Wie Fahrradfahrer sich ihr Recht auf der Straße erkämpfen

Gemeinsam stark: Die Radfahrer ergattern sich ihren Platz zwischen den vielen Autos auf der Straße. Vor gut einer Woche waren sie in der Essener Innenstadt unterwegs.
Gemeinsam stark: Die Radfahrer ergattern sich ihren Platz zwischen den vielen Autos auf der Straße. Vor gut einer Woche waren sie in der Essener Innenstadt unterwegs.
Foto: WAZ
Um ihren Platz im Straßenverkehr einzufordern, treffen sich regelmäßig Radler zur gemeinsamen Fahrt als Masse. Die Aktion nennt sich "Critical Mass".

Essen.. Das Mädchen muss etwa sieben Jahre alt sein: Weißes Kleid, dunkle Haare, Mund und Augen vor Staunen weit aufgerissen. Andere Kinder winken, Mütter ebenfalls. „Woahhh!“, brüllt ein Mann, der die Straße entlangläuft. „Bestimmt eine Demo“, sagt eine grauhaarige Dame vor einem Café wissend zu ihrer Begleiterin. Leute bleiben stehen und zücken ihre Handys – schnell ein Video an die Freunde schicken, das glaubt einem ja sonst keiner. „Ey, was läuft hier?“, ruft ein Jugendlicher. Und ein Mann, dunkles Haar, dunkler Anzug, vor einer Kneipe: „Ist das denn genehmigt?“

Nein, ist es nicht und muss es nicht. Eine Horde Autofahrer braucht schließlich auch keine Genehmigung, um Straßen zu verstopfen. Wir sind eben eine Horde Radfahrer – 142 Radfahrer. Ich habe nicht jeden einzelnen gezählt, aber so viele sind es, die über Facebook ihr Kommen zur heutigen „Critical Mass“ (CM) angekündigt haben. Critical Mass, kritische Masse: Unter diesem Namen treffen sich schon seit den 90ern Menschen zur gemeinsamen Radtour. Das Besondere: Die Teilnehmer flüchten sich nicht auf die Radwege der Naherholungsgebiete, sondern fahren mitten durch die Stadt.

Der übrige Verkehr darf den Verband nicht ohne weiteres „unterbrechen“

Die Bezeichnung geht zurück auf ein chinesisches Alltagsphänomen: Dort, wo keine Ampeln den Verkehr regeln, warten Radfahrer, bis ihre Gruppe eine bestimmte Anzahl, eine kritische Masse, erreicht hat, bis sie sich in die Kreuzung hineinwagen. Denn in der Gruppe fährt es sich sicherer – als Einzelner könnte man im quirligen Verkehr schnell unter die Räder eines Autos, Busses oder Lkws geraten. In Deutschland ist die kritische Masse sogar gesetzlich festgelegt: „Mehr als 15 Rad Fahrende dürfen einen geschlossenen Verband bilden. Dann dürfen sie zu zweit nebeneinander auf der Fahrbahn fahren“, heißt es in Paragraf 27 der Straßenverkehrsordnung. Und: Der übrige Verkehr darf den Verband nicht ohne weiteres „unterbrechen“. Auch Autofahrer müssen also gegebenenfalls mal warten, bis die Gruppe vorbei ist.

Vorbildliche mit Helm und in gerader Haltung, Sportliche in Funktionsklamotten, tätowierte Draufgängertypen, tätowierte besonnene Typen, Hipster, Normalos, Nerds, Junge und Ältere – genauso unterschiedlich wie die Fahrer sind ihre Räder: Mountainbikes, Rennräder, (Tandem-)Liegeräder, E-bikes, Cityräder, Fantasiegefährte; mal oll mal stylish, mal selbst zusammengeschraubt, Hauptsache es fährt. Und: hat eine Klingel. Denn immer wieder stimmt der „Verband“ ein Klingelkonzert an – und untermalt die ungewöhnliche Szene akustisch.

Der erste Radfahrer bestimmt die Route

Die Atmosphäre: ein bisschen Volksfest, ein bisschen Sonntagsausflug. Die Stimmung: ausgelassen, aber aufmerksam. In so einer großen Gruppe ist es wichtig, aufeinander zu achten, keine weiten Lücken entstehen zu lassen aber auch nicht zu eng aufzufahren, rechtzeitig zu bremsen, Handzeichen der Vorderen nach hinten weiterzugeben. Die jeweilige Route ergibt sich spontan: Wer vorne fährt, entscheidet wo es langgeht.

Andreas Brinck ist seit einem Jahr regelmäßig dabei – obwohl er gar kein eigenes Fahrrad besitzt. Aha, ein Vollblut-Autofahrer! Wohl kaum: Ein Auto hat der 34-Jährige ebenfalls nicht. Dafür ein Abo für die „Metropolradruhr“-Leihfahrräder.

Warum fährt er hier mit? Warum die anderen? Geht es um Provokation, wie manch genervter Autofahrer vermutet, wenn die Gruppe kurzzeitig eine Kreuzung blockiert? Die Frage kann ich mittlerweile selbst beantworten: Die wollen nicht provozieren, die wollen einfach nur radfahren und zeigen, dass Fahrradverkehr selbstverständlich dazugehört. „Das Fahrrad ist für viele etwas Touristisches“, sagt Andreas, „kein Verkehrsmittel im eigentlichen Sinne. Montags bis Freitags fährt man Auto, am Wochenende Fahrrad.“ Ertappt. Aber warum ist das so? Es soll ja durchaus Menschen geben, die keine 40 Kilometer zur Arbeit zurücklegen müssen, die auf dem Fahrrad sogar schneller wären, weil sie volle Straßen meiden und Abkürzungen nehmen könnten. Aus Bequemlichkeit? Bei mir selbst ist es eher Angst: Erst vor ein paar Tagen hat mich ein Autofahrer wieder so nah und mit Vollgas überholt, dass ein kleiner Schlenker für einen bösen Unfall gesorgt hätte. Die Straße war frei, er hätte genug Platz gehabt, um mir ebenfalls Platz zu lassen.

Es gibt nicht überall Radwege

„So entspannt kann ich hier sonst nur nachts fahren“, sagt gerade ein Radler zu seinem Nebenmann. Eigentlich unfair. Es gibt schließlich nicht überall Radwege, also muss man doch mal die Straßen nutzen können, sogar als ängstlicher Mensch, als älterer Mensch, als weniger sportlicher Mensch. Diese Forderung fährt mit auf der Tour.

Auch, als eine Autofahrerin nicht einsehen will, dass sie jetzt einen Moment warten, und hinter der Gruppe die Spur wechseln muss, wie sie es täte, wenn ein Sattelschlepper an ihr vorbeiziehen würde. Sie fährt mitten in den Pulk hinein und regt sich auf. Anstatt zurückzuschimpfen, reicht ihr ein Teilnehmer einen CM-Aufkleber durchs Fenster.

Informieren statt provozieren, freundlich grüßen statt fluchen – die Radler der Critical Mass möchten die Straße gern mit Autos teilen. Aber bitte gerecht.

Wer mitfahren möchte: CM gibt es in vielen Städten. Die Gruppen sind über Facebook leicht zu finden. Über Termine informiert auch die Seite velocityruhr.net/termine

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