Wie Nerds mit ihren Visionen die ganze Welt verändern

Der bekannteste und reichste Nerd: Microsoft-Gründer Bill Gates, hier im Jahre 1988.
Der bekannteste und reichste Nerd: Microsoft-Gründer Bill Gates, hier im Jahre 1988.
Foto: Hulton Archive/Getty Images
Früher waren sie Außenseiter. Doch die Sonderlinge von einst verzaubern heute mit ihren Visionen die ganze Welt. Eine Reise von Bill Gates zu Mark Zuckerberg.

Essen.. Man wüsste ja gerne, ob seine Mitschüler Bill Gates mal in den Klassenschrank gesperrt haben. Oder an den Kartenständer gehängt. Oder was man früher sonst so machte mit Jungs wie ihm, die man „Sonderlinge“ nannte, „Streber“ oder „Eierkopf“. Die nie ein Mädchen abbekamen und mit denen man nur sprach, damit man von ihnen die Mathe-Hausaufgaben abschreiben konnte. Was sie meist zuließen, weil sie in der Regel von eher schwächlicher Konstitution waren und eben nicht so gerne in den Schrank oder an den Kartenständer wollten. Heute nennt man Menschen wie Gates gerne „Nerds“.

Aus den Außenseitern von einst sind Menschen mit viel Geld geworden. Trotzdem sind sie immer noch behaftet mit Klischees, werden wahlweise für High-Tech-Schamanen, durchgeknallte Freaks oder arme Kerle gehalten. Alles nicht ganz verkehrt aber auch nicht völlig richtig. Das Phänomen des Nerds ist ein diffuses, eines, das sich schwer fassen lässt. Dennoch wird immer klarer. Nerds werden wahrscheinlich mal den Planeten retten.

Das Gegenteil vom Mädchenschwarm

Wie es so weit kommen konnte, ist nicht so einfach zu erklären. Schon die Herkunft des Wortes „Nerd“ ist bis heute nicht ganz klar. Erstmals dokumentiert ist der Begriff 1950 in dem Kinderbuch „If I Ran the Zoo“, steht damals allerdings in einem völlig anderen Kontext. Fest steht, dass er seit Mitte des 20. Jahrhunderts zuerst in den US-amerikanischen High-Schools die Runde machte, wo der Nerd eine Gegenfigur zum Jock ist, dem athletischen, aber oberflächlichen Kumpeltyp und Mädchenschwarm.

Angeblich, so eine weit verbreitete Theorie, stammt der Begriff vom Wort „drunk“ ab, also von „betrunken“. Ein Zustand, in dem sich viele Studenten – nicht nur in den USA – regelmäßig befinden und der die Studiendauer durchaus nicht unerheblich verlängern kann. Für strebsame junge Menschen, die lieber ins Physikbuch oder in Comics statt in den Sportteil der Zeitung gucken, völlig undenkbar. Deshalb, so behaupten manche, habe man das Wort „drunk“ für diese Zeitgenossen einfach rückwärts „knurd“ gelesen, was im Englischen dann wie Nerd klingt. Einer anderen Theorie zufolge ist „Nerd“ schlicht und ergreifend die Abkürzung für „non emotionally responding dude“ auf deutsch etwa „sozial verarmter Typ“.

Natürlich trägt er eine Brille, schwarz, aus Horn

Und wie so ein Typ daherkommt, das weiß man ja. Blass und von Pickeln übersät die an natürliches Tageslicht nicht gewohnte Haut, wirr das Haar, schwammig der Körper, der meist in zu kurzen Hosen und einem karierten Hemd steckt, das bis oben hin zugeknöpft ist. Und natürlich trägt er eine Brille, schwarz, aus Horn und im schlimmsten Fall mit Gläsern dick wie Flaschenböden. Einer, der es mit der Körperhygiene nicht immer so genau nimmt und der Feuerwehr eine E-Mail schickt, wenn es bei ihm zu Hause brennt: „Feuer! Feuer! Helfen Sie mir! Ich freue mich auf Ihre Antwort.“

So welche kann man beim Fußballspielen höchstens als Torpfosten nehmen. Wenn überhaupt. „Eine Schar unattraktiver, neurotischer Bürschchen, die aussehen, als könne man sie mit einem Löschblatt bewusstlos schlagen“, hat Peter Glaser sie im Stern mal beschrieben. 1996 war das und damals war es eine ganz gute Beschreibung. Heute sieht das anders aus. Dicke Hornbrillen sind plötzlich sexy, Pullover aus Großvaters Schrank gelten als cool.

