Holzenerin findet Tagebuch ihres gefallenen Onkels

Drei Mädchen weinten um Johann Friedrich. Keinen einzigen Brief konnte der 20-Jährige im September 1918 mehr an ihre Adressen schreiben, die er in seinem Tagebuch unter sehnsüchtigen Zeilen über die Liebe notiert hatte. Irgendwo in Frankreich ließ der Schütze im Ersten Weltkrieg sein junges Leben. Mehr dazu in unserer Fotostrecke.

Schwerte.. Die Gedanken seiner letzten beiden Jahre vertraute er einem unscheinbaren Büchlein an. Klein wie ein Taschenkalender, geschützt von einem schwarzen Papierumschlag, begleitete es den Soldaten von der Militärausbildung in Rastatt über die Front nach Russland bis zum traurigen Ende in Frankreich.

Das beeindruckende zeitgeschichtliche Dokument entdeckte Brigitte Michler, als sie für die Ahnentafel ihrer Familie recherchierte. Ein Cousin im sächsischen Delitzsch, wo Johann Friedrich lebte, hatte die Kladde neben allerlei Schwarzweiß-Fotos auf dem Dachboden gefunden. Der Inhalt, hautnah geschildert aus dem Leben ihres Onkels, fesselte die Holzenerin sofort. Aber die leicht verblichenen Zeilen in Sütterlinschrift bremsten die Neugier erheblich.

Suche nach Übersetzer

"Ich kann das noch lesen", sagt sie: "Aber es ist kompliziert, sodass ich für zwei Seiten sehr lange gebraucht habe." Doch die Holzenerin wusste sich zu helfen: "Ich hab' gedacht, vielleicht gibt es einen rüstigen Rentner, der das schneller kann." Schon im "erstbesten Seniorenheim", bei dem sie nachfragte, machte es bingo.

Die Rezeptionistin im Haus am Stadtpark empfahl Walter Rehling (92) - ein Glückstreffer. Der Hobbyfilmer, mit dem Computer und allen möglichen Programmen auf Du und Du, "übersetzte" nicht nur binnen 14 Tagen alle Seiten, sondern sicherte sie auch durch das Einscannen. Zeichnungen, die das sprichwörtliche Maschinengewehr 08/15 oder Gefechtsstellungen zeigen, erhielten durch Nachbearbeitung ihren Kontrast zurück.

Gedenkfeier in Leudal

Noch wichtiger: Als ehemaliger Bordfunker in einem Nachtjäger im Zweiten Weltkrieg hatte Rehling bei einer Gedenkfeier im holländischen Leudal, wo sich jeden November ehemalige Gegner die Hände reichen, den Leiter des neuen Weltkriegs-Museums in Maastricht kennengelernt. Unter dem Titel "Eyewitness - Auf Augenhöhe mit dem Krieg" führt Direktor Wim Seelen mit 150 lebensgroßen Figuren durch den Zweiten Weltkrieg.

Ihm übergab Brigitte Michler das Tagebuch, damit es dauerhaft erhalten bleibt. "Das ist ein sehr wertvolles Stück", freute sich Seelen, der den Zweiten Weltkrieg als Folge des Ersten begreift. Die Auseinandersetzung damit tut Not, damit nie wieder ein 20-Jähriger im Kampf sterben muss.

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