Freibier statt Sigmar Gabriel

Franz Müntefering sprang für Sigmar Gabriel beim Gänseessen der SPD in Olsberg ein.
Franz Müntefering sprang für Sigmar Gabriel beim Gänseessen der SPD in Olsberg ein.
Foto: WP

Olsberg.. Das kommt davon, wenn man schon vor St. Martin zum Gänseessen einlädt: Dem SPD-Ortsverein Bigge-Olsberg sagte am Samstag der Ehrengast kurzfristig ab. Sigmar Gabriel saß wegen eines defekten Fliegers in Potsdam fest. Aber mit Franz Müntefering stand ein Vertreter bereit, der mehr als nur Ersatz ist.

Zum neunten Mal hat Peter Rosenfeld, der stellvertretende Vorsitzende des Ortsvereins, das Olsberger Gänseessen bereits organisiert. Eine Traditionsveranstaltung. Mit vorweihnachtlich eingefärbter Tombola und mehr als 200 vorwiegend älteren Sozialdemokraten und Sympathisanten. Und die sind enttäuscht, als sie erfahren, dass der Parteivorsitzende nicht kommt.

Aber „Münte“, wie ihn die meisten hier nennen, hat den Saal im „Haus des Gastes“ schnell auf seiner Seite: „Tut mit leid, dass ich hier stehe“, beginnt er, erzählt von seiner eigenen, schwierigen Anreise: Kölner Fußballfans hätten ihn in Bochum am Betreten des Zugs behindert. Aber die seien ja in Dortmund dafür bestraft worden. Er versichert, Gabriel werde den Besuch nachholen und gibt in dessen Namen allen Anwesenden einen aus: Freibier statt Gabriel. „Und Hauptdarsteller des Abends sind ja doch die Gänse.“

Dann beginnt der politische Teil. Seit seinem Einzug in den Bundestag 1975 habe er Chaostage wie die der schwarz-gelben Regierung noch nie erlebt, sagt er: Abgesagte Regierungserklärung, Steuerreform-Pressekonferenz, die zeitgleich aus München angegriffen werde. Das erzählt er weniger spöttisch als besorgt angesichts der Krise: „Demokratie kann nicht funktionieren, wenn die, die vorne stehen, das Heft nicht in der Hand haben.“ Aber mit einem Auseinanderbrechen der Koalition rechnet er nicht: „Angeschlagene Boxer halten sich aneinander fest.“ Bis 2013 könne noch eine Menge passieren. Aber die SPD bereite sich auf die Regierungsübernahme vor. Mit welchem Kanzlerkandidaten? „Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück werden an der Spitze stehen.“ Das ist die offizielle Linie.

Und inhaltlich? „Das Problem ist nicht Griechenland, sondern der Finanzkapitalismus. Das Geld versucht, mit der Politik zu machen, was es will“, knüpft der 71-Jährige an seine Heuschrecken-Kritik von 2005 an. Was dagegen hilft? Kontrolle, Entschleunigung, Finanztransaktionssteuer. Regeln. Müntefering blickt zurück: „Vor 150 Jahren haben wir für den Acht-Stunden-Tag, ordentlichen Lohn, Kranken- und Rentenversicherung gekämpft. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass Soziale Marktwirtschaft keine Geschichte von vorgestern wird. Die sozialdemokratische Idee ist heute wichtiger denn je.“ Das wärmt das Genossen-Herz in der sauerländischen Diaspora.

Aber der Neheimer redet dem Publikum nicht nach dem Mund. Auf kritische Worte des Ortsvereinsvorsitzenden Bernhard Wulf zur Quote für Frauen in Führungspositionen hält er eine engagierte Replik, die mit der Erkämpfung des Frauenwahlrechts 1919 beginnt und mit den 23 Prozent niedrigeren Löhnen in gleichen Berufen noch lange nicht endet. Und weil er vor dem Gänseessen den Moscheeverein in Ramsbeck besucht hat, kommt er auf Demografie und Integration: „Die Metropolen wachsen. Aber wir in der Fläche sind darauf angewachsen, dass das klappt, dass die Menschen zu uns kommen. Im Grundgesetz steht keine Religion drin. Die Menschen sind nicht alle gleich. Aber alle sind gleich viel wert.“

„Der kann’s, der Franz“, heißt es danach. Bei der Europaabgeordneten Birgit Sippel, die zuvor sprach, war der Beifall matter. Die Regierungen Europas müssten mit einer Stimme reden, hat sie gesagt. Dass es mit dem Bankenretten ganz schnell ging, aber bei sozialen Fragen und Zukunftschancen junger Menschen dauere. Europa müsse das Interesse der Bürger in den Mittelpunkt stellen. Kein Widerspruch. Dann kam die Gans.

 
 

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