Archimedes, der prominenteste Nerd des Altertums

Doch ein veränderter Modegeschmack allein reicht natürlich nicht aus, um zu erklären, warum der Nerd seit einiger Zeit als gesellschaftsfähig gilt. Zumal er eigentlich kein neues Phänomen ist. Schon im sechsten Jahrhundert vor Christi soll der griechische Mathematiker und Astronom Thales von Milet bei einem nächtlichen Spaziergang so in die Betrachtung der Sterne vertieft gewesen sein, dass er kopfüber in einen Brunnen stürzte, aber mit dem Leben davon kam.

Weniger Glück hatte gut 300 Jahre später Archimedes, der wahrscheinlich prominenteste Nerd des Altertums. Der geniale Waffenkonstrukteur und Mathematiker, so die Legende, war so sehr in seine Berechnungen vertieft, dass er einen vorbeikommenden römischen Soldaten anblaffte: „Störe meine Kreise nicht.“ Worauf der Kämpfer ihn bekanntlich kurzerhand erschlug. Gewiss, das sind tragische Einzelfälle, aber sie sind nicht untypisch für Inselbegabte und ihr Verhalten. Sozial dysfunktional, realitätsfremd, tollpatschig und jeder Art von Autorität gegenüber sehr renitent.

„Es hat in der Menschheitsgeschichte schon immer Nerds gegeben“, zitiert der Buchautor Jörg Zittlau den Medienwissenschaftler Mathias Mertens von der Universität Hildesheim in seinem Buch „Nerds, wo eine Brille ist, ist auch ein Weg“. Mathematiker und Naturwissenschaftler sind sie, später Techniker und Ingenieure, Vogelkundler, gerne auch Sammler aller Art. Heute auch Filmfreaks. Doch viele Jahrhunderte blieben sie in ihren Nischen, im besten Fall mitleidig belächelt.

Als die Modems zu piepen begannen

Erst als Ende der 1980er-Jahre weltweit die ersten Modems zu piepen beginnen, Briefe zu E-Mails werden und die Menschen nicht im Brockhaus sondern bei Wikipedia nachschlagen, wenn sie etwas wissen möchten, schlägt die Stunde der Sonderlinge. Plötzlich bestätigt sich, was viele von ihnen längst geahnt haben. Sie sind nicht alleine, es gibt Millionen von ihnen. Und in der virtuellen Welt sind sie stets nur einen Mausklick entfernt. Schnell entstehen die ersten Netzwerke, entwickeln sich Gespräche, in denen Äußerlichkeiten nicht zählen und man nicht auf Gestik oder Mimik achtet, – zumindest nicht bis es Videotelefonprogramme wie „Skype“ gibt.

„Die Figur des Nerds wurde erst sichtbar durch den Computer“, bestätigt Mertens. Denn das digitale Neuland ist für die Sonderlinge im Grunde bekanntes Terrain. Es funktioniert, wie sie denken. Eine Welt aus Einsen und Nullen, in der man nicht auf Gestik oder andere Äußerlichkeiten achten muss und in der sich alles berechnen und analysieren lässt. Immer streng logisch, stets den gleichen Regeln folgend.

Zwischen Monk und Urkel

Die ersten, die umschwenken in Sachen „Nerds“, sitzen mal wieder in Hollywood. Dort, wo Randbegabte lange Zeit nur Witzfiguren waren und Steve Urkel („Alle unter einem Dach“) oder Murray Bozinsky („Trio mit vier Fäusten“) hießen, kommen Serien wie „Bones“ oder „Navy CIS“ schon seit Jahren nicht mehr ohne Computerspezialisten aus. Ganz zu schweigen natürlich von Detektiven wie „Monk“ oder „Sherlock“, die blitzgescheit und gesegnet mit vielen Talenten, gleichzeitig aber voller Macken und Neurosen, ja manchmal schon am Rande des Autismus, die schwierigsten Fälle lösen.

Visionen werden wahr

Doch das alles ist nichts gegen die Realität. Steve Jobs, Bill Gates, Mark Zuckerberg oder Larry Page heißen die Helden des 21. Jahrhunderts, die mit ihren Unternehmen Apple, Microsoft, Facebook oder Google Visionen wahr werden lassen. Der eine fotografiert mal eben die ganze Welt ab, die anderen revolutionieren das Telefonieren und Musikhören oder schaffen ein Netzwerk rund um den Globus. Unvorstellbar reich werden sie dabei und wenn es der ein oder andere zwischenzeitlich an Empathie und Rücksicht mangeln lässt, stört das auch nicht besonders: „Es waren schließlich nicht die sozialen Leute am Lagerfeuer, die den ersten Steinspeer erfanden“, gibt die autistische US-Wissenschaftlerin Temple Grandin zu bedenken.

