Der Weg von der Wahrnehmung zur Wahrheit

Justitia setzt mehr und mehr auf die wissenschaftlichen Methoden der Wahrnehmungspsychologie.
Justitia setzt mehr und mehr auf die wissenschaftlichen Methoden der Wahrnehmungspsychologie.
Foto: ddp

Arnsberg.. Die Glaubwürdigkeit eines Zeugen zu beurteilen, wie im Fall Strauss-Kahn, ist ureigenste Aufgabe eines Gerichts. „Urteile sind nur so gut wie die Zeugenaussagen, auf denen sie basieren“, sagt Richter Peter Marchlewski vom Landgericht Arnsberg. Vertut sich ein Zeuge - bewusst oder unbewusst -, könne ein Urteil nicht mehr richtig sein.

Es ist das tägliche Brot von Gerichten, die Glaubwürdigkeit eines Zeugen und die Glaubhaftigkeit einer Zeugenaussage zu würdigen. „Es gibt keinen allgemein verbind­lichen Katalog, nach dem man dabei vorgehen kann“, sagt der Jurist aus dem Sauerland, „aber man kann wissenschaftliche Methoden der Wahrnehmungspsychologie nutzen.“

Es ist eine noch junge Wissenschaft (das Standardwerk zur Wahrnehmungspsychologie stammt aus dem Jahr 2000), die sich zum Beispiel damit beschäftigt, dass eine subjektiv wahre Aussage nicht gleich bedeutend mit den Tatsachen ist (unbewusste Falschaussage), oder dass eine Person, die allgemein als unglaubwürdig gilt, glaubhafte Aussagen machen kann, usw.

Marchlewski ist Lehrbeauftragter zum Thema „Wahrnehmungspsychologie“ an der Universität Bochum und holt regelmäßig Studenten im Rahmen der „praktischen Studienzeit“ für sechs Wochen nach Arnsberg. Auch ihnen schildert er gerne, wie sich Wahrnehmung beeinflussen lässt. Beispiel: „Sie haben länger als geplant gearbeitet, steigen hastig ins Auto und denken daran, dass sie noch schnell Milch kaufen müssen. Das Auto vor ihnen fährt an einem Zebrastreifen einen Fußgänger an. Die Situation wird ihnen erst bewusst, als es passiert ist. Sie haben eigentlich nichts gesehen, aber in diesem Moment spielt ihr Gedächtnis ihnen einen Streich, aus einem Bruchstück wird ein Sachverhalt: Sie sind der Überzeugung, etwas gesehen zu haben.“ Ein anderes Beispiel: „Sie haben es eilig und fahren hinter einem Auto aus einer Einfahrt heraus. Sie sehen einen Hut auf der Ablage und deuten daraus, dass es sich um einen älteren Herrn handelt, der sehr langsam fährt. Sie bauen Aggressionen auf, auch wenn der Fahrer später nicht schleicht.“

„Als Zeuge ist der Mensch eine ,Fehlkonstruktion’“, hat Armin Nack, Vorsitzender eines Strafsenats des Bundesgerichtshofs, einmal in einem wissenschaftlichen Werk etwas überspitzt formuliert. Und doch ist er in einem Strafprozess unersetzlich. Also werde deshalb vor Gericht, so Peter Marchlewski, jede Zeugenaussage höchst individuell beurteilt. „Und bei der Tatsachenfeststellung wird die Gesamtpersönlichkeit des Zeugen gewürdigt.“ Eben nicht nur Einzelaspekte wie Straffälligkeit oder Seriosität - und auch nicht noch vor Jahren übliche Definitionen, nach denen Glaubwürdigkeit aus drei Merkmalen resultiert: Urteilsfähigkeit, Erinnerungsvermögen und Wahrheitsliebe. „Das ist zu vereinfachend“, sagt der Jurist am Arnsberger Landgericht.

„Das Geheimnis der Umwandlung von Glaube in Wahrheit ist das Mysterium der Strafjustiz“, schrieb der Spiegel in den Wochen des Kachelmann-Prozesses. Das größte Hindernis auf dem Weg zur Wahrheit, zitierte das Nachrichtenmagazin den Gutachter Günter Köhnken, sei der Bauch: „Man muss sein Bauchgefühl immer über den Haufen werfen.“ An die Stelle trete die Wissenschaft - zum Beispiel die von der Wahrnehmungspsychologie.

 
 

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