Wie wir unseren Körper neu entdecken

Eva Lueg zeigt ihrer Klientin Nina Tewes, wie sie mehr auf ihren Körper „hört“.
Eva Lueg zeigt ihrer Klientin Nina Tewes, wie sie mehr auf ihren Körper „hört“.
Foto: Ralf Rottmann/WAZ FotoPool
Lange Zeit wurde der Geist getrennt vom Körper gesehen. Doch immer mehr Studien belegen, dass Menschen sich geistig wohler fühlen, wenn sie ihrem Körper mehr Aufmerksamkeit schenken. Ein Besuch bei einer Praktikerin für Körperarbeit der Grinberg-Methode.

Essen.. Eva Luegs flache Hände liegen sanft auf Inas* Dekolletee: „Spür meine Hände und atme voll dahin“, fordert sie mit leiser und doch fester Stimme. Ina liegt mit geschlossenen Augen vor ihr. „Fühl deinen ganzen Brustkorb“. Inas Brustkorb bewegt sich ruhig auf und ab. Doch dann sagt Eva Lueg einen Satz, der zusammenfasst, was Ina immer wieder Probleme macht: „Mit mir ist alles schwierig.“ Inas Fingerspitzen zucken. Die Hand krampft zur Faust. Eine senkrechte Falte gräbt sich in ihre Stirn.

Körperarbeit nennt das Eva Lueg. Arbeit. Denn bei der 44-Jährigen geht es nicht um die Entspannung wie bei einer Massage. Die Essenerin bringt Menschen bei, ihren eigenen Körper wieder mehr wahrzunehmen, Verhaltensmuster, die nicht guttun, zu durchbrechen, Kopfschmerzen, die nach einem anstrengenden Tag auftreten, nicht zu ignorieren. Eva Lueg ist Praktikerin der Grinberg-Methode. Avi Grinberg hat diese Lernmethode in den 70er-Jahren entwickelt, um Menschen eine Möglichkeit zu geben, das eigene Wohlbefinden dauerhaft zu steigern.

„Jetzt lass das los“, sagt Eva Lueg zu Ina. „Arbeite in den Brustkorb.“ Ina nimmt tiefe Atemzüge. Ein und aus, ein und aus, ein . . . Eva Lueg streicht mit Kraft über Inas Schultern, über Inas Arme. Langsam lockert sich die Faust, die Stirn glättet sich, nur die Lippen bleiben wie ein Strich aufeinandergepresst. Eva Lueg massiert Inas verspannten Kiefer, bis auch der endlich gelöst ist.

Seit ihrer frühen Jugend ist Ina essgestört. Um ihr Leben in den Griff zu bekommen, machte sie viele Therapien. Die 38-Jährige hat es geschafft – und doch war sie immer nur „Kopf“. „Ich habe so viel verstanden, aber so wenig gespürt.“ Zum ersten Mal empfindet sie ihren Körper als kostbar. Ihr Körper gehört zu ihr. Früher dachte sie nur: „Der hat zu funktionieren, um mich irgendwo hinzubringen oder gut auszusehen.“

Wenn sie dann vor Eva Lueg lag, fühlte sich Ina manchmal so massig. Doch wenn die Praktikerin sie berührt, dann spürt auch Ina ihren eigenen Körper wieder. Sie fängt an, ihn zu „sehen“ wie er wirklich ist: klein, schmal, schützenswert. Und dann fließen auch manchmal Tränen.

Ina steht heute mit beiden Beinen im Leben. Sie fühlt sich nicht mehr als „Opfer ihrer Ängste“. Wenn sie früher vor der roten Ampel stand und in den Rückspiegel ihres Autos schaute, dachte sie oft: „Mein Gott, siehst du wieder gestresst aus.“ Doch anstatt sich Vorwürfe zu machen, fängt sie heute bewusst zu atmen an. Dabei wird die kritische, energieraubende Stimme in ihr leiser. „Die meisten Menschen atmen nur so viel, wie zum Leben notwendig ist“, sagt Eva Lueg. Sie zeigt ihren Klienten, wie sie den ganzen Brustkorb nutzen, ihr Volumen erweitern. „Wenn wir unsicher sind, hören wir sogar einen Augenblick lang auf zu atmen. Dabei ist der Atem unser Energielieferant Nummer Eins.“

Ina, die Diplom-Pädagogik studiert hat und heute selbst Menschen in Stresssituationen berät, ist nach einem Jahr Körperarbeit gnädiger mit sich und anderen: „Ich bewerte nicht mehr so viel.“

In einem leidenschaftlichen Moment sagt sie: „Die Körperarbeit hat mich so weit nach vorne gebracht wie es zehn Jahre Gesprächstherapie nicht geschafft haben.“ Wobei sie betont, dass das Zusammenspiel wichtig sei. Ihr Verhalten zu reflektieren, zu analysieren, habe ihr sehr geholfen. „Aber es gibt mehr als das ratternde Gehirn“, betont Ina. „Wir sind nicht nur Kopf.“

Zum Ausprobieren: Übung I

Atemübung 4x7:Zur Entspannung von Schultern, Brustkorb und obererem Rücken: Legen Sie im Stand Ihre Hände auf den Brustkorb, Augen schließen. Nehmen Sie volle Atemzüge in den Brustkorb, zählen Sie jeweils bis 7 beim: Einatmen; Atem anhalten; Ausatmen; Atem anhalten. Wiederholen Sie die Übung bis zu 5 Minuten lang. Wenn Sie nicht bis 7 kommen, zählen Sie bis 6 oder weniger. Danach spüren Sie den Platz im Brustkorb und wie sich die Schultern anfühlen.

Übung II

Das Spiel– Übung mit Partner: Man steht sich gegenüber. Die Beine stehen breit auseinander. Knie und Ellbogen sind entspannt. Ständiger Augenkontakt. Ununterbrochen mit aller Kraft gegen den Partner drücken. Nicht vergessen zu atmen. Nicht gegen den Partner lehnen. Die Partner dürfen sich nicht von der Stelle bewegen. Aber der ganze Körper kann bewegt werden – außer den Füßen. Insgesamt 5 bis 10 Minuten lang. Danach stehen, Augen schließen, Körper spüren.

Mehr Informationen zur Körperarbeit:

Wer Körperarbeit ausprobieren möchte, sollte sich darauf einlassen können, von einem fremden Menschen berührt zu werden. Man sollte sich genau informieren, denn das Angebot ist vielfältig und nicht immer seriös.

Einige Psychotherapeuten beziehen Körperkontakttechniken in ihre Therapie mit ein. Einen Überblick liefert etwa die Deutsche Gesellschaft für Körperpsychotherapie :
www.koerperpsychotherapie-dgk.de

Körperarbeit und -therapien werden in Deutschland in der Regel nicht von der Krankenkasse übernommen.

Praktiker der Grinberg-Methode haben eine mehrjährige Ausbildung. Ein Psychologie- oder vergleichbares Studium sind keine Voraussetzung. Die Methode ist kein Ersatz für eine medizinische oder psychologische Behandlung. www.grinbergmethod-germany.com; Pro Stunde Körperarbeit bei Eva Lueg zahlt der Klient 45 Euro.
Tel: 0177/ 42 39 143

 
 

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