Und auch mit den Frauen haben die unsportlichen Hochbegabten nicht mehr so viele Probleme, wie man einst glaubte. Denn der Nerd ist zwar überwiegend männlich, kann aber grundsätzlich auch in weiblicher Version auftreten. Denn natürlich gibt es Mädchen und junge Frauen, die mit Soft-Drinks und Pizza ganze Nächte vor dem PC durchmachen und völlig chaotisch durch ihr Schüler- und Studentenleben schlingern. Es sind nur nicht so viele. Er wünsche sich mehr weibliche Nerds, hat Zuckerberg erst vor wenigen Wochen im Internet geschrieben. Als Antwort auf den Tipp einer Großmutter, die ihren Enkeltöchtern empfiehlt, mit den Computerexperten ihrer Schule auszugehen, denn: „Es könnte ja der nächste Mark Zuckerberg dabei sein.“ Das kann der Facebook-Gründer nicht ausschließen, rät aber lieber zur Eigeninitiative. „Noch besser wäre es, sie zu ermutigen, selbst die Nerds ihrer Schule zu sein, damit sie die nächsten erfolgreichen Erfinder sein können!“

Ein Auge auf eine mögliche Partnerin geworfen

Wenn Nerds erst einmal ein Auge auf eine mögliche Partnerin geworfen haben, hat Dr. Carin Perilloux vom Williams College, Massachusetts in einer Studie herausgefunden, seien sie wie bei der Lösung ihrer beruflichen Aufgaben: „Sehr hartnäckig.“ Dass in vielen Fällen noch jede Menge Geld hinzukommt, ist wohl nicht schädlich, in den oberen Etagen des Nerd-Universums aber eher nebensächlich.

Alle Großen der Szene sind längst verheiratet, die meisten ihrer Ehefrauen sind zwar attraktiver, können aber auch mit ihren Männern reden. Lucy Southworth, die 2007 mit Page vor den Traualtar trat, ist Stanford-Doktorandin für biomedizinische Informatik und Melinda Gates zeigte sich vom Kontostand ihres Gatten stets unbeeindruckt: „Ich wäre auch ohne Bill Millionärin geworden“, ist sie überzeugt. Für Steve Jobs Witwe Laurene Powell dürfte ähnliches gelten. Seit ihr Mann starb hat sie ihr Vermögen jedenfalls um ein paar Milliarden Dollar vergrößert und gilt als eine der reichsten Frauen der USA.

Ein ganz neues Selbstbewusstsein

Natürlich sind Gates & Co. Ringeltauben. Aber sie haben Otto-Normal-Nerd ein ganz neues Selbstbewusstsein vermittelt. Endlich sind die bebrillten Schlauberger den Schönen und Starken um einen Tastendruck voraus. Mehr noch. Für viele werden sie zu Fremdenführern in der digitalen Welt. Und wo man früher nach der Mathe-Hausaufgabe gefragt hat, erkundigt man sich heute, wie man denn den Jailbreak seines Smart-Phones hinbekommt, ohne das Gerät zu schrotten oder wie man seinen Rechner zu Hause übertaktet.

Kein Grund mehr also für die „Eierköpfe“ dieser Welt sich bei kalter Pizza und Cola in die Abgeschiedenheit ihres unaufgeräumten Zimmers zurückzuziehen. Im Gegenteil: Landauf, landab rufen sie zu Nerd Nites, wo dann Themen wie „Die Physik von Star Trek“ oder „Nikolaus Cusanus und das Problem der Kreisquadratur“ auf dem Programm stehen. Und das Publikum kommt immer zahlreicher, wenngleich manchmal auch eine wenig skeptisch. „Ich habe nur Abi“, schreibt einer im Internet und fragt: „Kann ich verstehen, über was ihr da sprecht?“

Vielleicht nicht alles. Aber das ist auch nicht wichtig. Bald werden es ohnehin nur die echten Nerds sein, die diese hochtechnisierte Welt verstehen. Die Probleme lösen, bevor andere sie überhaupt erkennen. Oder an denen andere seit Jahrzehnten gescheitert sind. Autos ohne Fahrer, ein Mittel gegen Krebs, bemannter Flug zum Mars?

