Experte über Forensik: "Noch nie Übergriff erlebt"

Sachliche Informationen zum Thema Forensik wünschte sich die Kolpingsfamilie Herz-Jesu. Also hatte sie Tilmann Hollweg vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) als Referenten eingeladen. Der Landesrat für Maßregelvollzug hat rund 40 Besucher über das komplexe Thema informiert. Wir fassen seine Aussagen zusammen.

Lünen.. Welche Menschen sind in einer Forensik des LWL untergebracht?

Den größten Teil der Menschen in den Forensiken des LWL seien laut Tilmann Hollweg psychisch kranke Menschen. 62 Prozent aller Untergebrachten leiden an Psychosen, hirnorganischen Störungen oder an sexuellen Präferenz- und Persönlichkeitsstörungen.

Sind alle Menschen dort Straftäter?

Ja. Alle Patienten im Maßregelvollzug sind vom Gericht dort eingewiesen worden, weil sie aufgrund einer psychischen Krankheit oder einer Suchterkrankung eine Straftat begangen haben.

Heißt das, dass alle Menschen mit psychischer Krankheit straffällig werden?

Nein, ganz im Gegenteil. Laut Hollweg begehen 98,8 Prozent aller Psychose-Patienten keine Straftaten.

Wie lange bleiben die Menschen in einer Forensik?

Psychose-Patienten sind nach Aussagen des Landesrats durchschnittlich acht Jahre in der Forensik untergebracht. Jeder Siebte von ihnen sei aber über 15 Jahre dort. Anders sieht es bei Suchtkranken aus, die insgesamt 33 Prozent der Untergebrachten ausmachen: Sie sind im Schnitt für 2,4 Jahre in der Forensik. Laut Hollweg begehen von ihnen 80 bis 90 Prozent nach dem Aufenthalt keine Straftaten mehr. Nach einem Gefängnisaufenthalt seien es bloß 30 bis 50 Prozent.

Wie sehen die Sicherheitsvorkehrungen aus?

Ganz plastisch sind die äußeren Sicherheitsanlagen: Sie sind von fünfeinhalb Meter hohen Mauern und Zäunen umgeben, zudem gebe es, so Hollweg, Notruf-Systeme und Videoüberwachung. Wichtiger sei jedoch "Sicherheit durch Therapie", sagt Tilmann Hollweg. Es bringe nichts, Menschen nur "wegzuschließen".

Medikamentöse Therapie der Grunderkrankung, Psycho- und Kriminaltherapie zielten darauf ab, Menschen zu einem straffreien Leben zu befähigen und ein möglichst eigenständiges Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen. Dazu dienen Arbeitstherapie und Ausbildung, nicht zuletzt wegen der Tatsache, dass 32 Prozent der Patienten keinen Schulabschluss hätten.

Wie sieht die Organisation beim LWL die Forensik an sich?

"Die Forensik ist ein Ort der Ruhe und des Friedens. Ich habe nie einen Übergriff erlebt", sagte Tilmann Hollweg am Freitagabend.

Zur Person:
Tilmann Hollweg ist Landesrat für den Maßregelvollzug beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe.
Er leitet diese Abteilungen in fünf forensischen Klinken.

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