Studie zum Katastrophenschutz

Um bei Katastrophen wie der Loveparade noch besser reagieren zu können, untersucht die Uni Witten/Herdecke, wie die Hilfsmaßnahmen optimiert werden können.
Um bei Katastrophen wie der Loveparade noch besser reagieren zu können, untersucht die Uni Witten/Herdecke, wie die Hilfsmaßnahmen optimiert werden können.
Foto: ddp

Witten.. Bei Katastrophen kommt es darauf an, schnell die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Eine wissenschaftliche Untersuchung der Uni Witten-Herdecke soll das deutsche Hilfeleistungssystem verbessern. Ein Gespräch mit Christian Endreß vom Forschungsteam.

Wie der Katastrophenschutz in Deutschland verbessert werden kann, untersucht die Universität Witten/Herdecke mit Mitteln des Bundesforschungsministeriums. Wir sprachen mit Politikwissenschaftler Christian Endreß vom Forschungsteam des Lehrstuhls Politikwissenschaft, Sicherheitsforschung und Sicherheitsmanagement.

Frage:

Wie laufen die Untersuchungen konkret ab?

Endreß: Wir formulieren beispielsweise Katastrophenszenarien wie eine Pandemie, einen Terroranschlag mit Giftgas oder einen flächendeckenden Stromausfall. Wir überlegen, wer involviert wäre und führen Experteninterviews anhand von eigens erstellten Leitfäden, etwa mit Bundestagsabgeordneten, Verantwortlichen von Behörden, Vertretern von Hilfsorganisationen oder Feuerwehren.

Die Fragen sind inhaltlich zu beantworten, das heißt, die Interviewpartner haken keinen Fragebogen ab, sondern sollen beschreiben: Welche Prioritäten setzen sie im Notfall, welche Schwachstellen gibt es, und so weiter.

Frage: Das klingt sehr theoretisch. Spielen echte Katastrophen keine Rolle in der Studie?

Endreß: Doch. Wir werten auch bisherige Schadenslagen aus, wie zum Beispiel den Stromausfall im Münsterland im November 2005. Dabei schauen wir, wie gut Hilfsmaßnahmen und auch Selbst- und Nachbarschaftshilfe funktioniert haben.

Die Loveparade in Duisburg untersuchen wir ebenfalls. Und ich muss sagen: Die Hilfseinheiten waren in Bezug auf die Ressourcen gut aufgestellt. So wurde landesweiter Krankenhausalarm ausgelöst, Einsatzkräfte in ganz NRW in Alarmbereitschaft versetzt. Zu keiner Zeit waren zu wenig Rettungsressourcen verfügbar.

Frage: Welche Schwachstellen haben Sie bisher bei Ihren Untersuchungen entdeckt?

Endreß: Probleme gibt es bei länderübergreifenden Katastrophenfällen wie einer Pandemie oder einem großflächigen Stromausfall. Katastrophenschutz ist Ländersache und auf Bundesebene gibt es keine Befugnis, die Lage zu managen.

Wir untersuchen zum Beispiel auch, wie es rechtlich möglich ist, in NRW Einsatzkräfte aus Hamburg einzusetzen und welche Probleme daraus erwachsen können. Bei den verschiedenen Einsatzorganisationen herrscht nämlich ein unterschiedlicher Sprachgebrauch. Ein Rettungswagen oder ein Transportzug in Hamburg ist anders besetzt bzw. ausgestattet als in NRW.

Frage: Beschreiben Sie einmal das schlimmste Szenario.

Endreß: Die Politik fokussiert sich da stark auf den Terror. Dabei sind die Strukturen und Einsatzkräfte für Terroranschläge grundsätzlich gut ausgerichtet in Deutschland.

Schlimmer sind die so genannten systemischen Risiken, also Risiken, die eine sich selbst verstärkende und krisenhafte Dynamik annehmen können, oder Infrastrukturzusammenbrüche, etwa ein Ausfall der Trinkwasserversorgung oder ein langanhaltender und flächendeckender Stromausfall. Hier muss man sowohl in der Politik als auch in der Gesellschaft Aufklärungsarbeit leisten. Die meisten Menschen sind schlecht auf solche Fälle vorbereitet, haben zum Beispiel keine Vorräte angelegt. Sie denken nicht daran, dass sie ohne Strom nicht mehr einkaufen können, weil die Kassensysteme nicht mehr funktionieren. Das deutsche Hilfeleistungssystem ist hervorragend, aber es gibt Grenzen. Wenn wochenlang der Strom ausfällt, kann der Staat auch nicht mehr helfen.

Frage: Welche Wirkung versprechen Sie sich von der Studie?

Endreß: Zu den Schwachstellen, die wir in unseren Untersuchungen feststellen, werden wir die jeweils zuständigen Experten zu Workshops einladen. Dort überlegen wir gemeinsam, wo und wie im einzelnen Fall nachgebessert werden kann. Am Ende der Studie im März 2012 präsentieren wir unsere Handlungsempfehlungen den zuständigen Behörden und Organisationen auf Bundes- und Landesebene, die sie dann umsetzen können.

 
 

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