Ohne die mitunter wirren Technik-Freaks wird das wohl alles nichts werden. Auch deshalb sollte man sich zu Herzen nehmen, was Bill Gates schon vor vielen Jahren gesagt hat: „Sei nett zu Nerds“, hat er da geraten, „du könntest mal für einen arbeiten.“

Wie „The Big Bang Theory“ aus Sonderlingen coole Typen machte

Es ist nur eine TV-Serie. Aber sie hat viel dazu beigetragen, die Nerds so populär zu machen, wie sie heute sind. Weil man in „The Big Bang Theory“ (TBBT) nicht nur über sonderbare Menschen lachen kann, sondern auch mit ihnen.

Im Mittelpunkt stehen Dr. Sheldon Cooper (Jim Parsons) und Dr. Leonard Hofstadter (Johnny Galecki), Nerds par excellence, auf der Suche nach der großen Liebe und dem Leben an sich. Die Mittzwanziger sind Physiker am California Institute of Technology und haben eine Wohngemeinschaft. Das ist nicht immer ganz einfach. Denn so intelligent das Duo auch ist, so sozial inkompetent ist es auch. Und Sheldon pflegt Marotten, die selbst im mittlerweile an Spinnern nicht gerade armen Fernsehen ungewöhnlich sind.

Nicht nur, dass er stets auf dem gleichen Platz auf dem Sofa sitzen will und seine Zahnbürste aus Sorge vor Keimen unter UV-Licht aufbewahrt, nein, er hat in einem WG-Vertrag auch festgelegt, was zu tun ist, wenn die Wohnung von einer Zombieplage heimgesucht wird. Oder wenn einer der beiden ein Mädchen mit nach Hause bringt. Wobei eine Zombieplage lange Zeit wahrscheinlicher ist.

Denn der Bekanntenkreis der beiden ist – vorsichtig ausgedrückt – überschaubar. Ihre besten, eigentlich aber auch ihre einzigen Freunde sind der Inder Rajesh Koothrappali (Kunal Nayyar) und Howard Wolowitz (Simon Helberg), ebenfalls nicht dumm und kaum weniger verwirrt. Zusammen machen sie, was Nerds so machen. Lachen über physikalische Witze, spielen Videospiele, lösen Matheaufgaben und diskutieren über Zeitmaschinen oder den Inhaltsstoffen von asiatischem Essen, das sie bevorzugt verschlingen. Doch dann kommt Penny (Kaley Cuoco). Was eine Art Urknall auslöst, einen Big Bang eben. Zumindest für Menschen, die es nicht gewohnt sind, sich offline mit Fremden zu unterhalten. Die Blondine zieht in das Apartment gegenüber ein und wird die Verbindung zur echten Welt, später sogar zu mehr.

Ja, auf den ersten Blick wirkt das wie eine weitere Serie über Hochbegabte. Aber TBBT ist mehr. Nicht nur, weil die meisten Dialoge gelungen und die erzählten Geschichten herrlich verrückt sind. Vor allem, weil es dem Nerd-Quartett regelmäßig gelingt, wissenschaftliche Prinzipien auf ihren Lebensalltag zu übertragen. Und für alle, die einen der Gags aus der Geisteswelt nicht auf Anhieb verstanden haben, gab es anfangs sogar Nachhilfe. Auf „The Big Blog Theory“ erklärte David Satzberg, Professor an der Uni von Kalifornien, die wissenschaftlichen Hintergründe und wachte auch sonst darüber, dass die Schauspieler keinen Unsinn erzählen.

Eine Million Dollar Gage pro Folge

All das hat die Reihe enorm populär gemacht. The Big Bang Theory läuft rund um den Globus im Fernsehen. Allein in den USA schalten regelmäßig bis zu 20 Millionen Zuschauer ein und in Deutschland ist sie laut einer Umfrage in der Altersgruppe der 16- bis 49-Jährigen beliebter als der „Tatort“. Das hat sich auch auf die Gage der Hauptdarsteller ausgewirkt. Die beiden, die im TV nicht mal am Türsteher einer Dorfdisco vorbeikommen, könnten sich im echten Leben jede Woche ein Tanzlokal kaufen. Denn pro Folge kassiert jeder von ihnen eine Million Dollar. Dafür dürfen die Leute dann auch gerne mal lachen über die Nerds.

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