Industrial Design – Schöne Möbel aus Stahl, Rost und Holz

Schick: Diese Kommode im „Industrial Design“ besteht u.a. aus Europaletten.
Schick: Diese Kommode im „Industrial Design“ besteht u.a. aus Europaletten.
Foto: Volker Hartmann
Ein neuer Einrichtungsstil hält seit geraumer Zeit Einzug in deutsche Häuser: Das sogenannte „Industrial Design“ setzt auf industrielle Materialien wie Rohstahlteile, Räder von alten Loren, Metallspinde oder auch Fabrikleuchten. In Verbindung mit rustikalem Holz entstehen so besondere Möbelstücke.

Essen. Rost, viel Rost. In Streifen und Schlieren durchzieht er die stählernen Tischbeine mit den schweren Holzplatten darauf. Was normalerweise Grund genug wäre, das neuerworbene Möbelstück schimpfend und polternd ins Einrichtungshaus zurückzubefördern, gibt den Kunden hier Anlass zu freudigen Seufzern und liebevollen Streicheleinheiten angesichts des rostigen Materials.

Im Möbelloft am Essener Mechtenberg gibt es „Industrial Design“ aus eigener Herstellung, das heißt: Tischplatten, die aussehen wie gewachsen, denen ausgeprägte Maserungen, Astlöcher oder Rindenreste einen urtümlichen Charakter verleihen. Stühle oder Regale aus recycelten Bauholzplanken, die den Charme des Unkaputtbaren versprühen. Und immer wieder: rostigen Stahl. Was aussieht, als sei es einfach einem natürlichen Prozess überlassen worden, verlangt den Machern in Wirklichkeit eine persönliche Rundum-Betreuung ab.

„Es ist gar nicht leicht, das so rosten zu lassen“, sagt der 27-jährige Geschäftsführer Clemens Frantzen – „wir haben wirklich experimentieren müssen“. Was nicht bedeutet, dass er und seine Kollegen einfach mal drauflos gebastelt hätten: Der 27-jährige Chefdesigner Julian Kuhnle bringt die Kenntnisse eines Bühnenbauers am Aalto-Theater in den Möbelbau ein, außerdem war er eine Zeit lang in einem stahlverarbeitenden Betrieb angestellt; sein 49-jähriger Kollege Roland Raasch kennt sich als ehemaliger Bergmann ebenfalls bestens mit Stahl und Schweißarbeiten aus. Doch das gemeinsame Wissen ist durch „ständiges Selbermachen“ gewachsen.

Räder von alten Loren

Aber was hat es mit den hier ausgestellten Möbelstücken auf sich, was bedeutet Industrial Design überhaupt? Im Grunde genau das, was der Name schon sagt: Materialien aus der Industrie wie Kisten, Fabrikleuchten, Rohstahlteile, Räder von alten Loren oder Metallspinde. An letzteren zeigt sich deutlich, dass die Idee vom Industrie-Chic mehr und mehr Anhänger findet: „Früher wurde man mit alten Spinden förmlich totgeschmissen, die lagen rum und sind verrostet, aber jetzt findet man sie kaum noch“, sagt Clemens Frantzen.

Den Konterpart zu den kalten Metallen bildet das Holz: Ausschließlich massiv, weitgehend naturbelassen. Frantzen kauft Holz, das andere Hersteller nicht haben wollen: „Am Anfang haben die Händler uns für bescheuert erklärt.“ Von sattem Schokobraun über changierende Rottöne bis zu hellem Beige – die hölzernen Tischplatten, die keineswegs immer strikt rechteckig sind, sondern Kurven und Kanten und Bögen haben, sind echte Hingucker. Neben „gängigen“ Hölzern wie Esche, Eiche oder Nussbaum werden alte Steigerplanken und recyceltes Nutz- oder Bauholz verwendet.

Inspiriert von einem ihrer ersten Aufträge zur Möbelumgestaltung arbeiten die Möbelloft-Designer manchmal auch Metall direkt in die Tischplatte ein: „Unsere Kundin hatte einen alten Landhaustisch, den sie verbreitern lassen wollte“, erzählt Clemens Frantzen, „da haben wir dann eine Stahlplatte eingesetzt“. Auch sonst wird nicht nur nach eigenen Ideen, sondern auch nach Kundenwünschen gebaut und umgestaltet.

„Die Leute wollen regionale Sachen, weg von der Massenproduktion, hin zu qualitativ hochwertigen, authentischen Möbeln“, so Clemens Frantzen. Auch deshalb bezieht seine Firma ihren Stahl direkt vom Nachbarunternehmen und das Holz von einem Essener Händler. Noch ist der Trend recht jung, doch immer mehr Kunden schauen im Essener Möbelloft vorbei, auf der Suche nach etwas, dass so aussieht, als ob es auch „in eine alte verlassene Industriehalle passen würde“.

Als Clemens Frantzen und seine Mitstreiter vor einem dreiviertel Jahr das Industrial Design in ihr Sortiment aufnahmen, haben sie dem Trend sogar etwas vorgegriffen: Bis vor Kurzem sei das stabile Industriemobiliar noch ein Nischending für junge Kreative gewesen, erklärt Clemens Frantzen – auf der letzten Kölner Möbelmesse habe es dann schon mehr Aufmerksamkeit bekommen und jetzt gebe es selbst im Ikea-Sortiment entsprechende Lampen. In sein kleines „Möbelhaus“ kommen mittlerweile auch Geschäftsleute, die Konferenztische ordern, Gastronomen und viele, viele Ingenieure und ehemalige Bergarbeiter, die der Einrichtungsstil fasziniert. Den Grund für das zunehmende Interesse sieht der Geschäftsführer darin, dass das Wohnen in Lofts an Popularität gewinne. Außerdem verkörpern die Möbel im Industrie-Look Stabilität und Wertigkeit, was für viele Menschen nach den „Geiz-ist-geil“-Jahren wieder wichtiger zu werden scheint.

Ein Trend hält zehn Jahre

In der Möbelbranche heißt es, dass ein Trend mindestens zehn Jahre andauert. „Wenn man sich also jetzt so einrichtet, ist man noch ungefähr sieben bis acht Jahre modern“, sagt Frantzen lachend. Danach kehrt der Trend dann womöglich zu seinem Nischendasein zurück. Was immerhin dafür sorgen dürfte, dass der Nachschub an Spinden wieder zunimmt.

Was Clemens Frantzen selbst am „Industrial Design“ mag: Es muss nicht immer das teure Einzelstück sein, gerade aus Paletten kann man auch vieles selber machen. „Auch wer nicht viel Kohle hat, kann sich schön einrichten – dieser Trend erlaubt, unperfekt zu sein.“

 
 

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