war da noch der Tauchgang in die Sadomaso-Szene...

„Niemand kommt aus dem Feld raus, wie er reingeht”, sagt Hitzler. Die Forschung verändert den Forscher. Das weiß der Mensch, der sich dem allzu Menschlichen verschrieben hat. Es war der Zufall, der alles änderte. 1995, Stuttgart, Martin-Schleyer-Halle. Gefühlt vor tausend Jahren. Als Techno noch Maschine hieß. Aufgepumpte Männer sich in Rippshirts quetschten. In Warnwesten mit Staubsaugern und Trillerpfeifen den Ton angeben wollten: „Ich hatte eine Heidenangst, die schlagen mich gleich zusammen...”, sagt er.

Doch dann tauchte er in die Masse ein und ließ sich vom Rhythmus treiben. „Ich war ein Späteinsteiger, aber damals habe ich noch 35 Kilo weniger gewogen und die Nächte einfach durchgetanzt.” Am Tag die Uni - in der Nacht die Unisex-Toilette. Raver unter Ravern. „Ro on Rave” - Ro - wie Ronald. Ein kühler Kopf, angefixt von bisher unbekannten Gefühlen. Doch nach dem ersten Rausch gewann die wissenschaftliche Neugier wieder Oberhand. Hitzler lernte die DJs und Szene-Macher kennen. Die „Partysanen” und Booker, die in München die Clubs mit Leben füllten. Auf ein mal war Hitzler mittendrin. Er lernte den „Rave 'n' Cruise” kennen - exklusive Touren mit Kreuzfahrtschiffen, bei denen zwei Wochen lang durchgetanzt wurde, bis die Liegestühle über Bord flogen.

Bis heute ist er Stammgast beim „Rave on Snow” in Saalbach. Kaum vorzustellen: Drei Tage im Jahr „und 5000, 6000 Raver fallen in ein Dorf ein und übernehmen alles. Kein Club, kein Disko, wo nicht Techno gespielt wird. Da fühl ich mich immer wie auf einem Schullandausflug”, sagt Hitzler.

Der Raver, der von sich selbst gern sagt, er sei ein „berüchtigter Nicht-Bücher-Schreiber”, kommt ins Schwärmen, schlägt ein Kapitel nach dem nächsten auf, als er vom „Thaibreak” erzählt. Von der Insel vor Thailand, auf der Raver Nachts die Welt aus den Angeln heben und tagsüber in der Hängematte versacken. „Das ist wie in einer großen Familie, da wird man aufgenommen und gehört dazu, auch wenn man sich später nie wieder sieht”, weiß der Mann mit den kleinen Elefanten an der Halskette. Anderthalb Jahre war er nur Raver unter Ravern, hielt wissenschaftlich fest, was das ist: Techno. Wie sich das anfühlt? - Techno. Den Spirit, der echte Raver packt, der sich aber so schwer in Worte fassen lässt. Dann verschob sich der Blick. Wie der Fokus bei einer Kamera. Die Party und Raver rückten aus dem Sucher. Was bisher verschwommen im Hintergrund war, wurde deutlicher.

Hitzler hatte die Macher im Visier. Die Organisatoren, die unbekannten Größen hinter den Männern am Plattenteller. „Professor Techno” ging nicht mehr durch den Haupteingang. Er nutzte den für V.I.Ps - wurde selbst zum Unikum und Frontmann der Szene. Kein Großevent ohne ihn: Mayday, Rave on Snow, Loveparade. Hitzler war immer da. Standhaft. Wie auf dem Float festgenagelt. Bis tief in die Nacht in Clubs, in musikalischem Trance, in Gesprächen, die ihn wie eine Rakete weiter in den Kosmos der Raver schossen. Wie ein Satellit kreist er um die Stars der Szene und fand schnell Freunde. Motte, Westbam. Namhafte Organisatoren, deren Namen keine Sau kennt. Die Liste seiner Handynummern ist so lang wie die Nacht im Club.

Wenn „1Live” was zum Thema Techno macht, klingelt bei Hitzler das Telefon. Die Wenigsten sind der Loveparade so nah gekommen, die Wenigsten haben ihre Entwicklung bis zur Wiedergeburt im Pott so hautnah auch hinter den Kulissen mitgekriegt. Aufstieg und Schwund. „Ab 2000 war die Loveparade in Berlin nichts Besonderes mehr”, die Ideen waren ausgereizt, der Status der politischen Demo drohte zu kippen. Große Sponsoren wie Sony oder Telekom zogen sich von der Straße zurück, während die Zahl der Floats stieg und stieg. Langsam wurde es für die Veranstalter teuer. Spätestens als 2001 der Status der politischen Demo aberkannt wurde, wurde es für die Macher eng. Kosten für die Müllgebühren, den Einsatz der Ordnungskräfte - alles musste jetzt selbst getragen werden. Da war es nur ein schwacher Trost, dass die größte Musikparade der Welt '99 mal 1,5 Millionen Menschen in ihren Bann gezogen hatte.

