Wo das Briefgeheimnis nur ein Wort ist

Post-Mitarbeiter Olaf Wiegand untersucht einen unanbringlichen Brief im Service-Center
Post-Mitarbeiter Olaf Wiegand untersucht einen unanbringlichen Brief im Service-Center
Foto: WAZ FotoPool
16 000 Briefe ohne richtige Adresse und Absender landen jeden Tag im Service-Center „Briefermittlung“ der Deutschen Post. Hier haben die Mitarbeiter eine Aufgabe: die Briefe aufreißen, um so doch noch eine richtige Adresse zu finden. Dabei wird so manches kurioses Fundstück zutage gefördert.

Marburg.. Ein geschäftiges Rascheln liegt in der Luft und das Geräusch, das Briefe machen, wenn man sie aufschlitzt: dieses Ratsch, das im Abgang in ein kontrolliertes Reiß übergeht. Olaf Wiegand sitzt an seinem Arbeitsplatz, „Platz 8“ in einem Großraum, in dem es ein bisschen aussieht wie im Callcenter, und macht genau das: Briefe aufschlitzen, hunderte am Tag. Ratsch. Ratsch. Ratsch. Wie sein Kollege zur Rechten, wie die auf der anderen Seite der Sichtblende auch. Und es gibt mehrere solcher Großräume!

Hier macht die Post die Post auf. Fremder Leute Post, um ganz genau zu sein.

Ratsch.

In einem, wenn man es genau abwägt, grauenhaften 60er-Jahre-Betonturm nahe dem Marburger Bahnhof arbeiten rund 200 Menschen für das Service-Center „Briefermittlung“ der Deutschen Post; hinter seinen verschlossenen Türen ist das Briefgeheimnis nur ein Wort. Aber wenn es doch der guten Sache dient! Denn es geht darum, Briefe doch noch zuzustellen, auf denen die Adresse falsch ist und, leider Gottes, auch der Absender fehlt.

Nicht unzustellbar, sondern unanbringlich

„Unzustellbar“ würden Sie, ich und jeder andere Laie jetzt sagen, aber „schreiben Sie nicht unzustellbar“, sagt Abteilungsleiter Gerhard Schwarzer postwendend: „Das heißt unanbringlich!“ Weil man sie ja auch nicht zurückschicken kann. Findelkinder des Briefverkehrs. Von den 65 Millionen Briefen, die täglich in Deutschland ausgetragen werden, müssen 16 000 daher nach Marburg, 16 000, jeden Tag, wohlgemerkt. Was soll man da sagen? Machen Sie mal eine typische Handbewegung? Ratschratschratschratschratsch...

„Zum Lesen hätten wir auch gar nicht die Zeit“, sagt Schwarzer daher; trotzdem unterliegen die Briefermittler einer erhöhten Schweigepflicht bis ans Ende ihres Lebens. An Olaf Wiegands Arbeitsplatz sieht der Ablauf so aus: Er nimmt den nächsten Briefumschlag aus einer gelben Postkiste, schlitzt ihn seitlich auf, entfaltet das Blatt und blickt schnell auf Anfang und Ende. Oben findet sich gern doch noch eine Absenderadresse, unten oft eine Firmenzeile; steht da wenigstens ein Firmenname, kann man die Adresse ja auch googeln. Wiegand druckt einen Adressaufkleber aus, packt den alten Brief in einen grauen Sonderumschlag und schickt ihn doch noch auf den Weg; ein Umschlag ist das mit einem etwas größer gedruckten Spruch, der leider klingt, als sei er etwas in die Jahre gekommen: „Vergiss es nicht beim nächsten Mal: mit Absender und Postleitzahl.“

Man kann vieles falsch machen beim Adressieren

Denn man kann ja so viel falsch machen beim Adressieren. Manche Leute schreiben schlicht und einfach unleserlich, manche vergessen gar die Straße oder Stadt oder jede Art von Anschrift; sie vertun sich bei der Postleitzahl, verdrehen sie oder schreiben die alten hin, die vierstelligen, die ja auch erst seit 20 Jahren ungültig sind.

Und umgekehrt: Empfänger können weggezogen oder gestorben sein, keinen Namenszug am Briefkasten haben oder die Annahme verweigern. Und dann gibt es noch die ausgesprochenen Sonderfälle: „An meine Maus.“ „An meine lieben Eltern und meinen Bruder mit den fettigen Haaren.“

Erstaunliche 60 Prozent der Schreiben, die inkognito unterwegs waren, bringt die Post so doch noch an den Mann, der gemeint war. Der Rest wird ein Jahr aufbewahrt, falls noch jemand nachfragt. Danach frisst sie der böse Reißwolf.

Was ausdrücklich nicht gilt für die Fundstücke! Im 5. Stock dieses, wenn man nochmal neu drüber nachdenkt, furchterregenden Betonbaus fallen täglich 2000 bis 2500 herrenlose Fundgegenstände an: Dinge, die aus Briefen purzelten, Stücke, die die maschinellen Sortierstraßen, eben, aussortierten. „Es gibt nichts, was nicht verschickt wird“, sagt Ralf Lich (51), der seit sieben Jahren hier arbeitet: „Mich kann nichts mehr überraschen.“ Seine Aufgabe ist, die Fundstücke schriftlich zu beschreiben, damit sie wieder gefunden werden können, falls sie jemand vermisst.

In einer Postkiste aus 67077 liegt gerade, was in letzter Zeit allein in Ludwigshafen aus der Post fiel. Die Klassiker sind dabei: Schlüssel und USB-Sticks. Aber da ist auch eine Glasperlenkette und eine Hundemarke, und im weiteren Verlauf der Suche stellen sich zügig ein: Kaffeekapseln, eine Schalke-Dauerkarte, ein Ausweis, eine Fitnessclub-Mitgliedskarte. Was die Leute alles in Briefen verschicken!

„Ich habe schon alles gesehen. Auch Blutproben und Bienenköniginnen.“

Doch das ist längst nicht alles: Auf dem Bildschirm von Lich sind Stichworte vorgegeben, die er nur anklicken muss zur Archivierung eines Fundstücks; diese Stichworte werden immer dann eingepflegt, wenn ein entsprechender Gegenstand in der Briefpost gefunden wird. Kontaktlinsenentferner. Kranzschleife. Würstchenzange. Wurzelfüller. Konfetti. Bauch-weg-Gürtel. „Ich hab’ schon alles gesehen“, sagt Lich: „Auch Blutproben und Bienenköniginnen.“ Die Briefermittler pflegten sie mit Zuckerwasser. Ins Archiv konnte sie ja schlecht.

Auch die Fundstücke lagern da ein Jahr. Dann werden sie versteigert, und das Geld fließt auf ein Sperrkonto – falls sich soviel später doch noch jemand meldet. Das Archiv ist im Keller. Für Nachschub wird gesorgt. Von 200 Beschäftigten. Täglich von 7 bis zwanzig Uhr.

Ratschratschratschratschratsch.

 
 

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