Wie wollen wir wohnen? Ein Streit über das perfekte Haus

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Welches Haus gibt uns ein Zuhause? Prinz Charles hat in Großbritannien ein nostalgisches Muster-Dorf erbauen lassen. Doch nicht alle sind mit seinem Traum vom Wohnen einverstanden. Der Philosoph Alain de Botton sieht in der modernen Architektur die Zukunft.

London.. Samstagvormittag, Ikea. Stoffabteilung. Sie: Hat sich in die Vorhänge mit dem Blümchenmuster verliebt. Er: Fällt fast um vor Schock. Graue Baumwolle, mehr Dekoration braucht ein Fenster nicht, sagt er. Da hätte er gleich in seiner Junggesellen-Höhle wohnen bleiben können, giftet sie. Ein Wort gibt das andere, dann herrscht eisiges Schweigen. Zoff wegen ein paar Vorhängen, kaum zu glauben. Er hat es ja gewusst: Samstagmorgen zu Ikea, das braucht kein Mensch. Was für ein Irrtum!

Unsere Wohnung ist der Spiegel unserer Seele: Wie wir uns einrichten, verrät, was uns fehlt und wer wir sein wollen. Ein schönes Zuhause ist wichtig für unser Wohlbefinden, weil es uns zu glücklicheren Menschen macht. Höchste Zeit für eine neue Revolution: Nach gesünderer Ernährung sollten wir uns um bessere Architektur bemühen! Zwei Visionäre, Prinz Charles und der Philosoph Alain de Botton, sind schon dabei, Ideen in Beton zu gießen. Das Ergebnis: Radikal gegensätzlich – so wie unsere Ideen vom Lebensglück auch.

Wer Poundbury nicht kennt und spät abends, im Dunkeln, den Kreisverkehr in Dorchester verlässt, der meint, er sei irrtümlich in einer Traumwelt gelandet. Hier gibt es keine Ecken, nur sanfte Straßenkurven, die sich um schöne, alte Häuser schlängeln. Das übliche Straßenmobiliar der Städte, die rastlos blinkenden Ampeln, grelle Reklame, maßregelnde Verkehrsschilder, all das ist wie von Zauberhand verschwunden. Der Blick des Spaziergängers schweift ungehindert zu den Sternen, weil keine Straßenlaterne den Weg verstellt. Wir sind hier: Im Jahr 2013 und gleichzeitig in einem Dorf des 18. Jahrhunderts. Auch der Tag löst diesen Eindruck nicht auf; stattdessen wird klarer, woher dieses Poundbury mit seinen honigfarbenen Häusern aus Portland-Stein seinen Stil nimmt: Die optischen Beleidigungen modernen Lebens, die Satellitenschüsseln, Neonwerbung, das bunte Blech parkender Autos, all das fehlt.

Radikale Vision hinter Nostalgie-Fassaden

Es ist eine Welt für sich, die Prinz Charles im englischen Dorset seit 1994 errichten lässt. Was sonst der Kosten-Nutzen-Kalkulation von Bauherren als Erstes zum Opfer fällt, findet sich hier im Überschwang: Säulen neben den Haustüren, georgianische Fensterproportionen, Lehmziegel, schmiedeeiserne Balkone im New-Orleans-Stil, Regendächer aus Holz. Hinter den nostalgischen Fassaden verbirgt sich jedoch eine radikale Vision: Stein für Stein will Großbritanniens zukünftiger König ein besseres, harmonisches Leben in urbanen Dörfern wie diesem etablieren. Eines, das uns Ressourcenräuber und Selbstzerstörer wieder in Einklang mit uns selbst und der Welt bringt.

Wo uns schon ein Eimer frische Farbe im Wohnzimmer gute Laune verschafft, plant Charles auf seinen Ländereien einen Tapetenwechsel gigantischen Ausmaßes: 1200 Häuser hat der Thronfolger bereits erbauen lassen, bis 2026 folgen noch einmal so viele. Seine Idee erinnert an die Bauprojekte alter Industriebarone, die ihren Arbeitern im Ruhrgebiet Straßenzüge oder eine Gartenstadt hinsetzten mit dem Ziel, ihr Humankapital bei produktiver Laune und Gesundheit zu halten. Auch dem Öko-Prinz geht es um die großen Fragen unserer Zeit: Wie leben wir gesünder? Wie heilen wir die Risse, die durch unsere Gesellschaft laufen? Wie verhindern wir die Verstädterung der Natur? Poundbury dient dem Thronfolger als Blaupause für ganz Großbritannien.

