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Kokerei-Geschichte

Den Staatsanwalt immer im Nacken

14.08.2012 | 16:41 Uhr
Den Staatsanwalt immer im Nacken
Gerd Hendler im alten Labor. Foto: Jochen Linz

Huckarde. In einem Dortmund, das scheinbar ewig weit in der Vergangenheit liegt, glühte vom Stahlwerk der Himmel über Hörde, da führten in Eving noch Stollen unter die Erde, da wurde in Huckarde noch Koks produziert. Es gab ein eigenes Wort dafür. Das war Maloche. Staub, Hitze und Gase waren gefährlich. Gerd Hendler erinnert sich, wie sich der Arbeitsschutz entwickelte.

Hendler, schwarzgraues Haar und einen Bart um die Lippen, trägt meistens den alten weißen Kittel und einen Schutzhelm, wenn er auf die Kokerei Hansa zurückkommt. Früher war er Chemotechniker auf der Kokerei. „Personen wie ich hatten den Staatsanwalt immer im Nacken“, sagt er.

Dem Labortechniker kam eine verantwortungsvolle Rolle zu. Hendler musste regelmäßig Gasmessungen vornehmen, prüfen, ob es irgendwo in den Leitungen ein Leck geben könnte. „Da habe ich mich dann immer fragen müssen, habe ich die Situation richtig ausgewertet?“

Gefahrenherd Prozessgase

Auf der Kokerei waren insbesondere die Prozessgase ein Gefahrenherd. „Entweder es zischte irgendwo, oder die Messtechnik hat etwas signalisiert“, erinnert sich Gerd Hendler. Ammoniak, Methan, Schwefelwasserstoff oder Cyan entstanden bei der Verkokung.

Einmal jedoch gab es einen Unfall mit Kohlenmonoxidgas. „Gasblasen sind sehr tückisch“, sagt Hendler. Man sieht sie nicht, man riecht sie oft nicht und wenige Atemzüge können tödlich sein. In den 80er Jahren wurde das einem Vater-Sohn-Gespann zum Verhängnis. Einer war zu einer Kontrolle aufgebrochen und kam nicht zurück, da ging der Zweite nachsehen. „Als der Vater seinen Sohn auf dem Treppenabsatz liegen sah, rannte er zu ihm.“ Wenige Atemzüge später waren beide Kokerei-Elektriker tot. Gerd Hendler ging immer voraus, wenn er in einer Gruppe unterwegs war. „So konnte ich als Erster signalisieren, ob es einen Gefahrenherd gab oder nicht.“

Bergbau und Kokerei: über Jahrhunderte nach dem Prinzip Learning-by-Doing entwickelt. „Man hat aus den Schwierigkeiten gelernt, eben weil es sehr schmerzhaft war.“ Gase waren nicht die einzige Belastung auf der Kokerei. Hitze und Staub waren ständig präsent.

„Früher haben die Leute noch mit Schlapphut gearbeitet“, erzählt Hendler. „In den 40er Jahren gab es keine Helmpflicht.“ Und auf den heißen Öfen standen die Malocher nicht in feuerfesten Stiefeln, sondern trugen Holzschuhe.

„Dabei musste der Einfeger, der die Reste in den Ofen fegt, schon aufpassen, dass er sich dabei nicht die Nase verbrannte.“ Erst durch die stärker werdenden Gewerkschaften und Betriebsräte kam der Wandel. „Aber es hat viel Überzeugungsarbeit gekostet.“

Großer Zusammenhalt

Der Zusammenhalt unter den Arbeitskollegen war groß. „Wir haben zusammen nach der Schicht entspannt“, sagt Hendler. Er spricht gern vom Familienpütt. „Wir haben auch so zusammengehalten, weil die Belastung so groß war.“ Jeder hatte sein näheres Arbeitsumfeld im Auge zu behalten. Wenn die Kokskuchen mal nicht aus dem Ofen kam oder etwas danebenging, mussten die Arbeiter auf ihre Füße aufpassen und zusätzlich spontane Überstunden leisten. 314 Öfen auf fünf Batterien gab es zu Spitzenzeiten auf der Kokerei Hansa. Knapp 1300 Grad heiß war der Koks, als er aus den Öfen kam.

Die letzte Batterie, die Batterie Null, wurde vor die Batterie Eins gebaut, daher der ungewöhnliche Name. Sie hatte einen speziellen Staubfänger, damit die Luft für die Arbeiter an den Öfen sauberer war. „Aber dafür hielt sich die rückstrahlende Wärme länger“, sagt Hendler, denn die Absaugvorrichtung war wie ein Mantel über die Halle gelegt. „Ein Fingerschlecken war das also nicht.“

Mehr Mitbestimmung

In den Nachkriegsjahren verstanden die Arbeitgeber zunehmend, wie wichtig ihre Beschäftigten waren. „Selbstherrlichkeit ging dann einfach nicht mehr“, so Hendler. Es kamen immer mehr Arbeitsschutzkleidung, mehr Mitbestimmung der Arbeiter und bessere Gefahrenzulagen. „Der Vorgesetzte sagte dann zum Schluss: Gerd, du bist heile hergekommen. Ich will, dass du auch heile wieder gehst. Die Arbeitgeber haben gemerkt, dass sich die präventiven Maßnahmen lohnen – auch finanziell.“

Heute blickt Hendler mit einem teils sehnsüchtigen, teils mürrischen Blick zurück auf die Zeit, als in Hörde noch der Himmel glühte und in Huckarde noch „gekokst“ wurde. Bei manchen Krankheiten, die Arbeiter später entwickelten, stellt sich Gerd Hendler die Frage: Wurde das vielleicht durch den Staub ausgelöst? Als Berufskrankheit anerkannt wurden sie oft nicht.

Wenn Gerd Hendler heute Besucher über die ehemalige Industriefläche führt, laufen sie zwischen jungen Birken umher. Dann erzählt er von der harten Maloche, genauso wie von dem starken Zusammenhalt im Familienpütt. Die Natur erobert derweil langsam den Kokerei-Standort zurück. Gerd Hendlers Labor steht noch da, wo er es zurückgelassen hat.

Industriedenkmal

Das Industriedenkmal Kokerei Hansa eröffnete offiziell 1999, sieben Jahre nach dem letzten Kokskuchen. Gerd Hendler setzte sich für den Erhalt als Museum ein, um nachfolgenden Generationen die Arbeit und Kultur aus Kohletagen im Revier vermitteln zu können. Damals habe es viel Gegenwind gegeben, sagt er. Heute kommen jährlich rund 20 000 Besucher auf die Kokerei.

Auch die Stadt ging damals auf Nummer sicher und ließ das Museum auf Gefährdungspotenzial prüfen. Erst danach wurde es freigegeben. Für Besucher bietet die Industriedenkmal Stiftung Führungen über das Gelände an.

Oliver Körting

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