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Alle Wege führen nach Kall

27.07.2012 | 19:35 Uhr
Alle Wege führen nach Kall
Norbert Scheuer. Foto: Kai Kitschenberg

Essen.   Norbert Scheuer spiegelt auch in seinem neuen Roman „Peehs Liebe“ die Vergangenheit in den Mustern der Gegenwart. Er verbindet Schicksale miteinander, bringt Geheimnisse ans Licht. Diese Reise in Norbert Scheuers Eifel ist ein Geschenk.

Ein dichtes Geschichtengeflecht entspinnt sich in jedem seiner Werke auf erstaunlich engem Raum. Die Begrenzung auf einen Ort, auf das fiktive, wundersame Dorf Kall, ist in Wahrheit ja eine Erweiterung: des Sehens, des Fühlens, des Schreibens. Dabei sind Scheuers Romane stets schmal. Auch im neuen Roman, „Peehs Liebe“, verbindet er die Schicksale erstaunlich vieler Menschen in kunstvoll komprimierten Sätzen.

Hyperion und antike Straßennetze

Im Zentrum steht Rosarius Delamot: Rosarius, der die ersten 23 Jahre seines Lebens nicht sprach und kleinwüchsig blieb, der 1938 geboren wurde als Sohn von Kathy und, vielleicht, eines Archäologen. Wir begegnen ihm vor allem in seinen eigenen Erinnerungen, die er, da sind wir jetzt schon im Jahr 2002, der Altenpflegerin Annie erzählt. Rosarius verwechselt Annie mit „Peeh“, Petra, deren Namen er nur stotternd aussprechen konnte und die er sein Leben lang liebte.

Annie berichtet er also von Peeh und ihrer Mutter, der Apothekersfrau, die ihren untreuen Mann verließ. Von Vincentini, der in den Eifel-Dörfern ein magisches Gerät namens „Perseus“ an einsame Frauen verkaufte und auf seinen Fahrten Hölderlins „Hyperion“ zitiert – auch Rosarius Erinnerung sind zitatgespickt. Rosarius erzählt von Karl Höger, der einen der Laster fuhr, die Kalkgestein zum Zementwerk brachten, und sich dabei auf die Straßen ferner Länder träumt; später wird auch Rosarius Zettel voller Straßennamen schreiben, Straßen „durch alle Länder unserer Gedanken und Träume“. Rosarius erzählt Annie von Evros, dem Gastwirt, und von Strohwang, der einen verschollenen Schatz sucht – in kurzen Passagen gelingt es Scheuer, ganze Lebensromane zu entwerfen.

Lange verbuddelte Geheimnisse kommen ans Licht

Das Altenheim, in dem Rosarius schließlich wohnt, nachdem sie in der Psychiatrischen Anstalt reichlich über sein Hyperion-Hersagen und die Kenntnis internationaler Straßenverbindungen gestaunt haben, ist beheimatet in den ehemaligen Verwaltungsgebäuden eines stillgelegten Bleibergwerks. Vielleicht kann man die Romane Scheuers so beschreiben: Sie fördern die in der Landschaft und ihren Menschen eingelagerten Geschichten zutage, bringen lange verbuddelte Geheimnisse ans Licht. Sie spiegeln Muster der Vergangenheit in der Gegenwart: Wie einst Kathy sich in einen durchreisenden Archäologen verliebte, so verfällt auch Annie einem jungen Mann, der nur kurzzeitig im Altenheim arbeitet, „Bellarmin“ nennt sie ihn – wie jenen deutschen Freund, an den Hyperion schrieb.

Pfade in entfernte literarische Landschaften

Man kann diesen Strukturen folgen, diesen Pfaden in entferntere literarische Landschaften. Oder im Hier und Jetzt der Eifel bleiben, sich gefangen nehmen lassen von Rosarius Liebe zu „Peeh“, von ihrer Neu-Begegnung als junge Erwachsene. Von dem Hoffen und Träumen Kathys, die vergeblich auf die Rückkehr ihres Archäologen wartet, der aber, und hier verlässt Scheuer für einmal den sicheren Grund seiner Eifel, historischen Wegen bis nach Syrien folgte.

Im Anhang bedankt Scheuer sich, neben vielen, bei den Verkäuferinnen der Supermarkt-Cafeteria seines Eifel-dorfes. Im Roman haben sie einen Auftritt, besuchen Rosarius, bringen Kuchen mit und erzählen von Kall: „Es war“, heißt es, „als redeten sie von einem Ort, den sich ein Dichter ausgedacht hat und in dem alles so wie in Wirklichkeit war, aber doch irgendwie anders.“

  • Norbert Scheuer: Peehs Liebe. C.H. Beck, 222 Seiten, 17,95 Euro

Britta Heidemann

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2012-07-27 19:35
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