Wer will schon in einem 08/15-Haus leben?

Für jeden, der mit Grausen beobachtet, wie irgendwo am Ortsrand mal wieder alte Bäume und wilde Wiesen für ein paar 08/15-Neubauten planiert werden, dürfte Prinz Charles der Robin Hood der Architektur sein. Seine Philosophie schreibt vor, dass für die Häuser nur Materialen verwendet werden dürfen, die in der Natur vorkommen. Optisch soll sich Poundbury in die Landschaft einfügen. Die „Furunkel im Angesicht eines geliebten, eleganten Freundes“ – so sieht Charles die hypermoderne Architektur Londons – fehlen völlig. Stattdessen wandert das Auge über geschmeidig in der Höhe zueinander abgestimmte Dachgiebel. Und weil der Mensch sich wohlfühlt, wenn er sein Habitat rasch überblicken kann, hat der Prinz ihm verschachtelte Höfe, pittoreske Steinmauern und Laubengänge geschenkt. Bis ins kleinste Detail der Hausnummern setzt er Ornamente ein – üppig, entgegen dem Zeitgeist und dem standardisierten Hausbau.

"Straßen sind bewusst nicht zum Parken ausgelegt"

Und nun trifft diese Idee auf die Realität. „Raten Sie mal, aus welchem Material mein Garagentor ist“, lächelt Fran Leaper verschwörerisch. Holz muss es sein, nach den Regeln von Prinz Charles, in Wahrheit ist es bei der Vorsitzenden der Bürgervereinigung ein Holzimitat aus Plastik samt Fernbedienung. Das Thema Auto ist überhaupt ein heißes Eisen in Poundbury: Als Umwelt-Visionär hat der Prinz das Viertel fußgängerfreundlich konzipiert, als Ästhet die parkenden Karossen in Hinterhöfe verbannt. Doch was macht Otto Normal mit der Idealversion eines urbanen Dorfes? Er pfeift drauf und parkt vor der Haustür! Mensch, Du Gewohnheitstier!

Er ist einfach zu bequem, sein Automobil in die Garage zu zirkeln. Da passt es auch oft gar nicht mehr hinein, wie Fran Leaper weiß, denn die Garagen dienen längst als Lager. Die Häuser sind nämlich – damit nur so wenig Natur wie nötig geopfert wird – klein. Ihnen fehlt Stauraum. „Die Straßen sind bewusst nicht zum Parken ausgelegt“, sagt Leaper, „wer hier also steht, blockiert Garagentor oder Wendekreis vom Auto des Nachbarn.“ Und da lässt sich prima beobachten, wie schnell ein harmonisch angelegtes Arkadien die soziale Dynamik des Dschungelcamps annimmt.

Und dann der Kies. Stadt-Gewächs: Wann hast Du zuletzt das Knirschen eines Kieswegs unter Deinen Schuhen gehört? Schön ist das, in der Theorie. In der Praxis ist mancher Poundburianer ziemlich undankbar für dieses Geschenk auf seinen Bürgersteigen. Junge Frauen fluchen. Weil die Steinchen ihre Stöckelschuhe ruinieren. Weil der Spaziergang mit dem Kinderwagen zum Höllenritt gerät. Das Schlimmste: Der Kies hat die Eigenschaft, nicht da liegen zu bleiben, wo er unserem Auge schmeichelt. Stattdessen macht er sich selbstständig, formt unplanmäßige Hügelchen im Rinnstein, haut ab in die penibel geharkten Vorgärten. Und das, obwohl sie ihn nun schon mit Flüssigharz auf dem Boden fixiert haben!