Das Ende war in Sicht, nachdem 2004 und 2005 keine Parade mehr stattgefunden hatte. Da trat Rainer Schaller auf den Plan. Der Chef der McFit-Kette, einer der größten Fitness-Studio-Ketten Europas, übernahm mit der Loveparade Berlin GmbH das Megaevent und investierte megamäßig viel Geld, um seine Kette in den Köpfen der Jungen zu verankern. Hitzler weiß, welche Probleme es nach dem Ausverkauf gab. Aber er weiß auch, dass die Straßen auf Dauer leer geblieben wären: „Man kann Techno nicht mit der Wanderklampfe machen. Wenn die Party fett sein soll, muss Kohle fließen.” Viel Kohle. Siebenstellig. McFit wurde ein Begriff. Und die Stadt Berlin begriff sich als einzige Location Deutschlands für die Parade.

Wo sollte die Loveparade stattfinden, wenn nicht in der Hauptstadt? Schaller sah das anders. Ganz anders. Er wollte Neues. Neuland. Und so streckte er seine Fühler aus: München, Hamburg, Stuttgart, Köln...am Ende entschied er sich für den Ruhrpott. Und er Dortmunder Professor war aus dem Häuschen: „Ich habe von Anfang an gesagt, wir müssen ins Ruhrgebiet - geiler geht's nicht!” Dortmund ist der Oberhammer: „Die Kombination aus Stadt und Autobahn ist nicht zu toppen”, freut sich Hitzler. Der Neuanfang 2007 in Essen sollte ihm Recht geben. Nach den zähen Vorjahren hatte man mit 500 000 Besuchern in Essen gerechnet - es sollten 1,2 Millionen werden. Phoenix aus der Asche. „Das war irrwitzig, da durchzufahren. Das war nicht nur ein Meer an Ravern - die waren alle wirklich dabei!”

Ecstasy? „Ach was”, sagt Hitzler. Die Zeit der Partydroge sei vorbei. Die kleinen Tabletten zu sehr in Verruf geraten. Kein Wunder: Gute Pillen setzen Serotonin frei - das macht glücklich und „sorgt für ein warmes Gefühl der Gemeinschaft”, sagt der Professor. Doch in den meisten Fällen sei XTC mit Speed versetzt. Das brachte die Raver zum Zappeln und ließ sie kein Auge zu machen. Das Problem: „Wenn man nicht gerade unter 18 war, bekam man schnell 'nen Kreislaufkollaps”, weiß Hitzler. Und bei Dauerkonsum machen nach ein paar Jahren die Nieren schlapp. Deshalb: „Die Raver von heute trinken Bier, vielleicht noch Jägi, und sie rauchen brutal viel.” Und außerdem, sagt der Soziologe augenzwinkernd, „kann man auch ohne Drogen keinen Spaß haben.” Zum Beispiel als „nüchterner” Beobachter in Dortmund.

Wenn am 19. Juli um 14 Uhr der Zug aus zwei Richtungen startet und das Gesicht der Stadt zum Lachen bringt. Wenn am Nachmittag auf den beiden Bühnen die Regler auf Anschlag geschoben werden. Wenn die DJs, die aus aller Welt eingeflogen werden, in gerade mal 20 Minuten d i e Show schlechthin abliefern müssen. „Die Spielzeiten sind genau getaktet, jeder spielt sein Set so konzentriert und gut, wie es nur geht.” Warum? Klar:

Wenn die Top-DJs schon kein Geld für den Gig kriegen, wollen sie sich wenigstens in die Gehirne der Raver wummern. Und natürlich in den vollen Clubs der Region Kohle machen. Das hat ein wohlsituierter Professor nicht mehr nötig. Ihn beschäftigen andere Dinge. Hitzler denkt an das Unmögliche. Er will die Loveparade zwischen Buckdeckel pressen. Thema „Die Transformation der Loveparade”. Der Untertitel könnte vielleicht so lauten: Gelebte Forschung. Geliebter Rave.

 
 

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