Nur Gras gibt das richtige Heimatgefühl

Manchmal merken wir erst, wie unerfüllbar unsere einfachsten Sehnsüchte sind, wenn einer kommt und sie erfüllt. Das verhasste Pendeln zur Arbeit zum Beispiel – es macht uns dick, krank und erschöpft. Wie neidisch sind wir auf Kollegen, die zur Arbeit radeln oder ein Home Office haben. In Poundbury soll das allen möglich sein, weshalb Prinz Charles die Trennung in Gewerbeflächen und Wohngebiet aufgehoben hat. Nicht alle sind darüber glücklich: Da lärmen Maschinen, machen Brummi-Fahrer vor den schicken Fassaden Siesta, stochen Lieferwagen durchs Idyll. „Es wäre besser, wenn man nur kreative Gewerbe ansiedeln würde“, sagt Leaper diplomatisch. Ach ja, und Gras statt Kies, das fände sie auch viel besser: „Wir sind doch hier in England, nicht auf dem Kontinent!“ Erstaunlich, an welchen Details wir Heimatgefühle festmachen.

Was wir schön finden, so hat es der Philosoph Alain de Botton ergründet, sagt viel über uns aus, über unsere Sehnsüchte und Ideen vom Glück. Wenn uns ein Haus oder ein Dorf gefällt, dann mögen wir nicht allein das Temperament, das wir darin zu spüren glauben, sondern auch die Stimmung, die solche Räume in uns wecken. Diese Macht der Architektur fühlen wir in großen Kathedralen, die uns optimistisch und offen stimmen oder in einer düsteren Kantine, die uns in nur dreißig Minuten jede Zuversicht für den Tag raubt. Wir spüren ihre Botschaft in der betulichen Krüppelwalmdach-Villa von Ex-Bundespräsident Christian Wulff und riskieren wegen ihr eine Beziehungskrise im Möbelhaus. Wohnungen und ihre Einrichtungen sind „Denkmäler unserer Identität“. Sie erzählen, wer wir sind und wer wir sein wollen.

Poundbury erzählt viel mehr. Nämlich wie sich ein Spross des Königshauses – herzlich chauvinistisch – ein gutes Leben für Durchschnittsbürger denkt. Die Bewohner halten zum Glück nicht hinterm Berg mit Detailkritik an den Kinderkrankheiten dieser Wohn-Vision. Das hehre Ideal: Nachhaltigkeit, Umweltschutz! Die Tatsachen: Häuser, die mit Schafswolle isoliert sind, müffeln!

„Prinz Charles ist ein Zauberer“

Aber fragen Sie einen Poundburianer, und er wird Ihnen sagen, wie zufrieden ihn dieser Ort trotzdem macht. „Prinz Charles ist wirklich ein Zauberer“, schwärmt Leaper. Die Häuser sind begehrt, die Preise steigen, oft ziehen erwachsene Kinder ihren Eltern hierher nach. Sie schätzen den Gemeinschaftssinn. „Man kann hier allein sein, wenn man will, aber Einsamkeit gibt es nicht“, sagt Leaper, „ganz im Gegensatz zu manchen historisch gewachsenen, alten Dörfern.“

Wohnglück lässt sich nicht messen

Dreißig Prozent des Wohnraums hat Prinz Charles als Art heimlicher Sozialminister von Poundbury für finanzschwache Familien reserviert. Er kann zwar Arm und Reich nicht abschaffen, aber dafür sorgen, dass sich alle einigermaßen gleich fühlen. Denn die Sozialwohnungen sind keine kläglichen Wohnbunker am Ortsrand, sondern genießen den gleichen Baustil und die gleichen guten Lagen. Das macht ihre arbeitslosen Bewohner vielleicht nicht glücklicher, aber zumindest muss sich hier niemand als Außenseiter sehen, nur weil sein Status schon an einer desolaten Unterkunft abzulesen ist.

Statistisch messen und in Zahlen fassen lässt sich solches Wohnglück freilich nur schwer. Alain de Botton kennt das Problem: „Die Vorteile von schönem Wohnen sind eben nicht so offensichtlich wie die von sauberem Trinkwasser, weshalb Architektur es schwer hat, sich auf der Agenda von Politikern und Stadtplanern nach oben zu kämpfen.“ Der Philosoph vergleicht die Wirkung unserer vier Wände mit dem Wetter: „Ein sonniger Tag kann unser Wohlbefinden substanziell verändern, weshalb manche Menschen große Opfer erbringen, nur um in einem wärmeren Klima zu leben.“ Chronische Miesepeter stimmt jedoch kein noch so lauer Sommerabend voller Fliederduft zufriedener, und auch die schönste Stuckrosette vermag es nicht.

Alle anderen jedoch sollen erleben, wie sehr ein Tapetenwechsel ihr Lebensgefühl verändert. Dazu muss man nicht gleich nach Poundbury umziehen. De Botton bietet mit einer Reihe futuristisch beseelter Ferienhäuser Wohn-Laien die Chance, nur für ein paar Tage in eine andere Haut zu schlüpfen. Fünf Unterkünfte hat der Philosoph in Zusammenarbeit mit namhaften Architekten in England errichten lassen – Solitäre, die eine Debatte darüber anstoßen sollen, welche Art Zuhause uns glücklicher machen könnte. Darunter: Ein Ferienhaus, das abenteuerlich über einer Grasklippe in Suffolk balanciert. Ein Hausboot auf einem Londoner Hochhaus – wie Strandgut nach Rückzug der Flut liegt es dort, eingerahmt vom Panorama der Metropole. Ein weltliches Mini-Kloster voll stiller Ernsthaftigkeit in Devon. Indem Alain de Botton uns in solche Skulpturen lockt, weckt er den Träumer in uns. „Wir wollen erreichen, dass das breite Geschmacksniveau fürs Wohnen steigt.“ Wie Prinz Charles arbeitet er an der großen Revolution: „Bei der Frage nach gutem und gesundem Essen sind die Veränderungen schnell und überwältigend passiert. Konsumenten achten plötzlich auf Salz- und Fettgehalt, wie es vorherige Generationen nicht getan haben. Diese Menschen hinterfragen vielleicht schon bald in gleicher Weise die schlimmsten Charakterzüge von Wohnungen.“

Leidenschaftlicher Streit zwischen Prinz und Philosoph

Der Hunger nach schönem Design jedenfalls ist riesig. Ikea hat 2012 Rekordumsätze in Deutschland eingefahren. In Wohn-Shows zur besten Sendezeit oder Hochglanzmagazinen suchen wir nach Interieuren, deren Stimmung unseren Alltag aufmöbelt. Wohnungen werden immer mehr zu Rückzugsorten, die unsere Sinne öffnen und uns Ruhe schenken sollen. Und weil unsere vier Wände mehr denn je als Lebensgefühl-Maximierer herhalten müssen, tobt um die Details leidenschaftlicher Streit. Das ist zwischen Alain de Botton und Prinz Charles nicht anders als bei den beiden, denen wir ganz zu Anfang in der Stoffabteilung bei Ikea begegnet sind.

Das nostalgische Poundbury sieht Alain de Botton als vertane Chance: „Es erinnert an einen alten Verwandten, der einem als Kind nahegestanden hat, für den man als Erwachsener aber, der sich inzwischen zum Besseren oder Schlechteren verändert hat, keinerlei Verständnis mehr aufbringt.“ Kritik, die Prinz Charles ziemlich gelassen sehen kann. Denn so altmodisch und sentimental wie Poundbury äußerlich daherkommt – eine größere, städtebauliche Alternative bieten fünf Avantgarde-Ferienwohnungen eben auch noch nicht. Irgendwo zwischen den Extremen der zwei radikalen Vordenker liegen unsere durchschnittlich 91,7 Quadratmeter. Machen wir was draus!

Leben und Lesen:

Alain de Botton: Glück und Architektur. Fischer, 288 S., 13,95 Euro

Prinz Charles informiert auf der Webseite seines Herzogtums Cornwall über Poundbury: www.duchyofcornwall.org

Zum Wohnen: Design-Ferienwohnungen in England über www.living-architecture.co.uk . Übernachtungen im Hausboot über der Londoner Innenstadt („A Room For London“) werden für 2013 wegen der hohen Anfrage nur per Losverfahren vergeben.

Authentisches Leben in Poundbury lässt sich am besten von Bridget’s Frühstückspension aus erkunden:
poundburyvillagebandb.co.uk

 
 

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